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Weltbühne

Alexis Tsipras„Wir sind keine deutsche Kolonie“

Von Richard Fraunberger14. Juli 2012
picture alliance
Alexis Tsipras,Portrait,Che Guevara der Griechen,Syriza
Der jüngste Parteichef Griechenlands hat alles, was man braucht, um Wählermassen zu begeistern
Schrift:

Am Ende ist Alexis Tsipras „nur“ Zweiter geworden. Ein perfekter Platz, um die Regierung vor sich herzutreiben, denn er ist charismatisch, machtgesteuert, ein begnadeter Redner und kühler Stratege. Ein Portrait

Seite 1 von 4

Rücksichtslos und amoralisch nannte ihn die Tageszeitung To Vima. Er sei ein Opportunist und Populist und müsse gerade deshalb ernst genommen werden. Andere sehen in ihm den einzigen Hoffnungsträger im Trümmerfeld des alten politischen Parteiensystems. Gegensätzlicher könnten die Meinungen über Alexis Tsipras, den neuen Revolutionsführer, den Che Guevara der Griechen, nicht sein. Seit der Parlamentswahl vom 6. Mai sorgt der 38-Jährige für ein politisches Erdbeben. Syriza, das Bündnis radikaler Linker, schoss bei den Wahlen von 4 auf 17 Prozent. Wieviel Potenzial und Rückhalt Syriza bei den Griechen hat, offenbarte schließlich die Wahl vom 17. Juni: Syriza konnte noch einmal deutlich zulegen und kam auf 26,9 Prozent der Stimmen. Damit wurde das Bündnis zweitstärkste Partei hinter der konservativen Nea Dimokratia. Ein kometenhafter Aufstieg für eine Partei, die bislang im Parlament vor sich hindümpelte.

Sofortige Aufkündigung der Sparmaßnahmen, Neuverhandlung mit der EU‑Troika, einseitige Abschreibung eines Großteils der Schulden, Rentenerhöhungen – dies bleiben die Forderungen von Syriza. Zudem sollen Banken verstaatlicht, Militärausgaben gekürzt und eine Reichensteuer eingeführt werden. Das ist Musik in den Ohren der meisten Griechen. Zu lange dauert der wirtschaftliche Niedergang, zu sehr ist das nationale Ego angekratzt. Im Rausch des Wahlerfolgs erklärte Alexis Tsipras, lächelnd und selbstbewusst, alle bisherigen Vereinbarungen mit der Troika für null und nichtig. Der „Volkswille“ habe sich mehrheitlich gegen die „barbarische Sparpolitik“ der EU entschieden.

Wer ist dieser Politiker, der über Nacht zum „gefährlichsten Mann Europas“ wurde, der die EU mit so schrillen Tönen herausforderte und auch in der Opposition keine Ruhe geben und die griechische Regierung vor sich hertreiben wird?
Alexis Tsipras, 1974 in Athen geboren, ist das politische Wunschkind aller, die sich 1973 am Aufstand gegen die Junta im Athener Polytechnikum beteiligten. Der Klassenprimus begann sich schon früh für Politik zu interessieren.

[gallery:Griechenland unter: Karikaturen aus zwei Jahren Eurokrise]

Schülerproteste, Schulbesetzungen, Mitglied der Kommunistischen Jugend, Proteste gegen Globalisierung und Neoliberalismus, Vorstandsmitglied des panhellenischen Studentenbunds. Das ist normal für einen jungen Mann, um den herum fast täglich irgendjemand streikt, demonstriert oder den Staat in Geiselhaft nimmt. Und es ist erstaunlich viel für einen jungen Mann, der in einem Land aufwuchs, in dem, verglichen mit den Jahrzehnten davor, das Leben sorgenfrei war und fern jeder wirtschaftlichen Not. Denn seit dem Beitritt zur EU ging es in Griechenland fast nur aufwärts. Mit der Unterstützung seines politischen Ziehvaters, Alekos Alavanos, dem ehemaligen Vorsitzenden von Synaspismos, verläuft die Politkarriere des studierten Bauingenieurs schnell und steil: Wahl in den Parteivorstand, Wahl in den Stadtrat Athens, Wahl zum Parteichef von Syriza. 2009 zieht Alexis Tsipras schließlich ins Parlament.

Der jüngste Parteichef Griechenlands hat alles, was man braucht, um Wählermassen zu begeistern. Er ist charismatisch und machtgesteuert. Er ist ein begnadeter Redner und ein kühler Stratege. Bei Pressekonferenzen und in Interviews richtet er sich stets ans Volk, in dessen Namen er spricht. Syriza und das Volk sind ein und dasselbe für ihn. Das hat geradezu messianischen Charakter. In seiner Weltanschauung gibt es keine Nuancen. Er benutzt das Vokabular eines Altkommunisten. Vom Volkswillen und Volksurteil ist häufig die Rede. Spricht er über die Wirtschaft und wie man die Krise löst, fallen Sätze wie dieser: „Das Memorandum gefährdet Griechenlands Demokratie.“

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Wen interessiert die Realitätsverweigerung der Griechen noch?

Die Einkommen sind jetzt im Vergleich zu 2008 um 50% gesunken und noch immer ist Griechnland nicht in der Lage sich ohne Schuldendienst selbst zu finanzieren. Man fragt sich langsanm was stellt dieses Land noch her? Hat man wirklich die gesamte Volkswirtschaft komplett auf kreditfinanzierten Konsum umgestellt? Dann gibt es natürlich einen Sturz in bodenlose. Zumal der Aufbau einer funktionierenden Verwaltung nur sehr schleppend voran kommt. In fünf Jahren werden sich die Einkommen wieder halbiert haben. Das lässt sich mit den üblichen volkswirtschaftlichen Konzepten nicht operationalisieren. Allerdings macht es auch keinen Sinn, den griechischen Konsum zu finanzieren. Leute wie Tsipras machen es auch nicht gerade einfacher, denn sie schrecken Investoren ab, denen er schon mal mit Enteignung droht, um dann die investierten Mittel wieder dem Konsum zuzuführen. Nicht nur das Vertrauen der Griechen untereinander ist zerstört, sondern auch das Vertrauen der Welt in Griechenland. Man erwartet nur noch falsche Zusagen und Erpressung von Gläubigern und Investoren. Insofern spielt Tsipras denen in die Hände, denen ein Ende mit Schreecken lieber ist als ein Schrecken ohne Ende.

  • Antworten
Christoph Kuhlmann14.07.2012 | 12:30 Uhr

Ist die Zukunftsrealität Deutschlands eine andere?

A. Tsipras, so wie Raphael Correa in Equador, identifizierten die Globalität der Finanzelite und das perfide Spiel mit Währungen. Seit 4 Jahren gewinnen die Banken Zeit um Fiatgeld, ledigliche Buchungspositionen, in echtes Geld umzuwandeln: die Steuerschuld der Staaten. Es wäre ein Leichtes für die EZB frische Euros zu drucken und sie unter den Ländern zu verteilen. Aber die Finanzlobby verstand es gut, den Maastrichtvertrag zu Gunsten ihrer Ernährer zu beeinflussen: Nicht die EZB darf Kredite vergeben, sondern Banken! Die EZB darf lediglich an Banken Billigstkredite verteilen, die wiederum teuer an Staaten vergeben werden (kauf von Anleihen, Infrastrukturkredite etc.). Die fälligen Zinsen sind dann echtes Geld. Nur der Kreditwunsch gebiert Geld und bedingt das ständige Wachstum. Wenn uns klar ist, was Geld ist, müssten wir eine Revolution provozieren!

  • Antworten
Pan Pavlakoudis / phion analytics16.07.2012 | 10:47 Uhr

Wer will euch denn noch zur

Wer will euch denn noch zur Kolonie ?
Ihr seid von euren Gönnern verdorben worden.
Da muß erst mal eine im Kopf resettete Generation her.

Und das dauert mind. 30 bis 40 Jahre.

  • Antworten
ugur15.07.2012 | 12:43 Uhr

genau,GR ist keine deutsche Kolonnie

Und deshalb wollen deutsche Steuerzahler griechische Schulden auch nicht bezahlen.

  • Antworten
Lill-Karin Bryant15.07.2012 | 21:45 Uhr

Griec henland

Bei einem Urlaub in Kreta wurde meine Überzeugung gestützt, daß Griechenland als Tourismusland kann nur mit der Drachme als einer radikal abgewerteten Währung wieder hochkommen.
Die Griechen haben unter dem Euro parasitär auf unsere Kosten gelebt und dabei ihre Konkurrenzfähigkeit eingebüßt. In meinem Drei-Sterne Hotel bekam ich offensichtlich billiges Hähnchen- und Schweinefleisch aus deutschen Fleischfabriken, wie in einer Mensa.
Auf die Einhaltung des Busfahrplans war keinerlei Verlaß. Für uns deutsche Rentner, die wir in die nahe Hafenstadt Rethymno wollten, stand nicht einmal eine Wartebank bereit.Der aufgeblähte öffentliche Dienst ist offensichtlich total verkommen.

  • Antworten
Johannes von Bieberstein18.07.2012 | 10:30 Uhr

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