Am Ende ist Alexis Tsipras „nur“ Zweiter geworden. Ein perfekter Platz, um die Regierung vor sich herzutreiben, denn er ist charismatisch, machtgesteuert, ein begnadeter Redner und kühler Stratege. Ein Portrait
Rücksichtslos und amoralisch nannte ihn die Tageszeitung To Vima. Er sei ein Opportunist und Populist und müsse gerade deshalb ernst genommen werden. Andere sehen in ihm den einzigen Hoffnungsträger im Trümmerfeld des alten politischen Parteiensystems. Gegensätzlicher könnten die Meinungen über Alexis Tsipras, den neuen Revolutionsführer, den Che Guevara der Griechen, nicht sein. Seit der Parlamentswahl vom 6. Mai sorgt der 38-Jährige für ein politisches Erdbeben. Syriza, das Bündnis radikaler Linker, schoss bei den Wahlen von 4 auf 17 Prozent. Wieviel Potenzial und Rückhalt Syriza bei den Griechen hat, offenbarte schließlich die Wahl vom 17. Juni: Syriza konnte noch einmal deutlich zulegen und kam auf 26,9 Prozent der Stimmen. Damit wurde das Bündnis zweitstärkste Partei hinter der konservativen Nea Dimokratia. Ein kometenhafter Aufstieg für eine Partei, die bislang im Parlament vor sich hindümpelte.
Sofortige Aufkündigung der Sparmaßnahmen, Neuverhandlung mit der EU‑Troika, einseitige Abschreibung eines Großteils der Schulden, Rentenerhöhungen – dies bleiben die Forderungen von Syriza. Zudem sollen Banken verstaatlicht, Militärausgaben gekürzt und eine Reichensteuer eingeführt werden. Das ist Musik in den Ohren der meisten Griechen. Zu lange dauert der wirtschaftliche Niedergang, zu sehr ist das nationale Ego angekratzt. Im Rausch des Wahlerfolgs erklärte Alexis Tsipras, lächelnd und selbstbewusst, alle bisherigen Vereinbarungen mit der Troika für null und nichtig. Der „Volkswille“ habe sich mehrheitlich gegen die „barbarische Sparpolitik“ der EU entschieden.
Wer ist dieser Politiker, der über Nacht zum „gefährlichsten
Mann Europas“ wurde, der die EU mit so schrillen Tönen
herausforderte und auch in der Opposition keine Ruhe geben und die
griechische Regierung vor sich hertreiben wird?
Alexis Tsipras, 1974 in Athen geboren, ist das politische
Wunschkind aller, die sich 1973 am Aufstand gegen die Junta im
Athener Polytechnikum beteiligten. Der Klassenprimus begann sich
schon früh für Politik zu interessieren.
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Schülerproteste, Schulbesetzungen, Mitglied der Kommunistischen Jugend, Proteste gegen Globalisierung und Neoliberalismus, Vorstandsmitglied des panhellenischen Studentenbunds. Das ist normal für einen jungen Mann, um den herum fast täglich irgendjemand streikt, demonstriert oder den Staat in Geiselhaft nimmt. Und es ist erstaunlich viel für einen jungen Mann, der in einem Land aufwuchs, in dem, verglichen mit den Jahrzehnten davor, das Leben sorgenfrei war und fern jeder wirtschaftlichen Not. Denn seit dem Beitritt zur EU ging es in Griechenland fast nur aufwärts. Mit der Unterstützung seines politischen Ziehvaters, Alekos Alavanos, dem ehemaligen Vorsitzenden von Synaspismos, verläuft die Politkarriere des studierten Bauingenieurs schnell und steil: Wahl in den Parteivorstand, Wahl in den Stadtrat Athens, Wahl zum Parteichef von Syriza. 2009 zieht Alexis Tsipras schließlich ins Parlament.
Der jüngste Parteichef Griechenlands hat alles, was man braucht, um Wählermassen zu begeistern. Er ist charismatisch und machtgesteuert. Er ist ein begnadeter Redner und ein kühler Stratege. Bei Pressekonferenzen und in Interviews richtet er sich stets ans Volk, in dessen Namen er spricht. Syriza und das Volk sind ein und dasselbe für ihn. Das hat geradezu messianischen Charakter. In seiner Weltanschauung gibt es keine Nuancen. Er benutzt das Vokabular eines Altkommunisten. Vom Volkswillen und Volksurteil ist häufig die Rede. Spricht er über die Wirtschaft und wie man die Krise löst, fallen Sätze wie dieser: „Das Memorandum gefährdet Griechenlands Demokratie.“











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