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 > Weinende Babys als härteste Waffe

Weltbühne

US-WahlkampfWeinende Babys als härteste Waffe

Von Malte Lehming15. Oktober 2012
picture alliance
Obama,Romney,Wahlkampf,TV,Fernsehspot,Twitter
Ihren Wahlkampf führen Obama und Romney längst auch via Twitter
Schrift:

Politische Fernsehspots entpuppen sich mehr und mehr als die wichtigste Waffe im amerikanischen Wahlkampf. Nachdem das Obama-Lager im September rund ein Viertel mehr Spots als das Mitt-Romney-Lager geschalten hat, drehen nun die Republikaner gewaltig auf – und setzen zunehmend auf weinende Babys

Eine Mutter joggt die Straße entlang und schiebt einen Sportskinderwagen vor sich her. Darin liegt ihre kleine Tochter. „Ich laufe, um zu vergessen“, sagt die Frau mit ruhiger, warmer Stimme, - „um meine Probleme zu vergessen. Eine weitere Rezession kommt auf uns zu. Die Zukunft unter Barack Obama wird immer schlimmer.“ Dann wird das Baby gezeigt. Es sieht aus, als würde es gleich weinen.

So viele Babys gab’s noch nie in einer TV-Werbeschlacht, bilanziert die „New York Times“. Die kleinen Augen klagen an. Jeden Tag, jeden Abend, auf Dutzenden Kanälen. Denn diese Babys sind jene künftige Generation, die eine Rekordsumme an Schulden erbt – 50.000 Dollar pro Kopf. Mit den Gesichtern der Babys greifen die Republikaner die Obama-Regierung an. Nachwuchs und Sorgen, Herz und Verstand: Das soll eine Einheit bilden.

Politische Fernsehspots sind die wichtigste Waffe im amerikanischen Wahlkampf. Sie werden landesweit ausgestrahlt oder gezielt geschaltet. In Florida etwa wird verstärkt um Senioren geworben, in Virginia um Militärangehörige. Im „swing state“ Florida haben beide Seiten, Demokraten und Republikaner, schon mehr als 100 Millionen Dollar in Fernsehwerbung investiert. Es folgen Virginia (96 Millionen), Ohio (93 Millionen) und North Carolina (70 Millionen).

Bildergalerie: Game Changer – die Patzer des US-Wahlkampfs

Politische TV-Werbung ist eine Wissenschaft für sich. Wo zuerst? Wann? Wie intensiv? In welchem Ton? Die Demokraten entschieden sich in diesem Jahr für eine Frühoffensive. Im September schaltete das Obama-Lager rund ein Viertel mehr Spots als das Mitt-Romney-Lager. In dieser Zeit überließ der Herausforderer dem Amtsinhaber die politische Meinungsprägung.

Doch nun drehen die Republikaner gewaltig auf. Die „Washington Post“ spricht von einem „big bang“ bis zum Wahltag am 6. November. In einigen entscheidenden Bundesstaaten haben die Konservativen die Zahl ihrer TV-Spots bereits verdoppelt, in anderen gar verdreifacht. Unablässig trommeln deren Botschaften nun auf die Wähler ein. Mit ihrer Spätzünder-Offensive wollen sie die Demokraten medial begraben.

Auch der Ton ändert sich langsam. Bisher sollte der Gegner getroffen werden, ab jetzt werden die Spitzenkandidaten sich mehr und mehr selbst zelebrieren. Doch beide Lager gehen mit ihren unterschiedlichen Strategien hohe Risiken ein. Dem Obama-Camp droht gegen Ende des Wahlkampfes die Luft auszugehen, das Romney-Camp könnte bereits viele Stimmen an Frühwähler verloren haben.

Auf Platz zwei der Wahlwerbeausgaben stehen nicht etwa neue soziale Medien wie Twitter oder Facebook, sondern die gute alte Post. Mehr als doppelt soviel Geld wie für Internet-Aktivitäten geben die Parteien für Briefmarken aus – die Republikaner bislang 100 Millionen Dollar, die Demokraten 70 Millionen. Offenbar genießen postalisch übermittelte Botschaften in mehreren, überwiegend älteren Bevölkerungsgruppen immer noch ein höheres Prestige als etwa Emails. Der Internet-Hype von 2008 hat sich in diesem Jahr jedenfalls nicht weiter verstärkt.

Mit einer Ausnahme. Weil übers Internet immer mehr Informationen über potenzielle Wähler gesammelt werden können, geben beide Seiten immer mehr Geld für entsprechende Datenbeschaffungsmaßnahmen aus. In diesem Jahr waren es laut „New York Times“ schon mindestens 13 Millionen Dollar. Einige der Aktivitäten grenzen freilich an Ausschnüffelei.

Jedes Verbraucher-Verhalten wird ausgewertet. Obama-Anhänger gehen zum Essen bevorzugt in ein „Red-Lobster-Restaurant“ und zum Einkaufen in die „Burlington Coat Factory“. Romney-Anhänger trinken „Samuel-Adams“-Bier und gucken Football. Cookies registrieren, wer auf christliche Webseiten geht – und wer sich Pornos anschaut. Und wer sich zum Beispiel mit Hilfe seines Facebook-Accounts auf die Intertnetseite einer Gewerkschaft einloggt, dessen Freundesliste wird automatisch nach weiteren möglichen gewerkschafts- und damit Obama-nahen Adressen durchsucht.

Per Telefon werden diese potenziellen Unterstützer dann kontaktiert. Zuvor indes brieft man die Anrufer über die persönlichen Merkmale ihrer „Opfer“. Zu intim dürfen die Gespräche nicht werden, das schreckt ab. Der Informationsvorsprung der Anrufer sollte eher die Vertrauensbildung erleichtern. Der Angerufene soll zu der Überzeugung kommen: Wenn ich mich mit denen so gut über Bier und Football unterhalten kann, ist der Romney vielleicht gar nicht so übel. Oder: Neben Politik haben wir auch lange über Jazz geredet, Obama steht mir irgendwie doch näher als Romney.

Wissen ist Macht. Wer in Amerika am meisten über seine Wähler weiß, gewinnt womöglich die Wahl.

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