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 > Warum droht die Türkei Frankreich?

Weltbühne
Völkermord an den Armeniern

Warum droht die Türkei Frankreich?

von 
Von Hans-Hagen Bremer
Susanne Güsten
25. Januar 2012
picture alliance
Völkermord, Armenien, frankreich, Erdogan, Türkei
Werden keine Freunde mehr – Erdogan und Sarkozy

Frage des Tages: Der Senat hat in Frankreich ein Gesetz verabschiedet, das die Leugnung des Völkermords an den Armeniern zwischen 1915 und 1917 strafbar macht. Die Türkei ist empört. Welche Folgen hat der Konflikt?

Seite 1 von 2

Die Vorgänge liegen fast 100 Jahre zurück – doch deren historische Bewertung ruft noch immer Zwiespalt zwischen den Völkern hervor. Bei Massakern und Todesmärschen zwischen 1915 und 1917 waren im damaligen Osmanischen Reich mehrere hunderttausend Armenier umgekommen. Die Türkei weist den Vorwurf eines Völkermordes bis heute zurück. Aber in vielen Ländern gilt das damalige Massaker als genau das: als Genozid. Frankreich hat nun dessen Leugnung unter Strafe gestellt.

Das empört die Türken.

Wie reagierte die Türkei?

Als Recep Tayyip Erdogan am Dienstagvormittag im Fraktionssaal seiner Regierungspartei AKP in Ankara zum Rednerpult schritt, rechneten die Abgeordneten fest mit einem Donnerwetter. Erdogans Minister hatten mit heftigen Sanktionen gedroht, nun sprach der Chef selbst.

Doch Erdogan, der als Raubein bekannt und einem deftigen politischen Streit mit einem Türkei-Skeptiker wie dem französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy nie abgeneigt ist, blieb unerwartet ruhig. Erdogans Zorn war kalt: Er attackierte das französische Gesetz und sprach voller Verachtung über Sarkozy – aber er verkündete keine neuen Sanktionen. Die Türkei, so die unausgesprochene Botschaft, gibt dem Nato-Partner Frankreich noch eine Chance.

Erdogan hatte die türkische Reaktion am vergangenen Wochenende mit seinem Außenminister Ahmet Davutoglu abgesprochen. Ankara lehnt den Vorwurf des Völkermordes strikt ab und spricht von kriegsbedingten Massakern an den Armeniern im untergehenden Osmanischen Reich. Im Streit mit Frankreich will Erdogans Regierung aber nun vermeiden, sich durch überstürzte Sanktionsmaßnahmen ins Unrecht zu setzen. Gleichzeitig soll den Franzosen klargemacht werden, was sie in dem Streit mit der Türkei riskieren.

Innenpolitischen Widerstand muss Erdogan nicht fürchten, das Pariser Votum stieß in der Türkei allgemein auf Entrüstung. Frankreich habe die „Demokratie ermordet“, titelte „Hürriyet“. Oppositionschef Kemal Kilicdaroglu sprach von einer „Schande“ und versprach, die Regierung bei Sanktionen gegen Paris zu unterstützen. Nationalistenchef Devlet Bahceli rief Frankreich in Anspielung auf französische Gräueltaten in Algerien auf, sich um „die eigene stinkende Geschichte“ zu kümmern.

Lesen Sie im zweiten Teil, wie türkische Sanktionen aussehen könnten

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Ist der französische Senat Sarkozy?

"Was veranlasst Sarkozy, diesen Konflikt mit der Türkei auszutragen?"

Ich kann mir es nicht vorstellen, dass die eventuelle Aussicht auf einen Teil der Wählerstimmen von 500.000 armeisch-stämmigen Franzosen der ausschlaggebende Grund für dieses Gesetz sein soll. Das klingt fast wie polternde Propaganda von Erdogan. Welche Wählerschichten hat denn dieser wohl im Sinn, wenn er den Völkermord leugnet? Zurück zu Sarkozy, das Gesetz wurde doch nicht von ihm persönlich beschlossen, sondern von einer parteiübergreifenden Mehrheit im französischen Senat. Warum sollte man es deshalb in Frankreich allein Sarkozy zu Gute halten?. Zudem ist das Gesetz auch in Frankreich umstritten. Es ist mehr als fraglich, ob es sich in Wählerstimmen gemessen positiv für Sarokzy auswirkt, dass dürfte wohl auch ihm selbst klar sein. Warum will man den Franzosen nicht abnehmen, dass sie sich der historischen Gerechtigkeit verpflichtet fühlen und sich vielleicht auch ein wenig als Anwalt der Armenier sehen, deren Einfluss in der Weltpolitik ja weitaus geringer ist als der der wesentlich größeren und mächtigeren Türkei?

  • Antworten
Matthias_K25.01.2012 | 10:17 Uhr

Historische Wahrheit per

Historische Wahrheit per Gesetz?

Die Feststellung von geschichtlichen Fakten ist die Aufgabe der Historiker, und es scheint mir erwiesen und fast überall anerkannt zu sein, dass der türkische Staat hundertausende Armenier auf grausame Weise vernichtet hat.

Die Bewertung dieser Taten als Völkermord ist eine völkerrechtliche Bewertung. Dafür sind Juristen vor einem internationalen Gerichtshof zuständig, wenn die Täter noch greifbar sind. Für weit zurückliegende Verbrechen bleibt nur das Bewahren der Erinnerung in den Köpfen und in den Geschichtsbüchern.

Ich halte es aber für einen grundsätzlichen Fehler, historische Tatsachen und deren rechtliche Bewertungen über das Strafrecht vorzuschreiben. Die in Deutschland mit Strafe belegte Leugnung des Holocaust mag man noch verständlich finden, um ein Wiederaufleben nazistischer Tendenzen zu verhindern und deutlich zu machen, dass das Land sich radikal von den Verbrechen der Vergangenheit absetzen will.

Dass Frankreich die Leugnung des Völkermordes an den Armeniern unter Strafe stellt, macht keinen Sinn. Genau so abzulehnen ist natürlich das türkische Gesetz, dass die Bezeichnung der Verbrechen an den Armeniern als Völkermord unter Strafe stellt. Der Gegensatz der französischen und der türkischen Strafgesetze in der Sache macht die ganze Absurdität des Versuchs sichtbar, Wahrheit gesetzlich festzulegen.

Am französischen Gesetz irritiert auch, dass nur die Leugnung dieses Völkermordes an den Armeniern sanktioniert wird. Es gibt noch so viele andere. Hier nur wenige Beispiele neueren Datums: Herero und Nama in Namibia, die Tutsi in Ruanda, die Opfer der roten Khmer in Kambodscha, die Ukrainer in der frühen Sowjetunion, etc. etc.

  • Antworten
Herbert Lingmann25.01.2012 | 10:41 Uhr

Warum droht die Türkei Frankreich?

Antwort: Weil sich damit innenpolitsch Punkte sammeln lassen.
Doch davon abgesehen, ein Land dessen führende Vertreter einen französischen Präsidenten (wie auch immer er heißen mag)so übel
beschimpfen bzw. diffamieren, das gehört nicht in die EU.
Das sollte man dem Herrn ERDOGAN deutlich sagen.

  • Antworten
Wolfram Wiesel25.01.2012 | 11:38 Uhr

Ist der französische Senat Sarkozy?

Wo ist denn mein Kommentar, vielleicht noch in der Warteschleife oder wollen Sie ihn nicht veröffentlichen?

Mit freundlichen Grüßen
Matthias K.

  • Antworten
Matthias_K25.01.2012 | 12:08 Uhr

: /

...die Türkei hat das Glaube ich erst jetzt richtig Verstanden, was da passiert ist...

  • Antworten
plüschio25.01.2012 | 15:29 Uhr

Ein diplomatisches Desaster ...

ersten Ranges. Die Türkei wendet sich von Europa ab, in Ägypten haben die Islamisten 70% der Stimmen, in Nigeria gibt es bald einen Bürgerkrieg zwischen Muslimen und Christen und Europa hat starke muslimische Minderheiten. Gleichzeitig gibt es neue Asylbewerberwellen aus diesen Ländern. Perfekt, jetzt fehlen nur noch die chinesischen Atomwaffen und Huntingtons Alptraumvision, die er in Clash of the Cultures beschrieb tritt ein. Ich habe das ja für Jahrzehnte für amerikanische Paranoia gehalten. Na schauen wir mal, wann es im Iran knallt und ob Deutschland dabei ist. Es wird ja nicht alles so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Hoffentlich.

  • Antworten
Christoph Kuhlmann25.01.2012 | 17:04 Uhr

Auffassung der Türkei

Ich kann den Entscheid, den die franösische Regierung getroffen hat, ein Gesetzt zu erlassen, völlig nachvollziehen. Was für mich doch im dunklen verborgen bleibt, ist das Problem, das die Türken mit so einem Gesetz haben. Jeder weiß doch was passiert ist, wieso ist es für die Türken dann so schlimm, dass sie sogar mit Sanktionen drohen. Für ein Land, das sich demokratisch und weltlich gibt, bin ich wirklich enttäuscht von den Türken. Vielleicht ist der erwüschte EU Beitritt von ihnen wirklich etwas früh.

  • Antworten
Bauer12326.01.2012 | 21:45 Uhr

Das, worum es eigentlich geht !

Nach dem Konflikt zwischen der Türkei und Israel hat Israel unter anderem gedroht, die Ermordung von Armeniern zu einem politischen Thema zu machen. Israel will klar machen, dass es sich nicht lohnt, wenn man sich mit Israel anlegt. Frankreich ist nun die Marionette, die mit dieser Aufgabe beauftragt wurde. Natürlich nicht von Israel sondern von den USA. Frankreich nimmt diese Aufgabe an, da Frankreich der Türkei nur allzu gerne Stolpersteine auf den Weg in die EU legt. Frankreich kann man für seine Rolle in diesem Spiel nur bemitleiden. Deutschland dagegen ist heute die Hauptstadt von Europa. Wenn Deutschland, während die dummen mit High-Tech aber dem geist von Höhlenmenschen sich um die endlichen Öl-Reserven bekriegen, eine nachhaltige Alternative zum Öl gefunden hat, wird Deutschland durch seine Wissenschaftler zur Hauptstadt der Welt. Damit ist nicht nur die USA gemeint, sondern auch Russland und China, die genauso um das Öl pokern. Die USA glauben, es gibt viel in anderen Ländern zu Hohlen. Deutschland hat begriffen, es gibt viel für das eigene Land zu Forschen.

  • Antworten
NDT27.01.2012 | 00:38 Uhr

Genozid an Armeniern durch die Türkei

Leider wird alles Ueble auf dieser Welt entweder Israel, oder den Juden oder den USA angelastet. Was Sie da über Israel behaupten ist nicht wahr. Es ist eine Lüge.

  • Antworten
Susya Bar Dror29.01.2012 | 07:51 Uhr

Es wurden im untergehenden

Es wurden im untergehenden Osmanischen Reich tatsächlich Armenier Wärend der Deportation ermordet.Dies ist für die Uns Türken
ein Schatten in der ansonsten Ruhmreichen Osmanischen Geschichte.
Aber wer im Glashaus sitzt sollte nicht mit Steinen werfen. Die Französische Armee hat in algerien 45000 Menschen darunter Frauen und Kinder ermordet . Und im Gegensatz zu den Gräultaten der Osmanen sind diese auf Videobändern verewigt und nicht absteitbar. Die Geschichte mit den Osmanischen Verbrechen ist nicht so genau zu belegen .
Trotzdem Hat Frankreich selbst diesen Völkermord in Algerien nie annerkannt.

Dies ist der Hauptgrund warum wir Türken so Fassungslos sind und bleiben.

  • Antworten
Tuncay Calis27.01.2012 | 09:46 Uhr

Auf Leichen kann man keine Zukunft aufbauen...

Dass man in Deutschland die Entscheidung des französischen Senats nicht nachvollziehen kann, verwundert mich nicht. Das Deutsche Reich war sowohl indirekter Täter beim Genozid der Armenier als auch direkter Täter beim Genozid der Juden in Europa. Das Täter nicht verstehen können wie sich Opfer eines Völkermordes fühlen, liegt bei der Reaktion der deutschen Öffentlichkeit klar auf der Hand. Man sollte nicht vergessen, dass Art. 1 (1) unseres Grundgesetzes besagt, dass die „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ anscheinend hat man das in Frankreich verstanden!

Den klügsten Schritt den die Türken machen können, ist offen und ehrlich über dieses Thema zu sprechen und sich zu ihren Gräueltaten zu bekennen. Nennt das Kind beim Namen, es war ein Völkermord und es bleib ein Völkermord. Hier sind explizit die Türken gemeint und nicht Herr Erdogan. Denn die türkische Zivilgesellschaft kann es schaffen, dass beide Seiten ehrlich mit der Vergangenheit umgehen und dass die Frage nicht als politische Waffe verwendet wird. Den Völkermord zu leugnen macht alles nur Schlimmer.

  • Antworten
Dink05.02.2012 | 14:22 Uhr

Nun, fragen wir doch einfach

Nun, fragen wir doch einfach anders: Wem schadet die Leugnung? Lassen wir den Teil mit der Beleidigung aus. Vergessen wir die Pietät. Bleibt niemand übrig? Schön wäre es. Die Leugnung schadet uns persönlich. Uns Europäer. Uns Demokraten. Die europäische Erinnerungs- und Gedenkkultur ist ein hohes Gut. Es zeugt von der Fähigkeit mit kritischen Gegebenheiten umgehen zu können. Es schützt vor nationalistischem Hochmut. Diese Kultur mahnt vor Wiederholung, ahndet die Gutheissung von Verbrechen in ihrer grausamsten Form. Ergo: Dieses Gesetz nutzt unserer gesellschaftlichen Weiterentwicklung.

  • Antworten
chatschadorian08.02.2012 | 18:56 Uhr

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