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 > Europa rodet mit

Weltbühne
Waldsterben in Brasilien

Europa rodet mit

von 
Wulf Schmiese
21. Dezember 2011
picture alliance
Abholzung, Rodung, Regenwald, Amazonas, Säge, Brasilien
Die Sägen fressen sich durch das Paradies im Amazonasbecken

Brasilien berauscht sich am eigenen Wirtschaftserfolg – und beschwört mit der Rodung des Regenwaldes millionenfaches Elend für die Menschheit hinauf. Doch an dem Desaster sind auch wir Europäer Schuld

Seite 1 von 2

„Das Wichtigste zuerst!“ Das sagt sich leicht. Doch was ist am Ende dieses turbulenten Jahres tatsächlich wichtig? Ist es wirklich der in jeder Hinsicht peinliche Kredit für ein Einfamilienhaus in Niedersachsens Provinz? Diese Geschichte hat offenbar genügend Wucht, um die Billionen-Euro-Krise weg zu drücken, von der es doch eben noch hieß, mit ihr hätten die letzten Tage unserer jungen Währung begonnen. Es ist wohl so, dass wir Deutschen nach oben und nach unten schauen: zum Bundespräsidenten und in unser Portemonnaie. Das sind die beiden Themen, die uns derzeit bewegen. Die müssen wir im Auge behalten, ganz klar. Aber wir sollten auch weiter schauen, nach Südamerika. Dort wird soeben unsere Zukunft zersägt. Wenn die Welt jetzt nur kritisch dort hin sähe, könnte was zu retten sein – bis März 2012.

Der Regenwald ist in Gefahr, das wissen wir schon lange: Es wird gerodet und geholzt für Weideflächen und Ackerbau. Nun will Brasiliens Regierung auch noch eines der größten Wasserkraftwerke der Welt mitten im Amazonas-Gebiet bauen. Der dafür geplante Mega-Staudamm „Belo Monte“ sieht selbst auf den Werbeprospekten aus wie ein gigantischer Pfropf inmitten all der Flussadern rund um den Amazonas – jeder Laie ahnt, dass solch ein Eingriff zum Infarkt des ganzen Ökosystems dort führen kann. Und zu alledem soll das seit vier Jahrzehnten geltende Waldschutzgesetz, das „Código Florestal“, gelockert werden. Nicht nur Umweltschützer, sondern auch brasilianische Oppositionspolitiker warnen vor einem globalen Drama: 76 Millionen Hektar Regenwald könnten dann dem Kahlschlag frei gegeben werden. Wir alle würden die Folge noch zu Lebzeiten spüren. Wenn die Wälder am Amazonas derart schrumpfen, heizt sich die Erde weiter auf. Stürme und Fluten bedrohten noch mehr Teile der Welt, millionenfaches Elend kröche bis in unseren Wohlstand.

Dieser Tage demonstrieren Tausende in Brasilien gegen das umstrittene Gesetz. Sie haben Mut gefasst, denn das Abgeordnetenhaus hat die Abstimmung vertagt um ein Vierteljahr. Erst am 7. März wollen die Parlamentarier entscheiden, obgleich der Senat schon mit großer Mehrheit für die Änderungen gestimmt hat: Straffreiheit für alle illegalen Rodungen, die über zwei Jahre zurückliegen; Entfall der Verpflichtung, die abgeholzten Flächen wieder aufzuforsten; Erlaubnis, fortan auch an den Ufern des Amazonas und seiner Nebenflüsse Äcker zu bestellen und Vieh weiden zu lassen.

Optimisten unter den Kritikern glauben, dass Brasiliens Abgeordnete es nicht wagen werden, all dem zuzustimmen. Zumal schon jetzt 20 Prozent der grünen Lunge unserer Erde zerstört sind und im Juni 2012 ausgerechnet die UN-Umweltkonferenz „Rio+20“ zu Gast in Brasilien sein wird. Pessimisten sehen aber ganz andere Daten, die den brasilianischen Abgeordneten jedes umweltpolitische Gewissen rauben könnten: Die Fußballweltmeisterschaft 2014 und die Olympischen Sommerspiele 2016.

Das Land ist derzeit völlig berauscht vom eigenen Erfolg. Während Europa und Nordamerika entlang der Klippen Währungsende und Staatsbankrott taumeln, boomt Brasilien auf allen Ebenen. Inflation, Schulden, Korruption und kollabierende Banken – das sind längst überwundene Leiden und inzwischen die Gebrechen der Alten Welt wie der USA. Nach Ende der Diktatur 1984 hatte das „verlorene Jahrzehnt“ das Volk der 190 Millionen Brasilianer sozial immer tiefer gespalten. Doch seit der Währungsreform 1994 hat sich die einst größte Bananenrepublik der Erde stetig berappelt. Brasilien ist heute wirtschaftlich gesund, sozial gerechter denn je, es scheint unumstößlich demokratisch gefestigt zu sein und vor allem: enorm selbstbewusst. Das Schwellenland ist eine Großmacht.

Lesen Sie auch, was Europa tun müsste.

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Europa rodet mit

Wie immer ein sehr fundierter Text des Autors. Danke Wulf! Habe das in dieser Ausführlichkeit nicht gewusst.

  • Antworten
Thomas Grabka21.12.2011 | 14:33 Uhr

Warum in die Ferne schweifen

Hierzulande scheut man sich auch nicht Windräder (bald auch Strommasten) in Wäldern aufzustellen. Schon allein für deren Errichtung müssen mächtige Schneisen geschlagen werden. Was Infraschall und Schattenschlag für die Tierwelt bedeuten wird glatt ignoriert. Nur einige seltene Vögel werden geschützt. (Menschen sowieso nicht)
Das alles läuft unter dem Begriff „Energiewende“ Vor lauter Euphorie hat man manches übersehen. Unter anderem auch, dass Umweltschutzgebiete zerstört, die Menschen krank und ihre Häuser wertlos werden. Auch hier gibt es einen ökologisch-industriellen Komplex, der alles im Griff hat. Man rodet weltweit.

  • Antworten
Domingo21.12.2011 | 15:40 Uhr

Qualität der Datengrundlage mangelhaft!

Unabhängig davon, dass der unterstützende Einfluss Europas auf das Waldsterben im Amazonasregenwald unumstritten ist, beinhaltet der Artikel eklatante Recherchefehler.
Die Preisrelation zwischen Sojabohnen und Futtergetreide ist vollkommen falsch dargestellt. Sojaschrot als Futtermittel ist in etwa eineinhalb bis zweimal so teuer wie Getreide und nicht wie im Text erwähnt um die Hälfte günstiger. Der genannte Sojabohnenbedarf Deutschlands von 40 Millionen Tonnen ist ebenfalls vollkommen falsch. Diese Größenordnung ist in etwa für die gesamte EU 27 anzusetzen.
Diese Mängel in der Datengrundlage lassen leider auch Zweifel an den restlichen Angaben, welche ich persönlich nicht verifizieren kann, aufkommen. Dies wird diesem ernstzunehmenden und weitgehend unterschätzten Thema nicht gerecht.

  • Antworten
Jörg Immerz22.12.2011 | 14:25 Uhr

Dank

Vielen Dank für den Hinweis: Die EU kauft jährlich 40 Millionen Tonnen an Soja-Bohnen, nicht Deutschland allein. Es stimmt allerdings, dass die Soja-Preise auf dem Weltmarkt etwa bei der Hälfte des Getreidepreises liegen. "...als Eiweißlieferant ist Soja dem besonders stärkehaltigen Mais weit überlegen. Der Grund: Auf dem Weltmarkt ist Soja so billig, dass es zu 40 Prozent niedrigeren Kosten denselben Energiegehalt liefert wie Getreide. (...) Deshalb ist der Eiweißbedarf im Lauf der vergangenen Jahrzehnte massiv gestiegen: Lag der Getreideanteil im Kraftfutter vor 50 Jahren noch bei 80 Prozent, ist er inzwischen unter 30 Prozent gesunken. Rinder, Schweine und Hühner werden nun vor allem mit importiertem Sojaschrot gefüttert." (Quelle: Asendorpf, Dirk: Unsere Gier nach Futter. Das Beispiel Soja: Wie Europas Appetit auf Fleisch globale Umweltschäden verursacht. Die Zeit, 15.12.11, S.47)

  • Antworten
Wulf schmiese23.12.2011 | 12:03 Uhr

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