Brasilien berauscht sich am eigenen Wirtschaftserfolg – und beschwört mit der Rodung des Regenwaldes millionenfaches Elend für die Menschheit hinauf. Doch an dem Desaster sind auch wir Europäer Schuld
„Das Wichtigste zuerst!“ Das sagt sich leicht. Doch was ist am Ende dieses turbulenten Jahres tatsächlich wichtig? Ist es wirklich der in jeder Hinsicht peinliche Kredit für ein Einfamilienhaus in Niedersachsens Provinz? Diese Geschichte hat offenbar genügend Wucht, um die Billionen-Euro-Krise weg zu drücken, von der es doch eben noch hieß, mit ihr hätten die letzten Tage unserer jungen Währung begonnen. Es ist wohl so, dass wir Deutschen nach oben und nach unten schauen: zum Bundespräsidenten und in unser Portemonnaie. Das sind die beiden Themen, die uns derzeit bewegen. Die müssen wir im Auge behalten, ganz klar. Aber wir sollten auch weiter schauen, nach Südamerika. Dort wird soeben unsere Zukunft zersägt. Wenn die Welt jetzt nur kritisch dort hin sähe, könnte was zu retten sein – bis März 2012.
Der Regenwald ist in Gefahr, das wissen wir schon lange: Es wird gerodet und geholzt für Weideflächen und Ackerbau. Nun will Brasiliens Regierung auch noch eines der größten Wasserkraftwerke der Welt mitten im Amazonas-Gebiet bauen. Der dafür geplante Mega-Staudamm „Belo Monte“ sieht selbst auf den Werbeprospekten aus wie ein gigantischer Pfropf inmitten all der Flussadern rund um den Amazonas – jeder Laie ahnt, dass solch ein Eingriff zum Infarkt des ganzen Ökosystems dort führen kann. Und zu alledem soll das seit vier Jahrzehnten geltende Waldschutzgesetz, das „Código Florestal“, gelockert werden. Nicht nur Umweltschützer, sondern auch brasilianische Oppositionspolitiker warnen vor einem globalen Drama: 76 Millionen Hektar Regenwald könnten dann dem Kahlschlag frei gegeben werden. Wir alle würden die Folge noch zu Lebzeiten spüren. Wenn die Wälder am Amazonas derart schrumpfen, heizt sich die Erde weiter auf. Stürme und Fluten bedrohten noch mehr Teile der Welt, millionenfaches Elend kröche bis in unseren Wohlstand.
Dieser Tage demonstrieren Tausende in Brasilien gegen das umstrittene Gesetz. Sie haben Mut gefasst, denn das Abgeordnetenhaus hat die Abstimmung vertagt um ein Vierteljahr. Erst am 7. März wollen die Parlamentarier entscheiden, obgleich der Senat schon mit großer Mehrheit für die Änderungen gestimmt hat: Straffreiheit für alle illegalen Rodungen, die über zwei Jahre zurückliegen; Entfall der Verpflichtung, die abgeholzten Flächen wieder aufzuforsten; Erlaubnis, fortan auch an den Ufern des Amazonas und seiner Nebenflüsse Äcker zu bestellen und Vieh weiden zu lassen.
Optimisten unter den Kritikern glauben, dass Brasiliens Abgeordnete es nicht wagen werden, all dem zuzustimmen. Zumal schon jetzt 20 Prozent der grünen Lunge unserer Erde zerstört sind und im Juni 2012 ausgerechnet die UN-Umweltkonferenz „Rio+20“ zu Gast in Brasilien sein wird. Pessimisten sehen aber ganz andere Daten, die den brasilianischen Abgeordneten jedes umweltpolitische Gewissen rauben könnten: Die Fußballweltmeisterschaft 2014 und die Olympischen Sommerspiele 2016.
Das Land ist derzeit völlig berauscht vom eigenen Erfolg. Während Europa und Nordamerika entlang der Klippen Währungsende und Staatsbankrott taumeln, boomt Brasilien auf allen Ebenen. Inflation, Schulden, Korruption und kollabierende Banken – das sind längst überwundene Leiden und inzwischen die Gebrechen der Alten Welt wie der USA. Nach Ende der Diktatur 1984 hatte das „verlorene Jahrzehnt“ das Volk der 190 Millionen Brasilianer sozial immer tiefer gespalten. Doch seit der Währungsreform 1994 hat sich die einst größte Bananenrepublik der Erde stetig berappelt. Brasilien ist heute wirtschaftlich gesund, sozial gerechter denn je, es scheint unumstößlich demokratisch gefestigt zu sein und vor allem: enorm selbstbewusst. Das Schwellenland ist eine Großmacht.
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