Er trat an, um den großen Wandel zu organisieren. Mittlerweile ist Barack Obama der unbeliebteste Präsident seit Jimmy Carter. Wie konnte das passieren? Und wie stehen Obamas Chancen vor der Präsidentschaftswahl 2012 wirklich? Ein Porträt
Die triumphierende E-Mail von Barack Obamas Wahlkampfteam an seine Unterstützer kam in der Nacht zum 4. November an, dem dritten Jahrestag seines Wahlsiegs von 2008. Die Betreffzeile „Erinnert ihr euch noch an Grant Park?“ weckte Erinnerungen an einen mitreißenden Wahlabend in Downtown Chicago, Erinnerungen an den unerwarteten Wahlerfolg eines jungen, idealistischen und eloquenten Schwarzen, der Amerika einen „Wandel, an den wir glauben können“, versprach.
Dieser Abend war sicherlich ein Höhepunkt. In einer brillanten und inspirierenden Rede, die weltweit übertragen und seitdem unzählige Male wiederholt wurde, appellierte der damals über alle Maßen beliebte und frisch gewählte Präsident an die Menschenmassen, die sich am Ufer des Lake Michigan versammelt hatten:
„Dieser Sieg allein ist noch nicht der Wandel, den wir anstreben. Er ist nur unsere Chance, diesen Wandel herbeizuführen. Das kann nicht geschehen, wenn wir zu dem zurückkehren, wie die Dinge waren. Das kann nicht ohne euch geschehen, ohne einen neuen Geist der Leistungs- und Opferbereitschaft. Während wir heute Abend feiern, wissen wir, dass die Herausforderungen, denen wir morgen gegenüberstehen, die größten unseres Lebens sein werden. Der Weg, der vor uns liegt, ist lang, der Aufstieg wird steil sein, wir werden es nicht in einem Jahr schaffen, vielleicht nicht einmal in einer Legislaturperiode. Aber Amerika, meine Hoffnung, dass wir es schaffen werden, war nie größer als heute Abend. Ich verspreche euch, wir als Volk werden es schaffen … aber es gibt noch so viel zu tun.“
Die aktuelle E-Mail-Kampagne lässt eine Sehnsucht nach vergangenen Zeiten aufkommen, eine Sehnsucht, die umso schmerzlicher ist, weil sich der Optimismus von damals kaum mehr herstellen lässt. Denn nach diesem Höhepunkt in Chicago ging es im Grunde nur noch bergab.
Barack Obama ist isoliert und nicht in der Lage, seine Gesetzesvorhaben ohne größte Einschnitte durch den Kongress zu bekommen. Seinen Handlungsmöglichkeiten sind durch einen verheerenden nationalen und globalen wirtschaftlichen Abschwung Grenzen gesetzt; international muss er sich mit nahezu unlösbaren Problemen herumschlagen. Ein Jahr vor der Präsidentenwahl 2012 ist Obama der seit Jimmy Carter unbeliebteste Präsident. Inzwischen wird er gar mit dem ehemaligen sowjetischen Staatschef Michail Gorbatschow verglichen, der im Ausland beliebter war als zu Hause. Einige derselben Menschen, die Obama einst so erfolgreich für seinen Wahlerfolg mobilisiert hatte, werfen ihm heute vor, nur noch eine billige Kopie seines verhassten Vorgängers George W. Bush zu sein.
Die USA befinden sich in einer politischen und sozialen Krise, die sich immer weiter zuspitzt: Die Armen werden ärmer und immer mehr, die Reichen werden immer reicher und weniger. Weil die Arbeit im Kongress fast komplett gelähmt ist, findet ein Großteil der Debatte über die Zukunft des Landes nicht in den Korridoren der Macht, sondern im Umfeld der Proteste statt, die von der „Occupy-Wall-Street“-Bewegung inspiriert werden. Während seines Wahlkampfs 2008 mokierte sich Obama sehr elegant über die „Dinge, wie sie einst waren“, zu denen man nicht zurückkehren könne. Heute erscheinen sie als geradezu erstrebenswert.
Wie konnte es so weit kommen? Obama war ein brillanter Präsidentschaftskandidat, der seinem republikanischen Gegner John McCain problemlos die Show stahl. Als „Praktiker“ jedoch zeigte er gleich nach seiner Wahl erstaunliche Schwächen. Die wichtigen Posten in seiner Regierung besetzte er langsamer als die meisten anderen seiner Vorgänger – nicht zuletzt, weil er zu glauben schien, dass er die wichtigen Dinge selbst regeln könne, statt sich mit einem starken Unterstützerteam zu umgeben. Zuweilen – wie im Fall seines hochmütigen Versprechens, das Militärgefängnis Guantánamo zu schließen – entzog er jenen die Unterstützung, die er selbst ernannt hatte. An Ratschlägen, die seine einmal getroffene Meinung infrage stellen, ist Obama nicht besonders interessiert; selbst dann nicht, wenn sie von engen Beratern stammen. Bereits zu Beginn seiner Amtszeit hat er viel Zeit auf den letztendlich erfolglosen Versuch verwandt, Unterstützung auch aus den Reihen der republikanischen Minderheit im Kongress zu gewinnen, anstatt auf die Stärke und Einheit der damals noch gefestigten demokratischen Mehrheit im Senat und im Repräsentantenhaus zu setzen.
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