Ukraine-Krise - Polen ärgert sich über deutsche Putin-Versteher

Polen fürchtet in der Ukraine-Krise nichts mehr als deutsche Alleingänge mit Russland. Die hiesige Nachsicht mit Putin versetzt unsere östlichen Nachbarn in Zorn. Polen wünscht sich ein Deutschland, das mehr an Europa denkt

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und der polnische Ministerpräsident Donald Tusk trafen sich Ende April, um über die Ukraine-Krise und Putin zu beraten
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Wulf Schmiese ist ZDF-Hauptstadtkorrespondent. Als FAZ-Korrespondent schrieb er zuvor ein Jahrzehnt lang über Parteien, Präsidenten, Kanzler und Minister.

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Es sagt sich leicht, denn es stimmt ja, dass es eine Flut von Gedenktagen gibt in diesem Jahr: 100 Jahre Erster Weltkrieg, 75 Jahre Zweiter Weltkrieg, 25 Jahre Mauerfall. Zu viel Geschichte? Nein, eher zu wenig. Wir sollten jetzt noch viel mehr runde Daten betrachten. Das beugt Streit vor und schützt vor falschen Erwartungen – gerade in der Ukraine-Krise.

Denn der Reigen historischer Tage, die 2014 wiederkehren, spiegelt historische Ängste eines blutigen Jahrhunderts wider. Besonders die der Polen, unserer nächsten Nachbarn im Osten, sollten wir ernst nehmen. Weil das EU-Wirtschaftswunderland Polen immer mehr zum Taktgeber im Konflikt mit Russland wird – aus bitterer Erfahrung heraus.

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 ist für Polen ein Datum, das indirekt half, wieder ein Nationalstaat zu werden. Denn Polen gab es zu diesem Zeitpunkt gar nicht, es entstand erst wieder in Folge des Kriegs. Nachdem fremde Mächte es ein Jahrhundert hindurch untereinander aufgeteilt hatten, forderte US-Präsident Wilson 1918 ein unabhängiges Polen. Darin liegt auch ein früher Grund, warum Polen eher auf die Hilfe der Amerikaner setzt als auf die der Anrainer auf dem eigenen Kontinent.

Polen als bloße Teilungsmasse


Für seine beiden größten europäischen Nachbarn –  Russland und Deutschland – war das Land bloß Teilungsmasse. Das bewiesen sie vor 75 Jahren: Der 23. August 1939 ist ein Trauma-Datum für Polen. Mit dem Hitler-Stalin-Pakt zogen Deutschland und die Sowjetunion ihre Linien; am 1. September marschierte die Wehrmacht im Westen Polens ein, am 17. September die Rote Armee im Osten. Wieder war Polen ausgelöscht: durch deutsch-russisches Einvernehmen.

Deswegen wird in Polen stets davor gewarnt, dass Berlin und Moskau irgendwelche separaten Deals machen. Etwa in der Energiepolitik. Als Antwort auf die Nord-Stream-Gasleitung, die Russland an Polen vorbei direkt mit Deutschland verbindet, rüstet sich Polen auf. Schon im kommenden Jahr sollte ein Flüssiggas-Terminal in Swinemünde so weit sein, dass Erdgas aus Katar oder Algerien nach Polen fließen. In Folge eines Lieferstreiks mit Russland könnte sogar Deutschland davon profitieren, das keinen Hafen für die gewaltigen Flüssiggastanker besitzt.

Auch Friedenshandel zwischen Deutschland und Russland fürchten die Polen dieser Tage. Weil in Deutschland Verständnis für Putin gezeigt wird, kommt in Polen alter Zorn hoch. Unvergessen ist dort, dass Kanzler Schmidt 1981 die Ausrufung des Kriegsrechts durch Jaruzelski „notwendig“ nannte und Egon Bahr damals im „Vorwärts“ vor einem Krieg warnte mit den Worten: „Der Frieden ist wichtiger als Polen.“

Der polnische Premierminister Donald Tusk fleht seine deutsche Kollegin Angela Merkel regelrecht an, eine abermalige Teilung Europas zu verhindern. Europa brauche „wahre Führung“ mehr als je zuvor, sagt Tusk. „Europa ist sicherer, wenn Deutschland mehr auf gemeinschaftliche Interessen setzt als auf bilaterale Beziehungen. Die deutsch-russischen Beziehungen dürfen nicht wichtiger sein als die gemeinsamen europäischen Interessen. Wir dürfen nicht zu einer klassischen nationalen Politik zurückkehren.“

Polen befürwortet Ausweitung der Nato


Polen also will, dass Deutschland führt in der Ukraine-Krise. So bekommt Merkel es auch direkt von Tusk gesagt, der nicht nur unter den europäischen Kollegen als ihr vertrautester gilt. Tusk kann sie an weitere historische Daten erinnern, die in Deutschland niemand groß im Jubiläums-Kalender hat. Aber ohne die es die heutige EU mit diesem Deutschland nicht gäbe: Am 6. Februar 1989, vor 25 Jahren, startete in Warschau der Runde Tisch und halfterte als erstes Polens Kommunismus ab. Mit diesen Verhandlungen begann der rapide Einsturz des ganzen Ostblocks, Mauerfall inklusive.  

Vor 15 Jahren wurde Polen Mitglied der Nato, was es heute – Putin vor Augen – als großes Glück empfindet. Viele Polen können nicht verstehen, warum mit Rücksicht auf Russland allein die Aussicht der Ukraine darauf verboten sein soll, eines fernen Tages auch Teil dieses Bündnisses zu werden. Wie Zynismus wirkt, dass Moskau sich dabei ausgerechnet auf angebliche Absprachen mit Deutschland beruft.

Der Nato-Osterweiterung folgte die der EU – am 1. Mai vor zehn Jahren. Daran werden die bilateral hoch geschätzten deutsch-polnischen Medientage erinnern, die jetzt in Potsdam beginnen. 75 Millionen Menschen wurden Bürger der Union, davon 39 Millionen Polen – eine ökonomisch messbare Erfolgsgeschichte. Der Weg in die EU scheint für die zerschossene Ukraine allerdings so weit und aussichtslos, dass ihn derzeit selbst in Polen kaum jemand sieht.

Ein Datum jedoch muss noch genannt werden, weil es sich morgen jährt, wenn auch nicht rund: Am 8. Mai 1945 schlug die „Stunde Null“ – jedenfalls in Berlin. Aus Warschau war die Wehrmacht schon am 16. Januar abgezogen. Das Bild der „Stunde Null“ sei dort irreführend, schreibt die Pulitzerpreis-gekrönte Historikern und Washington-Post-Kolumnistin Anne Applebaum, übrigens Ehefrau von Polens Außenminister Sikorski, in ihrem Bestseller „Der Eiserne Vorhang“: „Nicht alle beendeten den Kampf, als die Deutschen sich ergaben.“

Dieser Kampf ging für viele Polen noch vier Jahrzehnte weiter – bis dann endlich die glücklichen Tage und Daten in Europa kamen. Siehe oben. Deswegen sind Polens Politiker in der aktuellen Krise so rigoros.

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