Mit dem TV-Interview an der Seite des französischen Partners Sarkozy hat sich Merkel für einen Wahlkampf gegen dessen sozialistischen Herausforderer François Hollande entschieden. Ein riskanter Schritt, der Folgen haben wird
Der alternde französische Präsident François Mitterand hinterließ seinen Wählern einen Memoirenband unter dem Titel „De l’Allemagne, de la France“, der seine überraschende Bewunderung für das verblichene Preußen nicht verbarg. Seine profunden Kenntnisse deutscher Geschichte und Literatur hatten die Beziehung zum deutschen Kanzler Helmut Kohl geprägt. Dass er die Wiedervereinigung ablehnte, ist eine Legende.
Doch in einen Wahlkampf zugunsten des so ganz anderen Helmut Kohl wäre er trotz des ikonographischen Händedrucks von Verdun nie gezogen. Sein Gefühl für die nationale Souveränität seines Landes entsprach demjenigen de Gaulles. Und er stellte es auch für die Republik auf der anderen Seite des Rheins in Rechnung.
Unvorstellbar wäre dem intellektuellen und stolzen Machtmenschen Mitterand ein gemeinsamer Fernsehauftritt mit einem deutschen Bundeskanzler gewesen, um seine gefährdete Präsidentschaft in Paris zu retten. (Dass gleichwohl aus französischen Quellen Wahlkampfgeld Richtung Bonn und zugunsten der Union geflossen seien, ist ein Gerücht, dass sich an die unsauberen Geschäfte rings um den Verkauf der Leuna-Werke an den französischen Energie-Konzern Elf Aquitaine nach der Wiedervereinigung knüpfte. Der mehrfach wegen Bestechung verurteilte deutsche Lobbyist Dieter Holzer und ein französischer Partner kassierten seinerzeit ein „Beraterhonorar“ in Höhe von ca. 39 Millionen Euro. Wo das ganze Geld geblieben ist, wurde nie völlig aufgeklärt.)
Angela Merkels überraschende Entscheidung, sich für den gefährdeten Partner Nicolas Sarkozy in die Bresche zu werfen, ist unter mindestens drei Aspekten bemerkenswert. Erstens belegt sie die geradezu unnormale Normalität der deutsch-französischen Nachbarschaft. Was noch unter dem Gespann Chirac-Schröder unvorstellbar gewesen wäre, reicht heutzutage allenfalls aus, um bei den Oppositionsparteien beider Länder für gedämpfte Irritation zu sorgen. Schröder hatte die liebenswerte Französin Brigitte Sauzay, Mitterands Dolmetscherin, als Beraterin ins Kanzleramt eingeladen. Chirac kam ohne solche transnationalen Gesten aus und schickte stattdessen erstklassige Bordeaux-Weine über den Rhein.
Zweitens signalisiert Merkels Engagement ihre eigenen Sorgen um die Zukunft des Euro-Rettungsprojekts, alle Schuldenbrems- und Rettungsschirm-Programme inklusive; denn Sarkozys Gegner, der Sozialist François Hollande, der in Umfragen führt, hat sich als Gegner deutscher Austeritäts-Politik offenbart, die früher oder später auch Frankreichs Wachstumschancen beschädigen könnten. Das „linke“ Frankreich ist jederzeit zu Massenstreiks bereit – Hollandes Wähler-Klientel hat andere Vorstellungen von Lohnsteigerungen und Renteneintrittsalter als Deutschlands moderate Gewerkschaften und Sozialdemokraten.
Lesen Sie auf der zweiten Seite, welche Risiken mit Merkels Schachzug einhergehen









3 Kommentare