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 > Merkel tritt an gegen Hollande

Weltbühne
TV-Interview

Merkel tritt an gegen Hollande

von 
Michael Naumann
7. Februar 2012
picture alliance
François Hollande, Sozialist, PS, Frankreich, Wahlkampf
Der Sozialist François Hollande wird Merkels Einmischung sicher nicht vergessen

Mit dem TV-Interview an der Seite des französischen Partners Sarkozy hat sich Merkel für einen Wahlkampf gegen dessen sozialistischen Herausforderer François Hollande entschieden. Ein riskanter Schritt, der Folgen haben wird

Seite 1 von 2

Der alternde französische Präsident François Mitterand hinterließ seinen Wählern einen Memoirenband unter dem Titel „De l’Allemagne, de la France“, der seine überraschende Bewunderung für das verblichene Preußen nicht verbarg. Seine profunden Kenntnisse deutscher Geschichte und Literatur hatten die Beziehung zum deutschen Kanzler Helmut Kohl geprägt. Dass er die Wiedervereinigung ablehnte, ist eine Legende.

Doch in einen Wahlkampf zugunsten des so ganz anderen Helmut Kohl wäre er trotz des ikonographischen Händedrucks von Verdun nie gezogen. Sein Gefühl für die nationale Souveränität seines Landes entsprach demjenigen de Gaulles. Und er stellte es auch für die Republik auf der anderen Seite des Rheins in Rechnung.

Unvorstellbar wäre dem intellektuellen und stolzen Machtmenschen Mitterand ein gemeinsamer Fernsehauftritt mit einem deutschen Bundeskanzler gewesen, um seine gefährdete Präsidentschaft in Paris zu retten. (Dass gleichwohl aus französischen Quellen Wahlkampfgeld Richtung Bonn und zugunsten der Union geflossen seien, ist ein Gerücht, dass sich an die unsauberen Geschäfte rings um den Verkauf der Leuna-Werke an den französischen Energie-Konzern Elf Aquitaine nach der Wiedervereinigung knüpfte. Der mehrfach wegen Bestechung verurteilte deutsche Lobbyist Dieter Holzer und ein französischer Partner kassierten seinerzeit ein „Beraterhonorar“ in Höhe von ca. 39 Millionen Euro. Wo das ganze Geld geblieben ist, wurde nie völlig aufgeklärt.)

Angela Merkels überraschende Entscheidung, sich für den gefährdeten Partner Nicolas Sarkozy in die Bresche zu werfen, ist unter mindestens drei Aspekten bemerkenswert. Erstens belegt sie die geradezu unnormale Normalität der deutsch-französischen Nachbarschaft. Was noch unter dem Gespann Chirac-Schröder unvorstellbar gewesen wäre, reicht heutzutage allenfalls aus, um bei den Oppositionsparteien beider Länder für gedämpfte Irritation zu sorgen. Schröder hatte die liebenswerte Französin Brigitte Sauzay, Mitterands Dolmetscherin, als Beraterin ins Kanzleramt eingeladen. Chirac kam ohne solche transnationalen Gesten aus und schickte stattdessen erstklassige Bordeaux-Weine über den Rhein.

Zweitens signalisiert Merkels Engagement ihre eigenen Sorgen um die Zukunft des Euro-Rettungsprojekts, alle Schuldenbrems- und Rettungsschirm-Programme inklusive; denn Sarkozys Gegner, der Sozialist François Hollande, der in Umfragen führt, hat sich als Gegner deutscher Austeritäts-Politik offenbart, die früher oder später auch Frankreichs Wachstumschancen beschädigen könnten. Das „linke“ Frankreich ist jederzeit zu Massenstreiks bereit – Hollandes Wähler-Klientel hat andere Vorstellungen von Lohnsteigerungen und Renteneintrittsalter als Deutschlands moderate Gewerkschaften und Sozialdemokraten.

Lesen Sie auf der zweiten Seite, welche Risiken mit Merkels Schachzug einhergehen

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Merkozy

"Für die deutschen Wähler stellte sich dann die Frage, ob sie in den unausweichlich personalisierten Kanzler-Wahlkämpfen der Zukunft mitbedenken müssen, ob sie auch den italienischen oder polnischen Regierungschef mitwählen sollen."
Fragen über zukünftige italienische oder polnische Regierungschefs stellen sich momentan noch nicht. Jedoch stellt sich die Frage, ob der deutsche Wähler, der mit seiner Entscheidung Merkel an die Macht gebracht hat, über Merkel als "Medium" auch Sarkozy erneut ins Amt hievt, sofern die Franzosen sich von der TV-Show "Merkozy" beeindrucken lassen. Diese Ausweitung des Wählervotums über die Ländergrenzen hinweg wäre ein weiterer Schritt, das System Demokratie ad absurdum zu führen, nachdem dieses bereits hier im Lande durch die Einsetzung von Bundespräsidenten nach Parteiproporz oder den Einsatz des deutschen Volksvermögens im EU-Monopoly ohne echte Mitwirkung des Parlaments weitgehnd gelitten hat.

  • Antworten
Rudolf Stein07.02.2012 | 17:14 Uhr

Die politischen Zweifler kommen nie an

Wer immer alles bedenkt läuft vor lauter Zweifeln zum Schluss nicht durchs Ziel sondern vor die Wand. Es gibt viele Politiker, die gestern noch auf der Zielgerade standen und heute Merkel aus der zweiten Reihe zuklatschen.

Führen heißt Entscheidungen auch dann zu treffen, wenn der Datenkranz noch nicht geschlossen ist. Wer das nicht kann, sollte in die zweite Reihe zurücktreten. Viele haben diese Erfahrung machen müssen. Dass Merkel dazu nicht willens ist hat sie eindrucksvoll in der Kohl’schen Spendenaffäre gezeigt als die CDU am Boden lag. Damals trat sie, als alle noch in der Schockstarre verharrten, als erste an die Rampe. Eine Erfahrung, die offenbar ihr bester Lehrmeister geworden ist.

Auch jetzt geht sie ein politisches Wagnis ein, wohl wissend dass ihr die politischen Bedenkenträger wieder zuflüstern: Achtung, Achtung, sumpfiges Gelände.
Dabei muß Merkel nicht nur mit François Hollande, sondern François Hollande muß neben Sarkozy besonders auch mit Merkel rechnen. Nach der Devise: Schüler trifft Lehrmeisterin. Und da sie weiß, dass die Franzosen sich eine Politikerin wie Merkel wünschen, tritt sie in einer Zeit, wo alles im Fluss ist an Sarkozy’s Seite. Wo liegt das Problem?

  • Antworten
Heinz Pelzer07.02.2012 | 19:52 Uhr

Ein interessantes Gespräch ...

interessant ist ja uch der verengte Focus etatistschen Denkens. Man reflektiert den deutschen Exportüberschuss und ignoriert den Rest der Welt. China zum Beispiel. Im Grunde ist das ganze ja sehr einfach. Die Banken müssten nur mehr auf die Bonität ihrer Kunden achten und schon gäbe es keine Importe auf Pump mehr. insofern müssten sch dann auch die Handelbilanzdefizite in Grenzen halten. An Geschäften, bei denen die Produzenten die Zeche selber zahlen sind diese sowieso nicht interessiert. Im Grunde sind diese ganzen Finanzkrisen doch ein Ausdruck katastrophaler Fehler im Risikomanagement des Finanzsektors. Wenn der Staat kein Geld mehr bekommt, kann er sich auch nicht mehr verschulden. Insofern könnte man Herrn Hollande auch einfach an die Finanzmärkte verweisen.

  • Antworten
Christoph Kuhlmann08.02.2012 | 17:34 Uhr

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