Mipsterz

Die muslimischen Hipster kommen

In den USA sorgt eine selbsternannte Subkultur für Aufsehen: Mipsterz definieren sich als muslimische Hipster und sorgen für Diskussionen. Auch in Deutschland drücken junge Muslime ihren Glauben neu aus. Eine wesentliche Rolle spielt dabei Mode

Muslime Mipster gibt es schon in den USA. Auch in Europa kommt diese Haltung nun auch an
Video Somewhere in America

Unser Autor

Katharina Pfannkuch studierte Islamwissenschaft und Arabistik in Kiel, Leipzig, Dubai und Tunis. Sie veröffentlichte zwei Bücher über das islamische Finanzwesen und arbeitet seit 2012 als freie Journalistin. Neben Cicero Online schreibt sie u.a. auch für Die Welt, Deutsche Welle und Zeit Online.

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Sie sind schön, sie sind jung, die Kamera liebt sie. Ihr Outfit ist bis ins kleinste Detail durchdacht und passt in jede internationale Metropole: Sehr enge, auf der Hüfte sitzende Röhrenhosen, sehr flache Ballerinas kombiniert mit flatternden Oberteilen und plakativ bedruckten T-Shirts, große Ray Ban-Sonnenbrillen, Maxiröcke, riesige Ketten im Ethnolook, auch der zum Mode-Statement avancierte Schnurrbart-Button darf nicht fehlen. Sie brettern mit schwarzen High-Heels auf dem Skateboard durch die Straßen, sie posieren auf Feuerleitern und klettern Straßenlaternen hinauf, sie fahren Motorrad, sie lachen, tanzen und blicken selbstbewusst in die Kamera. Und sie alle tragen Kopftuch. Jede Protagonistin hat ihr Haar anders verdeckt:  Im Gipsy-Look kombiniert mit riesigen Ohrringen, ausladend nach Art der Ägypterinnen oder als kleiner Turban mit Knoten auf dem Kopf. „Somewhere in America#Mipsterz“ ist der Titel des kurzen Videos, das mit dem gleichnamigen Song des Rappers Jay-Z unterlegt ist und das seit Anfang Dezember von Youtube aus zu erhitzten Debatten in der echten und in der virtuellen Welt sorgt.

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„Mipsterz“ – so nennen sich die jungen Frauen vor und die Männer hinter der Kamera, Habib Yazdi und Abbas Rattani. Mipster, das steht für Muslim Hipsters. Ein Mipster, erklären die in den USA geborenen und aufgewachsenen Muslime Yazdi und Rattani, interessiert sich für die neueste Musik, Mode, Kunst und ist ein kritischer Denker. Inspirieren lässt sich der Mipster von der islamischen Tradition: Der Koran gilt ebenso als Inspirationsquelle wie die Geschichten der Propheten, die islamische Mystik und esoterische Imame, aber auch inspirierende Politiker und Mitmenschen. Der Mipster wünscht sich eine gerechte Gesellschaft jenseits von Klassendenken. Und genau wie beim Hipster spielt – zumindest in der Theorie – Ironie eine zentrale Rolle im Leben des Mipsters. Sie soll Selbstkritik und Kritik an der Gesellschaft ermöglichen und ausdrücken.

Ironie ist ein Teil des Selbstverständnisses
 

Ironie scheint eine der wenigen Eigenschaften zu sein, die der Mipster und sein okzidentales Pendant, der Hipster, tatsächlich teilen.  Denn so sehr  der Hipster  darauf bedacht ist, mit jeder noch so kunstvoll, vermeintlich nachlässig zerstrubbelten Haarsträhne und dem neuesten Paar Vintage-Röhrenjeans der subkulturellen Uniform eine individuelle Note zu geben, so vermeidet er eines tunlichst: Sich selbst als Hipster zu bezeichnen. Denn das Weltbild des versessen den Mainstream negierenden Hornbrillenträgers würde durch das Eingeständnis einer Gruppenzugehörigkeit  vermutlich ernste Risse bekommen.  Bei den Mipsterz ist das ganz anders: Habib Yazdi und Abbas Rattani haben selbst den Begriff geschaffen, der nun in aller Munde ist.

Die Reaktionen auf das Mipster-Video sind gemischt: Die US-Journalistin Yasmine Hafiz, selbst Muslimin, ist begeistert: Der Islam brauche mehr solcher selbstbewussten jungen Frauen, so Hafiz. Für bedenklich hält sie lediglich die Welle der Kritik, die den Protagonistinnen und den Machern des Videos entgegenschlägt. Niemand habe das Recht, zu beurteilen, ob ein anderer „muslimisch genug“ sei: „Ich bin eine muslimische Frau, und mein Auftreten und meine Sexualität sind einzig meine Angelegenheit“, so Hafiz.

Die deutsche Journalistin und Bloggerin Kübra Gümüşay ist zwar nicht im selben Maße von dem Video begeistert wie ihre amerikanische Kollegin, stört sich aber ebenfalls am Ton der Kritik: „Wir Muslime sind nicht einheitlich, sondern vielfältig. Das ist unser Kapital, das macht uns einzigartig. Dies können wir aber nur demonstrieren, wenn wir aufhören, Kontrollfreaks zu sein“. Abbas Rattani, Co-Produzent des Mipster-Videos, sieht das ganz ähnlich: „Es gibt keine Gruppe unter den Muslimen, die entscheiden kann, was islamisch ist und was nicht. Der Islam ist eine Frage der Interpretation, er gehört niemandem.“ Sein Kollege Habib Yazdi ergänzt: „Für viele Musliminnen ist das Tragen des Kopftuches eine persönliche Entscheidung. Also entscheiden sie auch individuell, wie sie es tragen. Das zeigt unser Video.“

Kontrolle vor allem über die Frauen in dem umstrittenen Video vermissen offenbar viele männliche Kritiker. Sie stören sich an nahezu allem, was in dem Video zu sehen und zu hören ist: Von der Musikauswahl über die angeblich zu aufreizende Kleidung bis hin zu vermeintlich falsch gebundenen Kopftüchern – die Liste der Kritikpunkte ist lang. Die Protagonistinnen würden als „vulgäre und verwestlichte Puppen missbraucht“, ihnen wird „Schamlosigkeit und Heuchelei“ vorgeworfen, ihre Kleidung gleiche der von Prostituierten. Besonders hitzig wird über das T-Shirt einer der Frauen diskutiert, das mit einem Bild von Marylin Monroe bedruckt ist – eine Frau, „die für ihre Promiskuität, Verhältnisse mit verheirateten Männern und Drogenkonsum“ bekannt sei. Die Anthropologin Souad Abdul Khabeer kritisiert, dass das Video vorgebe, die Vielseitigkeit muslimischer Frauen zu zeigen, aber lediglich eine amerikanisierte und kommerzialisierte Variante der Muslimin zu bieten habe. Produzent Habib Yazdi reagiert mit entwaffnender Klarheit auf diese Kritik: „Wir sind in vieler Hinsicht amerikanisch, genau wie die Ideen in unserem Video. Wir imitieren nichts, wir sind in den USA geboren und aufgewachsen“. Abbas Rattani meint, dass hier eine Kluft zwischen dem Islam und dem Westen konstruiert wird: „Es gibt kein ‚wir‘ und ‚die‘. Wir sind hier, im geographischen Westen, wir sind sichtbar, und wir leben zwei Kulturen.“

Mipster sind sehr kontrovers. Sie lösen Debatten aus
 

Die leidenschaftliche Diskussion über die Mipsterz lässt erahnen, welche Fragen sich auch junge Musliminnen in Deutschland stellen, für die Kopftuch und Religiosität nicht zwangsläufig im Widerspruch zu ihrer Begeisterung für Mode stehen. Wie eng darf ein Oberteil sein, wie stark geschminkt die Augen, wie auffällig die Jeans, wie lässig gebunden das Kopftuch? Darf der Schleier ein modischer Hingucker sein oder verfehlt er dann seinen religiösen Sinn? Ganz eigene Antworten auf diese Fragen finden sogenannte Hijabistas – das muslimische Pendant zu den Fashionistas. Der Begriff, der 1993 in Stephen Fried’s Roman „Thing of Beauty“ auftauchte, bezeichnet heute modebegeisterte – bisweilen modebesessene – Frauen. Für viele muslimische Frauen ist das Kopftuch, auf Arabisch Hijab, ein wesentliches Element ihres Erscheinungsbildes. Die besonders modeverrückten unter ihnen, die Hijabistas, machen eben dieses Element zum Zentrum ihres Outfits, das auch alle anderen Kriterien islamkonformer Mode erfüllt: Arme und Beine sind stets bedeckt, ebenso das Dekolleté.

Alles andere aber interpretieren die Hijabistas so frei, modern und kreativ, wie es nur geht. Wie lässt sich der enge Rollkragenpullover von H&M mit einer Fellweste von Zara und einer auffälligen Kette am besten zum Boho-Stil kombinieren? Welche Farbtöne für Kopftuch und Maxirock  passen zu den aktuellen Lederjacken im Vintagelook? Fragen wie diese beantwortet Sümeyye Coktan ihren mittlerweile über 340.000 Fans auf ihrer Facebook-Seite „Hijab is my Diamond“. Fast täglich veröffentlicht sie hier Bilder von neuen Kombinationen und fragt ihre Fans, welche Accessoires sie besonders interessieren – mit gewaltiger Resonanz. Nicht nur Mode ist ein Spielfeld für junge Muslime in Deutschland: Sie machen Musik, sind kreativ und veranstalten „muslimische Poetry Slams“.

Mipster-Erfinder Habib Yazdi ist trotz aller Kritik aus den eigenen Reihen zufrieden: „Wir freuen uns, dass wir etwas zu der Debatte darüber, wie Muslime dargestellt werden, beitragen können“. Und auch Abbas Rattani zeigt sich erfreut: „Schön, wenn wir einige Leute inspirieren.“ So ganz können sich die Mipsterz die Ironie und Provokation im Spiel mit den Gruppenzugehörigkeiten auf ihrer Facebook-Seite dann aber doch nicht verkneifen: „Warte mal, sie hassen uns, weil wir Muslime sind? Ich dachte, sie hassen uns, weil wir Hipster sind!?“

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