Während Regimegegner in Syrien tagtäglich ihr Leben aufs Spiel setzen, unterstützen Menschen in Deutschland den Widerstand mit Kräften. Auch das nicht ohne Risiko: Sie werden von Agenten beobachtet, ihre Familien daheim unter Druck gesetzt. Aktham Abazid vom Verein „Adopt a Revolution“ hat das selbst erlebt
Wenn Aktham Abazid über seine Mutter spricht, huscht ein Schatten über sein Gesicht. „Ich habe heute noch nicht mit ihr sprechen können. Wegen der Stromausfälle sind die Telefonnetze ständig gestört.“ Der gebürtige Syrer hat große Angst um seine Familie, wenigstens einmal am Tag versucht er anzurufen. Abazids Mutter wohnt mit seiner Schwester im syrischen Dara‘a. Als die Gewalt dort eskalierte, habe sie sich geweigert, die Stadt zu verlassen.
Dara‘a ist mittlerweile eine der gefährlichsten Städte Syriens. Erst vor einer Woche kam es dort erneut zu Übergriffen des Regimes von Präsident Baschar al-Assad. Regierungstruppen hätten willkürlich um sich geschossen, berichteten Vertreter der Opposition. Die Vereinten Nationen stehen unter Zugzwang, umso mehr, als das Syrien-Veto im Sicherheitsrat jüngst scheiterte. Das Blutvergießen soll nun der frühere UN-Generalsekretär Kofi Annan stoppen, der zum Sondergesandten für Syrien ernannt wurde. Zuvor hatte der amtierende General Ban Ki Moon gesagt, was sich in Syrien abspiele, sei „ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit“. „Wohngebiete werden willkürlich beschossen, Krankenhäuser als Folterzentren genutzt und Kinder, zum Teil nur zehn Jahre alt, werden angekettet und misshandelt.“
Aktham Abazid wird selbst Ende Mai Vater. Seinem Kind werde er auf keinen Fall die syrische Staatsbürgerschaft weitergeben, sagt Abazid, der auch den deutschen Pass hat. Der studierte Umweltingenieur trägt Cordhosen und Wanderschuhe; er sitzt in einem kargen, mit IKEA-Möbeln ausgestatteten Hinterzimmer im Berliner Stadtteil Kreuzberg. Der Weg führte durch zwei Innenhöfe in die fünfte Etage eines Gründerzeithauses, vorbei an einer stählernen Einbruchschutztür und durch ein Großraumbüro der alternativen Künstlerszene.
Hier ist die Zentrale des Vereins „Adopt a Revolution“, der die syrischen Oppositionellen mit „Revolutionspatenschaften“ unterstützen will. Bislang hat das Netzwerk rund 700 Unterstützer. An einem Whiteboard hängt ein A3-Blatt, darauf sind die Projektziele in roter Farbe markiert. Ganz oben: „Promi-Appell in der IV. Woche“.
Initiator und Pressesprecher Elias Perabo, Kapuzenshirt und mittellange Haare, sagt, dass der Promi-Appell erst später kommen soll. Momentan seien Netzwerkpflege und Spenderkommunikation wichtiger. „Adopt a Revolution“ schickt die Werkzeuge des Widerstandes nach Syrien – Smartphones, Kameras, SIM-Karten und Netzanschlüsse sind die wichtigsten. Aber auch Geld, denn die Revolutionäre brauchen „Drucker, Papier, sie müssen umherfahren, kommunizieren“, wie Abazid erklärt. „Die Revolutionäre machen das schon selbst, aber sie brauchen, wenn sie regelmäßig zusammengeschossen werden, von außen auch mal eine klitzekleine Motivationsspritze – und dann geht der Protest weiter.“
Abazid arbeitet auch noch für eine deutsch-syrische Nichtregierungsorganisation, die er gegründet hat, den „Lien e.V.“, das heißt Barmherzigkeit auf Arabisch. „Da geht es eher um Hilfe für die Familien und Opfer, also Medikamente, Decken, Lebensmittel. Eine fünfköpfige Familie braucht zum Überleben etwa 200 Euro im Monat“, erklärt der Deutsch-Syrer. Über Mittelsmänner werden die Spenden zu den Flüchtlingen in die syrischen Nachbarländer transportiert, aber auch in die Hochburgen des Widerstands.
Es ist ein Wettlauf gegen den Tod. Erst vor ein paar Tagen hatte Abazid mit einem Aktivisten vor Ort telefoniert. Das Geld sei angekommen, sagte dieser. Am nächsten Tag war der Mann nicht mehr am Leben.
Während er das erzählt, umklammert Abazid sein Glas Mineralwasser so fest, dass die Fingerknöchel weiß hervortreten. Vor zwölf Jahren kam er zum Studium nach Deutschland, sein hier lebender Onkel unterstützte ihn finanziell. Seitdem kehrte er kaum noch in seine Heimat zurück. Denn dort wäre er zur Armee eingezogen worden, der Wehrdienst dauert 21 Monate. 2009 hat er seine Familie zum letzten Mal besucht.
Seite 2: „In Syrien gibt es insgesamt 16 Geheimdienste“








