Syrien - Der Westen muss eine rote Linie ziehen

Im Syrien-Konflikt ist vieles anders als früher. Afghanistan und Irak taugen nicht als Vergleich. Nichtstun aber ist auch keine Lösung. Eine rote Linie zu ziehen, wenn Massenvernichtungswaffen zum Einsatz kommen, ist das Mindeste, was die globale Mitmenschlichkeit gebietet

Der syrische Präsident Bashar al-Assad
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Malte Lehming leitet die Meinungsseite des "Tagesspiegels".

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Bomben lösen keine Probleme. Das ist richtig. Das Problem ist bloß: Keine Bomben lösen auch keine Probleme. Ganz ohne militärische Intervention des Westens sind bereits zwei Millionen Syrer über die Grenzen geflohen, fünf Millionen irren im Land umher, mehr als hunderttausend wurden getötet, Massenvernichtungswaffen eingesetzt. Aber droht nun nicht ein Flächenbrand in der Region? Mag sein. Das Problem ist: Schon jetzt sind Russland, Iran, Hisbollah, Katar, Saudi-Arabien, Israel, Kurden, Terroristen und viele andere involviert. Der Angst vor einer Eskalation steht die Hoffnung gegenüber, durch eine veränderte Dynamik das Ende des Konflikts zu beschleunigen.

Wie man es dreht und wendet: Es bleibt ein Dilemma. Durch Nichtstun wurde alles immer schlimmer. Das Tun ist mit keiner Garantie verbunden, dass es besser wird.

Überhaupt ist diesmal vieles anders als früher. Afghanistan und Irak taugen nicht als Vergleich. In Washington regiert ein Friedensnobelpreisträger, der Militäreinsätze scheut. Raus aus dem Irak, raus aus Afghanistan, in Libyen überließ Barack Obama gerne Frankreich und Großbritannien die Lufthoheit. Die Amerikaner sind kriegsmüde, eine große Mehrheit lehnt jede Verwicklung in den Syrienkrieg ab. Rechte Republikaner bezichtigen den Präsidenten, mit Militärschlägen gegen Assad das Geschäft der Al-Qaida-Rebellen zu verrichten. Stabilisierungs- oder gar Demokratisierungsideale hat keiner. Zu unübersichtlich die Lage, und Öl gibt’s in Syrien ohnehin kaum. Obama kann eigentlich nur verlieren.

Auch in Paris und London stecken die Regierenden in der Klemme. Begrenzte Militärschläge können den Diktator von Damaskus allenfalls schwächen, ihn für Massaker bestrafen oder von weiteren Gewaltexzessen abhalten. Doch für wie lange und mit welchen Risiken? Soll man wirklich das Banner einer humanitären Moral hochhalten, hinter dem man sich schon so oft versteckt hatte, dass es diesmal ein wenig willkürlich wirkt? Nein, keiner will wirklich, was sich zunehmend deutlicher abzeichnet – durch eine Intervention hineingezogen zu werden in diese Mischung aus Chaos, Grauen und Perspektivlosigkeit.

Muss man also nicht laut davor warnen? Zum Dilemma gehört, dass sich die Gegenfrage aufdrängt: Ja, und dann? Immer mehr Tote, immer mehr Flüchtlinge, immer mehr durch Giftgas ermordete Kinder und Frauen. Das endgültige Abgleiten der gesamten Region in Gewalt und Unregierbarkeit, weitere Radikalisierung, weiteres Abschlachten. Menschen, die handeln können, sind sowohl für die Folgen ihres Tuns verantwortlich also auch für die Folgen ihres Nichtstuns. Eine rote Linie zu ziehen, wenn Massenvernichtungswaffen zum Einsatz kommen, ist das Mindeste, was die globale Mitmenschlichkeit gebietet.

Deutschland wird, aus Tradition und Wahlkampfgründen, auch diesmal abseits stehen. Statt die Statistenrolle durch Besserwisserei zu kompensieren, wären Bescheidenheit und Großzügigkeit angemessen. Bescheiden im Ton, großzügig im Handeln. Wer das Dilemma versteht, in dem sich Amerika und andere Verbündete befinden, hält sich mit allzu selbstgefälliger Kritik zurück. Das zur Bescheidenheit. Und: Viel mehr Flüchtlinge als bisher müssen aufgenommen werden. Die Wirtschaft brummt, die Steuereinnahmen sprudeln. Am fehlenden Geld dürfte die Humanität nicht scheitern. So viel zur Großzügigkeit. Leiden zu lindern, wo es eben geht: Auf diese Maxime sollten sich alle einigen können.

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