Der Streit um den neuen Rettungsplan für Athen eskaliert. Deutsche und Griechen beschimpfen sich gegenseitig, die Zahlen stimmen hinten und vorne nicht – und die EU sieht dem Chaos hilflos zu
Chaos ist ein griechisches Wort und bezeichnet den Zustand völliger Verwirrung. Bisher herrschte es vor allem in Athen. Doch jetzt ist das griechische Chaos auch in Brüssel angekommen.
Da werden Finanzministertreffen in letzter Minute abgesagt und Euro-Sondergipfel anberaumt. Da beschimpfen sich Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble und Griechenlands Staatspräsident Karolos Papoulias in aller Öffentlichkeit. Von mangelndem Vertrauen, Beleidigung und Diktat ist die Rede, und niemand scheint in der Lage zu sein, den Streit zu schlichten.
EU-Kommissionspräsident José Manual Barroso versuchte zwar, die Griechen zu besänftigen, indem er demonstrativ ihren „Mut“ angesichts der Krise lobte. Doch der Streit geht weiter – und das nicht nur auf der öffentlichen Bühne, sondern auch hinter den Kulissen in Brüssel.
Bei der letzten Telefonkonferenz der Finanzminister zur Schuldenkrise am Mittwoch flogen die Fetzen. Auf der einen Seite standen Schäuble und seine Amtskollegen aus Den Haag und Helsinki, die neue, noch härtere Auflagen für Griechenland forderten. Athen müsse ein Sperrkonto für den Schuldendienst einrichten, verlangen sie. Außerdem soll die internationale Troika die Regierung noch schärfer als bisher überwachen.
Auf der anderen Seite standen Frankreich und Italien, die vor einer ungeordneten Insolvenz warnten. Eine Pleite könnte nicht nur Griechenland, sondern auch Portugal in den Abgrund ziehen und die gesamte Euro-Rettung gefährden, fürchten sie. Nach drei Stunden hängten die Finanzminister erschöpft den Telefonhörer auf – ohne Annäherung und ziemlich verwirrt.
Denn die Lage verändert sich stündlich. Niemand weiß, ob die Regierung in Athen alle Auflagen der Troika erfüllt hat – oder ob es noch ein paar neue, nicht erledigte Aufgaben gibt. Niemand kann sagen, wann der seit Oktober versprochene Schuldenschnitt für das hoffnungslos überschuldete Land endlich kommt – und wie er genau über die Bühne gehen soll. Und niemand würde darauf wetten, dass es beim nächsten Finanzministertreffen am Montag tatsächlich zur Entscheidung für neue Milliardenhilfen kommt, wie Eurogruppenchef Jean-Claude Juncker angekündigt hat.
Schuld an diesem Chaos sind nicht nur die Griechen, auch wenn sie wohl die größte Verantwortung tragen. Schuld sind auch die Experten aus EU, EZB und IWF, die seit zwei Jahren behaupten, das griechische Schuldendrama ließe sich mit harten Sparmaßnahmen und radikalen Reformen lösen – und die Krise nur verschärft haben.









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