Der Skandal im Vatikan offenbart mehr über die dortigen Machtkämpfe, als papsttreue Medien uns glauben machen wollen: Ein ehemaliger Insider schildert seine Sicht der Dinge
Man könnte fast meinen, Georg Gänswein, der engste Vertraute des Papstes, habe geahnt, welches Unheil ins Haus steht, als er im vergangenen November die dem Papst besonders ergebenen Journalisten aus Deutschland und Österreich im Vatikan zu einer Art Privatissimum um sich sammelte. Unter ihnen auch jene, die Neuigkeiten ohne Umwege über den Pressesaal des Heiligen Stuhls schon einmal direkt aus dem päpstlichen Wohnbereich erhalten. Während nämlich die eher kirchenkritischen Medien angesichts von „Vatileaks“ im Nebel stochern und verzweifelt versuchen, in den Vatikan hinein zu recherchieren, sind es vor allem die damals Geladenen, die auf einem bestimmten Feld der deutschen Presselandschaft die Deutungshoheit über die Ereignisse fest in der Hand zu haben scheinen.
Ungläubig reibt man sich die Augen ob einer Rhetorik, die an katholische Papstapologeten im Kulturkampf des 19. Jahrhunderts erinnert. Da wird der Papst von seinem prominentesten journalistischen Intimus, Peter Seewald, mit Jesus selbst verglichen, verraten von Judas, der als biblischer Typus des Kammerdieners und seiner Gehilfen herhalten muss. Die Bild-Zeitung steuert die „diabolische Note“ bei, nach der der Verräter sich einfach „Maria“ genannt und immer zugeschlagen habe, während der Papst sich mit dem Privatsekretär auf seinem Spaziergang durch die vatikanischen Gärten dem Rosenkranzgebet hingab. Eine perfekte Dramaturgie aus Infamie und frommer Unschuld.
Gänswein, dem italienische Medien in dem Skandal schnell die Rolle einer vatikanischen Miss Marple zugeteilt haben, wird bei Seewald zu einem zweiten heiligen Sebastian. Ihm kommt die Ehre des heldenhaften „Schilds“ für den Heiligen Vater zu, der „im Gefecht Pfeile abbekommen“ muss. Auch die Welt schlägt mit einem Artikel Paul Baddes eschatologische Töne an: Herhalten muss das Gleichnis von den Winzern, die den Gesandten des Weinbergbesitzers aus Bösartigkeit töten.
Auch wenn sich die Parabel aus dem Matthäus-Evangelium eigentlich auf Christus bezieht, gewinnt man nun den Eindruck, der biblische Schriftsteller habe, als er sie zu Papier brachte, eigentlich nur an „Vatileaks“ gedacht: An die Stelle der Person Jesu auf der Sachebene des Gleichnisses wird nun wieder der Papst gerückt. Die Rolle der bösen Knechte beziehungsweise des Teufels kommt konsequenterweise den Verrätern zu – unterstützt durch die „Schäbigkeit“ der indiskreten Medien, die die benediktinische Wende innerhalb der Kirche „mithilfe von Kriminellen“ vereiteln wollten. Dass die kirchenpolitische Instrumentalisierung der Judasfigur eine verhängnisvolle Tradition hat und auch die mystisch-christologische Überhöhung des Papstes unter fachtheologischem, geschweige denn ökumenischem Aspekt eine Katastrophe darstellt, betonte im Zusammenhang der gegenwärtigen Geschehnisse kürzlich erst EKD-Präsident Nikolaus Schneider. Aber all das scheint die Papstapologeten nicht zu stören. Wer die Bösen und wer die Guten in dem vatikanischen Drama sind, ist klar geworden. Und auf der dunklen Folie menschlicher Sündhaftigkeit und medialer Niedertracht kann das strahlende Weiß des päpstlichen Opferlamms umso heller strahlen.











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