Religiöse Feindbilder

Islamkritik als pure Provokation

Der Islam sei eine „totalitäre“ Religion, behauptet Frank A. Meyer. Die Islamwissenschaftlerin Katharina Pfannkuch, die viele Jahre in arabischen Ländern lebte und studierte, widerspricht: Eine derartige Pauschal-Kritik suggeriere eine muslimische Konformität, die schlicht nicht existiert

Kopftuch als manifestierter Diskussionsstoff: Undenkbar, dass frau es freiwillig trägt
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Katharina Pfannkuch studierte Islamwissenschaft und Arabistik in Kiel, Leipzig, Dubai und Tunis. Sie veröffentlichte zwei Bücher über das islamische Finanzwesen und arbeitet seit 2012 als freie Journalistin. Neben Cicero Online schreibt sie u.a. auch für Die Welt, Deutsche Welle und Zeit Online.

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Frank A. Meyer hat ein Problem mit dem Islam. Das ist ihm nicht zu verdenken angesichts aktueller Bilder von Zerstörung  und Gewalt, deren Urheber sich auf den Islam berufen. Seit Jahren wird diskutiert, ob dem Islam Gewaltbereitschaft innewohne, ob er mit Demokratie und Rechtsstaat vereinbar sei. Diese Fragen sind verständlich: Muslime leben schließlich mit uns in Europa. Da will man wissen, mit wem man es zu tun hat. Zahllose Islamexperten und -kritiker bieten dazu ihre Meinungen an.

„Der Islam wütet durch nahezu sämtliche Regionen, die er religiös bestimmt“, schreibt nun Meyer, um sogleich Kritik an seiner Wortwahl zuvorzukommen: Die Trennung zwischen Islam und Islamismus sei „Neusprech“, eine Schöpfung „deutscher Berufstoleranzler“. Meyer beschreibt den Islam wie einen lebendigen Organismus, der wütet, fordert und funktioniert.

Damit verdeutlicht er den eigenen, in der Islamkritik verbreiteten Denkfehler: Denn es geht vielmehr um Muslime als um „den Islam“. Es geht um Menschen, die in Kairo leben und in Köln, in Kuala Lumpur und in Kopenhagen, in Kapstadt und in Königs-Wusterhausen. Um Menschen, deren Alltag um ihren Glauben kreist, und um solche, die sich dem muslimischen Kulturkreis zugehörig fühlen, ohne fünf Mal am Tag zu beten oder abends auf ein Glas Wein zu verzichten.

Den Islam gibt es nicht


Wer sich je länger in islamisch geprägten Ländern aufhielt, weiß um deren Vielfalt. Nach über zehn Jahren Reise- und Berufserfahrung in Ländern von Marokko über Syrien bis nach Katar unterstreiche ich einen oft zitierten Satz: Den Islam gibt es nicht. Meyer bezeichnet diese Religion, die weltweit in unterschiedlichsten Kulturen praktiziert wird, als „totalitär“. Das ist nicht nur irreführend, sondern vor allem destruktiv. Denn es suggeriert eine muslimische Konformität, die schlicht nicht existiert.

Es gibt Amina, die sunnitische Syrerin, die lächelnd ihren Traummann beschreibt: Groß, blond, muskulös und muslimisch soll er sein. Ihr Lieblingsbuch ist „Fifty Shades of Grey“. Und es gibt Nour, die tunesische Ingenieurin. Sie shoppt lieber, als zu beten, und weiß, wo man auch im Ramadan Café Latte bekommt. Es gibt auch die gläubige Fatima, die in Ägypten für Frauenrechte kämpft. Auf die Frage, wie denn ihr Kopftuch dazu passe, verdreht sie lachend die Augen: „Ihr Europäer seid besessen von der Idee, uns die Kopftücher herunterzureißen, oder?“

Das Kopftuch, der manifestierte Diskussionsstoff. Noch immer scheint es unvorstellbar, dass frau es freiwillig trägt. Bei einem Foto-Shooting für Hijab-Streetwear in Istanbul zeigten mir muslimische Laienmodels, was das Kopftuch neben einem religiösen Symbol auch ist: ein Mode-Accessoire. Eine triviale Einsicht, für die in der Islamkritik kein Platz ist. Denn sie lenkt den Blick nicht auf Trennendes, sondern auf Verbindendes.

Islamkritiker wittern überall „Machos“


Gerade noch denkbar scheint, dass frau sich zum Schutz vor Übergriffen verhüllt. Das bietet nämlich die Steilvorlage,  auf männliche Muslime überzuleiten, die aufgrund ihres islamischen Selbstbildes „in ihrer Entwicklung gehemmt“ seien. Es ist unbestritten, dass in islamisch geprägten Gesellschaften häusliche Gewalt auch religiös gerechtfertigt wird. Meyer nennt Sure 4:34. Eine Überlieferung des Propheten besagt aber auch: „Derjenige von euch, der seine Ehefrau am besten behandelt, ist der beste von euch“. Islamische Dogmen gelten bis heute, meint Meyer, auch das koranische Züchtigungsgebot. „Ich schlage doch nicht meine Frau, nur weil der Koran es unter Umständen erlaubt“, sagt der Tunesier Saif, Mitglied der Ennahda-Partei, entgeistert. „Du als Christin machst doch auch nicht alles, was in der Bibel steht“.

Laut Islamkritikern lauert in Städten wie Kairo, Damaskus oder Doha hinter jeder Ecke einer dieser „jämmerlichen Machos“. Dass der Mittzwanziger in Kairo, der mir, der Europäerin ohne Kopftuch, fragwürdige Komplimente zuraunt, Kopte ist, wie das tätowierte Kreuz an seinem Handgelenk verrät, dass in Dubai auch der Gang durch eine von hinduistischen Gastarbeitern bewohnte Straße zum Spießrutenlauf für eine alleinreisende Frau werden kann, tut für Islamkritiker nichts zur Sache. Das alles spielt sich ja schließlich in islamischen Gesellschaften ab. Sexuelle Belästigung und Gewalt gegen Frauen sind weltweit zu bekämpfende Probleme – Opfer interessieren sich dabei weit weniger für die Religionszugehörigkeit ihres Peinigers als so mancher Islamkritiker.

Was nicht zur Drohkulisse passt, wird gern ignoriert: Die meisten der über 1,5 Milliarden Muslime weltweit, rund 200 Millionen Menschen, leben in Indonesien. Der Übergang in die Demokratie seit 1998 verlief relativ friedlich. Von 2001 bis 2004 – also noch bevor Angela Merkel deutsche Bundeskanzlerin wurde – regierte mit Megawati Sukarnoputri eine Frau das Land, in dem 80 Prozent der Bevölkerung Muslime sind. Auch in Indonesien gab und gibt es religiöse Konflikte. Doch als Beispiel für die angeblich islamisch begründete Verweigerung gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Fortkommens taugt das Land genauso wenig wie etwa Malaysia mit über 60 Prozent muslimischer Bevölkerung. Beide Länder verurteilten übrigens jüngst öffentlich die Terrororganisation IS. Es ist bezeichnend, dass Islamkritiker ausgerechnet die Region, in der die meisten Muslime leben, konsequent ignorieren.

Meyer blickt lieber nach Nahost. Hier gibt es sie, die „Protz-Potentaten“, die ihn auf die islamkritische Palme bringen. Unerklärlich bleibt, wie er, der so ungeduldig auf „massenhafte Manifestationen von Muslimen gegen muslimische Macht“ wartet, genau eine solche übersehen konnte: Der Sturz des ägyptischen Präsidenten und Muslimbruders Mohammed Mursi 2013 war ein eindrucksvoller Protest gegen muslimische Macht, getragen von Millionen ägyptischer Muslime.

Millionenfach gingen Muslime auf die Straße


Auch in Sachen Eigenverantwortung, die der Islam behindere, ist Meyer einiges entgangen. Wenn in der jüngsten Geschichte das Wort Eigenverantwortung mit Leben gefüllt wurde, dann 2011 in Tunesien, Ägypten und Syrien. Millionenfach nahmen die Menschen in diesen – islamisch geprägten – Ländern deren Schicksal in die eigene Hand und den ungewissen Ausgang ihrer Auflehnung gegen die Regime in Kauf. Beispiele wie diese eignen sich nur nicht sonderlich für die dicken Pinselstriche und Schwarz-Weiß-Malereien der plakativen Islamkritik.

Die im Irak und Syrien wütenden IS-Truppen passen da schon besser ins Bild. Meyer wartet noch immer auf einen muslimischen Aufschrei. Da stellt sich die Frage, ob er und alle, die ihm zustimmen, die Verurteilungen des IS durch sämtliche führende islamische Institutionen, von der Organisation für Islamische Zusammenarbeit OIC über die Al-Azhar-Universität in Kairo, den Zentralrat der Muslime und dessen Vorsitzenden Aiman Mazyek bis hin zum türkischen Dachverband DITIB nicht wahrnehmen, oder sie schlicht ignorieren. Doch Meyer will sowieso mehr: Muslime, die sich öffentlich von der IS-Ideologie distanzieren.

Weshalb fordert eigentlich niemand deutsche Christen auf, sich von den reaktionären und menschenverachtenden Ansichten radikaler Evangelikaler in den USA und in Deutschland zu distanzieren? Das habe ja nun nichts mit normalem deutschen Protestantismus oder dem hiesigen Christentum zu tun, entgegnet da wohl jeder vernünftige Mensch. Warum aber wird dann etwa von in Deutschland geborenen schiitischen Muslimen so vehement eine Distanzierung von selbsternannten sunnitischen Gotteskriegern im Irak erwartet?

Frontbildung in „die“ und „wir“


Diese fordernde Erwartungshaltung resultiert aus einem diffusen Islam-Begriff, der eine wunderbare Schablone für das westliche, rationale und vermeintlich aufgeklärte Selbstbild bietet: „Wir“ haben die Aufklärung schließlich schon hinter uns, „die“ müssen sich erst noch beweisen. Doch dieses Bild bekommt Risse, wenn es sich nicht auf Wissen, sondern auf vage Vorstellungen stützt.

Dass die Scharia kein Gesetzestext ist, in dem man wie im Strafgesetzbuch blättern kann, hat sich trotz jahrelanger Debatten noch nicht überall herumgesprochen. Dass die Scharia auch Empfehlungen für das Zusammenleben der Menschen untereinander und für das Verhältnis zwischen Mensch und Gott gibt, denen Muslime weltweit nach ganz individuellem Ermessen folgen, sprengt dann meist den Rahmen der islamkritischen Vorstellungskraft. Denn das Individuum hat in der Islamkritik keinen Platz.

Hat man all diese Aspekte sorgsam ignoriert, lässt sich die – laut Meyer „richtige“ – Frage stellen, nämlich jene, ob der Islam, der ja wie eine „reaktionäre Zeitmaschine“ funktioniere, überhaupt in unsere Zeit gehöre. Diese Frage ist so polemisch wie unergiebig. Denn sie sucht nicht, wie es das aufklärerische, nach Wissen dürstende Ideal vorgibt, nach einer Antwort. Sie dient einzig der Provokation, der Verhärtung von Fronten, von Feindbildern, sie teilt ein in „die“ und „wir“.  Das Beharren auf dem Unbehagen gegenüber dem Fremden, die Verweigerung, sich auf neue Perspektiven einzulassen und statt auf konkretes Wissen und direkte Begegnungen auf diffuse Vorstellungen zurückzugreifen – das ist reaktionär.

Lesen Sie hier den Kommentar von Frank A. Meyer zum Islam.

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