Wer hier herkommt, wähnt sich selig in einer untergegangenen Welt: Masuren. Diese Region im Norden Polens, einst Teil Ostpreußens, ist nicht zuletzt Sehnsuchtsort der Deutschen. Eine Reise durch ein Land ohne Eile
Ich war in Masuren angekommen, angelockt vom Klang des Namens. „Masuren“, das schnurrte so sanft, dass ich bereits die kleine Bahn zu hören gemeint hatte, die mich dort hinbringen würde, das Rollen der Räder auf endlosen Gleisen… Masuren. So wenig hatte ich über Masuren gewusst, dass all das, was es zu wissen gab, mir unermesslich reich erschienen war.
Nicht einmal eine klare geografische Vorstellung davon, wo dieses Masuren eigentlich lag, besaß ich. Es kam mir vor, wie ein Verwandter Lummerlands, wusste man von Lummerland doch ebenso wenig, wo es genau zu finden sei, und auch dort gab es eine kleine Eisenbahn.
Nur eins wusste ich: Masuren lag irgendwo im Osten Europas, und den Osten fand ich lange schon verlockender als jede andere Himmelsrichtung. Der Norden war mir zu kalt, den Süden kannte ich, der Westen schien mir so abgegrast wie die Prärie in North Dakota, nachdem eine Herde Büffel sich daran gütlich getan hat. Aus dem Osten aber kam der Mensch, von dort aus hatte er einst den Westen bevölkert, den Berliner Raum zumindest, und als Berliner fühlte ich mich. Eine Reise in den Osten wäre wie eine Reise zu den eigenen Ursprüngen, mochten die Kirchenbucher in Westfalen auch ganz anderes behaupten.
„Sie
sagen, junger Mann, nach Osten fahren Sie?“, las ich in Péter Esterházys Reiseroman „Donau abwärts“.
„Immer nur nach Osten? Aber wenn Sie dabei bleiben, wohin kommen
Sie da? Na? Na? Nach Westen, jawoll! In den westlichsten Westen.
Eine verrückte Sache, dass die Erde rund ist! Verstehen Sie? Die
Hoffnung. Das es nichts Östlichstes gibt!“
Der Osten, das war für mich ein Trichter, der sich immer weiter öffnete, je tiefer man sich in ihn hineinbegab. Wie ein immenses Versprechen kam er mir vor, unerschöpflich.
Dass die Realität angesichts solcher Vorstellung nur ernüchtern konnte, wurde mir, euphorisch, wie ich war, mit einem Schlag klar, als ich in Osterode aus dem Zug stieg: Von wilder rauer Weite war hier nichts zu spüren. Osterode präsentierte sich trubelig, geradezu heiter und leicht an diesem sonnigen Frühlingstag. Die Bürgersteige waren so voll, als hatte man die gesamte Einwohnerschaft aus ihren Wohnungen getrieben. Tausend kleine Geschäfte reihten sich entlang der endlosen Hauptstraße, Autos, Busse, Taxis rauschten an mir vorüber. Im „Land ohne Eile“, wie Arno Surminski Masuren in „Die Reise nach Nikolaiken“ nennt, war ich offensichtlich noch nicht angekommen.
Alles war voller Schilder und Werbetafeln, die ich nicht entziffern konnte, und doch las ich alles, weil mein Kopf einfach nicht verstehen wollte, dass er nichts verstand. Aus einem Lautsprecher drangen scheppernd Geräusche, die sich wie eine katholische Messe anhörten, und tatsächlich, da sah ich im Fenster eines schäbigen grauen Hauses die Quelle des dröhnenden Glaubensritus und daneben ein Bild Johannes Pauls II. Kein Gesicht sollte mir in den nächsten Monaten häufiger begegnen, aber das wusste ich noch nicht.
Dabei trug ich selbst eine Fotografie des verstorbenen Papstes in der Tasche. Zwei Tage vor meiner Abfahrt war ich auf der Straße, der Berliner Friedrichstraße, an einer wunderlichen, sehr alten, sehr dicken und sehr dick geschminkten Dame vorbeigekommen, die laut und wie erleuchtet mir unverständliche Lieder schmetterte.
Ich schaute in meine Brieftasche und fand nur ein größeres Geldstück, kämpfte für einen Moment mit meinem Geiz, gewann dann aber die Oberhand und legte die Münze der Dame ins spendenempfangende Bastkörbchen. Als ich sogleich weitergehen wollte, hielt sie mich, eben ans Ende ihrer Arie gelangt, zurück, lächelte so ansteckend, wie nur dicke Frauen ansteckend lächeln können, und überreichte mir zum Dank ein Bild von Jan Paweł II.
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