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Weltbühne
Michael Naumann

Provinzpolitiker Kauder und die deutsche Sprache

von 
Michael Naumann
18. November 2011
picture alliance
Volker Kauder, CDU, Parteitag, Leipzig, Deutsch sprechen
Helmut Kohl aus Oggersheim ist im Vergleich zu Kauder ein strahlender Kosmopolit

„In Europa wird wieder Deutsch gesprochen“, rief CDU-Fraktionschef Volker Kauder kürzlich aus. Wann wird dieser wohl im Gespräch mit dem neuen Vorstand der Deutschen Bank, dem indischen Briten Anshu Jain, darauf beharren, dass der Vielfachmillionär doch die Landessprache benutzen möge, fragt sich Cicero-Chefredakteur Michael Naumann

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„In Europa wird wieder Deutsch gesprochen“, rief der CDU-Fraktionschef Volker Kauder seinen Parteifreunden beim jüngsten Wellness-Kongress der Union zu. „Oh, really?“ antwortete die britische Presse mit der inseltypischen Empörung. Na klar, legt „Bild“ nach, pünktlich zum Besuch des britischen Premiers: „Europa spricht Deutsch, Herr Cameron!“ – und „Was wollen die Engländer eigentlich in der EU?“ Für alle Bild-Leser: Das ist das Land der Königin und ihrer Schwiegertöchter, tot und lebendig. Und die brauchen wir deutschen Europäer doch wirklich immer wieder. Von den meist englischen Nackedeis auf Seite eins ganz abgesehen. 

Lebte er noch, könnte sich Friedrich Schiller als literarischer Testimonial-Spot von „Bild“ missbrauchen lassen: Deutsch, so meinte er einmal, sei der Stamm der Sprachen Europas, die anderen „sind die Blätter.“ Dabei konnte er natürlich nicht an das besondere deutsche Blatt denken, das sich laut seinem stellvertretenden Chefredakteur Nikolaus Blome als Teil der „europäischen Öffentlichkeit“ versteht, die, wer will das bestreiten, in jedem Bauwagen, an jedem Stammtisch beginnt – und bisweilen auch endet. 

Sind wir also wieder im Nationalismus des frühen 19. Jahrhunderts mitsamt seinem Sprachenstreit und Sprachenhochmut gelandet? Unvergessen ist der Hochmut deutscher Historiker, als sie entdeckten, dass peinlicherweise Deutsch die „Arbeitssprache“ im ersten panslawistischen Kongress zu Moskau (1867) war. Wann also wird Herr Kauder beim irgendwann fälligen Gespräch mit dem neuen Vorstand der Deutschen Bank, dem indischen Briten Anshu Jain, darauf beharren, dass der Vielfachmillionär doch bitte die Landessprache benutzen möge?

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum Helmut Kohl aus Oggersheim im Vergleich zu Kauder ein strahlender Kosmopolit war

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Volker Kauder und der Verbalismus

Einem eingefleischten Badener (nicht Badenser, das gilt im Ländle als Schimpfwort) wie Volker Kauder bereitet bereits die hochdeutsche Sprache sichtlich Probleme, ganz zu schweigen vom englichen Sprachgebrauch. Er vertritt den Wahlkreis Rottweil-Tuttlingen, tiefste Provinz, an der jede Internationalität bislang vermutlich vorbeirauschte.

Laut Bundestagshandbuch legte er im Jahre 1969 am Hegau-Gymnasium in Singen nahe der schweizer Grenze sein Abitur ab und dürfte dort auch Englisch-Unterricht genossen haben. Ob er sich mit einem "ausreichend" durchmogeln konnte, ist nicht bekannt. Es könnte jedoch so gewesen sein.

Aber was soll`s. Volker Kauder ist der Ackergaul von Kanzlerin Angela Merkel, er zieht den Fraktionskarren immer wieder aus dem Dreck. Aber für "höhere Weihen" qualifizierte er sich bisher nicht.

Sein Verbalismus schon garnicht.

  • Antworten
Yvonne Walden18.11.2011 | 17:51 Uhr

Sehr geehrter Herr Naumann,

Sehr geehrter Herr Naumann,

natürlich, darüber ist besteht allgemein Einigkeit, war der Kauder'sche Ausspruch, gerade vor dem Hintergrund historischer Ereignisse, höchst unsensibel; dass sich die englische Presse daran hochzieht aber mindestens ebenso unnötig. Lasst ihn doch quatschen! Wo bleibt der britische Humor, für den sich die Insulaner bei jeder anderen Gelegenheit, ich denke z.B. an Nazi-Karrikaturen vor Fussballspielen, rühmen? Auf der Strecke, so ist anzunehmen. Und es verwundert auch nicht, warum: Dünnhäutige Reaktionen sind doch zumeist Ausdruck reiner Verunsicherung. "Cool Britannia" war offensichtlich gestern. Wofür ich vollstes Verständnis habe: bei solch desolater wirtschaftlicher Lage kann man schon einmal an Gelassenheit einbüßen. Besonders natürlich, wenn man seit Thatcher allen umliegenden Ländern kluge Ratschläge gemacht hat, damit, mit Verlaub, auf die große Klappe flog, und in der Folge diese Rolle auf einmal - ausgerechnet! - an die Krauts abgeben muss.

Was mich aber an Ihrem Kommentar eher stört, ist die Art und Weise, wie wenig gerade Sie, als bundesweit bekannter und hochrenommierter Journalist - und als Kulturstaatsminister a.D.! - die deutsche Sprache würdigen. Man muss ja nicht gleich so weit gehen wie der von Ihnen zitierte Schiller und sich quasi als den Mittelpunkt des linguistischen Universums betrachten. Auch muss man nicht, wie die Franzosen es tun, für jedes englische Wort (computer als ordinateur, en ligne für online) einen neuen, eigenen Begriff kreieren.

Aber es wäre doch sehr zu wünschen, dass auch unsere Urenkel Goethe und Mann noch im Original lesen (und verstehen können), dass wir aufhören, mit unserem Möchtegern-Business-Denglisch eine andere Kultursprache, eben die Englische, zu verhunzen (ich denke an Wörter wie "Handy", von dem jeder Fünftklässler ausgeht, es sei Englisch); wir sollten aufhören, ins Office, zu Meetings zu gehen oder Conference Calls abzuhalten, uns damit einerseits vor Muttersprachlern zu blamieren (mit falscher Aussprache und schleimigem Anbiedern) und andererseits auf unsere einheimisch niedere Bildungsschicht herabzublicken, nach dem Motto: "Ach oh 'so sorry', ich bin schon wieder ins Englische gerutscht, Sie Prolet verstehen das natürlich nicht. Aber wissen Sie, ich komm so viel herum auf der Welt, ich denke sogar schon auf Englisch....". Welch fürchterliche Attitüde! Man findet Sie leider immer häufiger, ob bei deutschen "Businessmen" oder spätpubertären Erasmus-Studenten, die sich ein halbes Jahr lang in London betrunken haben und darum meinen, sie seien Menschen von Welt.

Gerade in diesem Zusammenhang gefällt mir auch nicht, wie Sie mit "den Bildzeitungslesern" umgehen. Ob Sie noch Sozialdemokrat sind, entzieht sich meiner Kenntnis, aber als sie für diese Partei im Namen der kleinen Leute in Hamburg antraten, haben Sie auch und gerade um die Stimmen dieser Leute gebuhlt. Nicht jeder von denen, nur weil er weder Englisch sprechen noch den Faust rezitieren kann, ist ein Kretin. Etwas mehr Respekt hätten diese Leute verdient, gerade von einem ehemaligen Politiker. An diesen Leuten ist Herr Kauder, in all seiner Provinzialität, "näher dran", wie man so schön sagt, als Sie.

Einen freundlichen Gruß.

  • Antworten
Paul Fischer18.11.2011 | 19:41 Uhr

in Europa wird wieder deutsch gesprochen

hatten wir mal, ist noch nicht so lange her. Auch in Polen, in Russland, in Frankreich, in den Benelux Ländern, in Dänemark, in Norwegen wurde damals deutsch gesprochen. Ob die Polen, Russen,Franzosen, Niederländer, Belgier, Dänen, Norweger das wohl wieder möchten? In Grossbritannien wurde ja auch damals nicht so heftig deutsch gesprochen - Herr Cameron möchte doch bitte beim Englischen bleiben und Herr Kauder vielleicht in Deutschland, da scheint er hin zu gehören.

  • Antworten
hanna zweig19.11.2011 | 11:10 Uhr

Hallo, Herr Naumann,

Hallo, Herr Naumann,
sind wir nicht aus Parteiräson ein wenig zu polemisch?
Es ist bekannt, dass wir im 21. Jahrhundert leben. Wir wissen auch, dass viele Wissenschaftler gerne internationale Anerkennung wünschen, und daher schreiben sie zumindest eine Zusammenfassung (summary) auf Englich.
Mit Ausnahme gewisser naturwissenschaftlicher Fächer, wo Sprache ohnehin rudimentär entwickelt ist, werden in den Geisteswissenschaften die Arbeiten auf Deutsch geschrieben und ggf. übersetzt (das ist letztlich immer noch besser als Denglisch).
Ich gehe sogar soweit zu sagen, dass es gewisse Fächer gibt, in denen Deutsch noch nicht als provinziell angesehen wird.
Wer Arbeiten z. B. in Musikwissenschaft, die auf Deutsch geschrieben sind, von vornherein als provinziell abtut, der lese einmal einige US- und britische Arbeiten zu bestimmten Themen. Die geistige Provinzialität, die sich dort zuweilen ausbreitet, ist geradezu charmant.
Provinzialität zeigt sich eben nicht in der Wahl der Sprache, sondern in den Gedanken.
Allerdings gebe ich zu, dass sich englisch formulierte Platitüden international und auch in Deutschland besser verkaufen als auf Deutsch, Finnisch oder Hebräisch abgefasste.

  • Antworten
Dr. Hans-Peter Rösler20.11.2011 | 11:26 Uhr

Nachtrag

Als wenn meine Tiraden von neulich nach einer Bestätigung geradezu verlangt hätten, ereignete sich gestern folgendes:

Bei einem großen und populären amerikanischen Elektrogerätehersteller musste ich ein paar Besorgungen machen. Als ich zahlen wollte, merkte ich, dass nirgends eine Kasse zu erblicken war. Da ich bereits am Ausgang stand, fragte ich die dort stehende Angestellte: "Wo kann ich denn die Kasse finden?" - "Wir haben keine Kasse mehr, Sie können direkt bei jedem Mitarbeiter zahlen", so die Antwort. "Wunderbar", entgegnete ich, "dann zahle ich gleich bei Ihnen. Oder sind Sie nur für die Tür zuständig?" Woraufhin sie allen Ernstes sagte: "Für das DOORMANAGEMENT, ja!"

Irgendwie provinziell, dachte ich mir.

  • Antworten
Paul Fischer24.11.2011 | 10:15 Uhr

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