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Weltbühne

TV-DuellObamas rhetorische Kneippkur

Von Malte Lehming2. Oktober 2012
picture alliance
Obama,Rhetorik,Rede,TV-Duell
Sprachvirtuose: Barack Obama weiß, wie man Massen mobilisiert
Schrift:

Barack Obama gilt als Sprachvirtuose, Romneys Redekunst dagegen ist unterentwickelt. Immer mehr Kritiker verlangen vom amtierenden Präsidenten jedoch mehr Substanz statt schöner Worte. Beim morgigen TV-Duell werden sie ganz genau hinhören

Barack Obama beruft sich öfter auf Jesus, als George W. Bush es tat: So lautet die Überschrift eines Artikels, der im Sommer 2009, ein halbes Jahr nach der Amtseinführung des neuen Präsidenten, in der Zeitung „Politico“ erschien. Ob in seinen Ausführungen über die Wirtschaft, den Nahen Osten oder das Abtreibungsrecht – gern und oft spielt Obama auf die Bibel und das Christentum an. Vor seiner legendären Rede in Kairo konsultierte der Redenschreiber im Weißen Haus mehrere Geistliche verschiedener Konfessionen. Selbst der Haushaltsplan wurde mit ihnen in einer zweistündigen Konferenz besprochen.

Obamas Rhetorik ist der Schlüssel zu seinem Erfolg und zu seiner Popularität. In welcher Form er von dieser Begabung jetzt Gebrauch macht, wird er im ersten TV-Duell zeigen, das er sich an diesem Mittwoch gegen den Herausforderer der Republikaner, Mitt Romney, liefert. Natürlich gilt der Amtsinhaber als Favorit. Romneys Redekunst ist eher unterentwickelt. Er spricht mit einfacher Syntax, wenig Betonung, die Pointen sind berechenbar, es fehlt an Anschauung und Konkretion.

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Obamas Hoffnungs-, Versöhnungs- und Befreiungspathos indes hat sich verbraucht. Er muss sogar aufpassen, nicht allzu sehr in seine früheren Rollen zurückzufallen. Die Versuchung freilich ist groß. Obama brillierte stets, wenn er den ganz großen Bogen schlug. Wenn er etwa die schwarze Befreiungstheologie ökonomisch übersetzte – die hart arbeitenden Amerikaner von der Unterdrückung durch Wirtschaftslobbyisten befreien. Oder wenn er an Versöhnungssehnsüchte Lessingscher Dimensionen appellierte – Demokraten sprechen mit Republikanern, Schwarze mit Weißen, Christen mit Muslimen, Amerikaner mit Iranern.

Virtuos beherrscht Obama verschiedene Redestile. Er kann, je nach Bedarf, schwarze Slang-Elemente einfließen lassen, mit dem Publikum in einen Frage-Antwort-Modus wechseln, religiöse Geschichten in säkulare Gefühle übersetzen. Kurz nach dem Parteitag der Demokraten analysierte die „Washington Post“ seine Rede in Charlotte (North Carolina) unter der Überschrift „Yes, Obama has the gift of God talk“.

Damit war insbesondere dessen geschickter rhetorischer Sprung von „Ich“ auf „Du/Ihr“ gemeint. „Es geht nicht um mich. Ihr seid der Wandel. Nur ihr habt die Kraft, das Land nach vorne zu bringen.“ Da klang Moses an, wie er dem Volk Israel sagte, selbst ins Gelobte Land gehen zu müssen. Und es erinnerte an den berühmten Satz aus John F. Kennedys Amtseinführungsrede „Frage nicht, was dein Land für dich tun kann, sondern was du für dein Land tun kannst“.

Die Wirkung solcher religiös aufgeladenen öffentlichen Reden kann in Amerika groß sein. Für eine Mehrheit von Demokraten und Republikanern ist es wichtig, dass der Präsident einen festen Glauben hat. Als am 28. Januar 1986 nur 73 Sekunden nach ihrem Start die „Challenger“ explodierte, sagte der damalige US-Präsident Ronald Reagan noch am selben Abend: „Wir werden diese Menschen niemals vergessen, wie sie sich an diesem Morgen auf ihre Reise vorbereiteten, uns zuwinkten und die harten Fesseln der Erde abstreiften, um das Gesicht Gottes zu berühren.“ Daraufhin schnellten Reagans Beliebtheitswerte steil nach oben.

Doch 2012 ist anders als 2008. Weil Kritiker dem amtierenden Präsidenten vorwerfen, außer schönen Worten in vier Jahren wenig Substanzielles geliefert zu haben, ist Obama der bloße Rückzug in die Pathos-Rhetorik versperrt. Erneut einen großen narrativen Bogen zu spannen, würde ihm wahrscheinlich als Arroganz ausgelegt. Er muss sprachlich abrüsten, um in Sachen Glaubwürdigkeit aufrüsten zu können. Er muss seine Worte in kaltes Wasser tauchen.

Nur als ruhiger, nüchterner, sachlicher Präsident darf Obama in das erste TV-Duell gehen. Lieber zu trocken als zu klug, lieber zu inhaltlich als zu schlagfertig. Er muss an die Geduld der Amerikaner appellieren und an ihre Fairness, ihm eine weitere Bewährungschance zu geben. Das ist eine bescheidene Botschaft, die allerdings, entsprechend vorgetragen, schwer zu schlagen sein dürfte. Stärke durch das Eingeständnis von Schwächen demonstrieren: Auch darin schwingt natürlich religiöse Metaphorik mit. Auf die Dosis kommt’s an.

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