Nach seinem Siegeszug in Florida verliert Mitt Romney kein böses Wort über seine unterlegenen Rivalen. Sein Feindbild dagegen bleibt Europa – als Chiffre für alles, was schlecht und gefährlich ist
Nach seinem Triumph in Florida hat er es wieder getan: verächtlich über Europa gelästert. Das fiel umso mehr auf, als Mitt Romneys Tonlage in seiner Siegesrede ansonsten eher versöhnlich war. Über seine unterlegenen Rivalen Newt Gingrich, Rick Santorum und Ron Paul verlor er kein böses Wort. Dabei hatten die ihn seit Wochen mit verleumderischen Angriffen auf seinen Charakter gequält. Dennoch dankte er den „Gentlemen“ für einen „großartigen Wahlkampf“.
Beim Blick auf Europa kennt Romney keine solche Nachsicht. Europa ist in seinen Reden zu einer Chiffre für alles geworden, was schlecht und gefährlich ist. Er wolle im Weißen Haus endlich wieder eine Person sehen, die für „das Beste in uns“ Amerikanern steht und nicht für „das Allerschlechteste, zu dem Europa geworden ist“, sagte er in Tampa.
Das sind erstaunliche Worte über den engsten Verbündeten, den die USA auf der Erde haben. Und das umso mehr, wenn er mit dieser Botschaft den Zweck verfolgt, sich als der qualifizierteste Bewerber für das Präsidentenamt vorzustellen.
Romneys Europa-Bashing ist kein Ausrutscher, sondern hat Methode. In nahezu jeder Wahlkampfrede verwendet er die immer gleiche Denkfigur. Obama wolle den Vereinigten Staaten ihre Identität nehmen und sie europäischer machen. Europäer werden gerade diese Aussicht sympathisch finden. Romney schärft den Amerikanern jedoch ein, dies sei „Gift für Amerikas Seele“. Er benutzt Europa als ein Synonym für alles, was unamerikanisch sei. Europa ist für ihn eine „Versorgungsgesellschaft“, in der Leistung nicht mehr belohnt werde, sondern Anspruchsdenken regiere. Und dann folgt die höllische Gleichsetzungskette: Obama gleich Europa gleich Sozialismus.
Natürlich, man kann das als Wahlkampf-Folklore abtun. Ganz neu ist es im republikanischen Lager ja nicht, den Begriff Europa wie ein Schimpfwort zu gebrauchen. Im Streit um den Irakkrieg 2003 hatten viele Konservative in den USA die Franzosen als „Käse essende Kapitulierer“ verspottet. Das hat Amerika, Frankreich und Großbritannien aber nicht gehindert, in Afghanistan und später in Libyen Seite an Seite zu kämpfen.
Mit Recht darf man zudem anmerken, dass umgekehrt Antiamerikanismus in deutschen Wahlkämpfen und in anderen europäischen Ländern gelegentlich zum Stimmenfang benutzt wird. Doch als Kanzler Gerhard Schröder die Wirkung dieser Rhetorik testete, löste dies zumindest eine Debatte in den Medien über die Folgen aus.
Von der Europa-Beschimpfung im republikanischen Wahlkampf 2012 kann man das nicht behaupten. Niemand in Amerika scheint etwas dabei zu finden, wenn Romney Europa zum Feindbild aufbaut. Niemand stellt die Frage, welche Auswirkungen das auf das Kooperationsklima unter einem potenziellen Präsidenten Romney haben würde. Vielmehr hat sein Beispiel rasch Nachahmer gefunden. Rick Santorum behauptet mit ähnlich verächtlicher Emphase, Obama wolle den Amerikanern „europäischen Sozialismus aufzwingen“. Oberpopulist Newt Gingrich hängt dem Präsidenten gleich eine Viererkette abscheulicher Worte an. Er stehe für „säkularen, europäischen, bürokratischen Sozialismus“.
Kann dieser Versuch, die US-Wahl 2012 als Kulturkampf zwischen Europa und Amerika zu inszenieren, Erfolg haben in einem Land, in dem die Mehrheit der Familien irgendwann aus Europa eingewandert ist?
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