KZ in Nordkorea

„Sie durften uns schlagen, sie durften uns töten“

Shin Dong-hyuk ist in einem nordkoreanischen Konzentrationslager geboren, aufgewachsen und hat 23 Jahre seines Lebens dort verbracht. Dann gelang ihm als bislang einzigem Menschen die Flucht

Die Buchpräsentation seiner Erinnungen - an ein Leben ohne Lachen.
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Claas Relotius ist freier Journalist und schreibt u.a. für den Cicero, die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung und The Guardian. Er lebt in Hamburg.

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Ein traditionelles koreanisches Café in der Innenstadt von Seoul. Shin Dong-hyuk, 30, humpelt, als er den Salon betritt, und doch scheint er sich kaum von den anderen Gästen zu unterscheiden. Er trägt eine warme Daunenjacke, hat kurze schwarze Haare und einen Gesichtsausdruck, der pure Freundlichkeit ausstrahlt. Vielleicht ist es nur eine Maske, um nicht aufzufallen. Sicher ist es aber auch ein Wunder. In dem Konzentrationslager, wo er aufwuchs und 23 Jahre Hunger, Folter und Mord erlebte, wurde Lächeln mit dem Tod bestraft. Er hat es erst nach seiner Flucht gelernt. Sechs Jahre liegt diese nun zurück und Shin Dong-hyuk will, dass die Welt erfährt, welche Gräuel im abgeschotteten Nordkorea tatsächlich geschehen. Er will von den Konzentrationslagern erzählen. Noch bevor das Gespräch beginnt, entschuldigt er sich: Er sei aufgeregt, es falle ihm nicht leicht über das Erlebte zu sprechen. Aber er möchte es unbedingt versuchen.

Shin Dong-hyuk, Sie sind in einem nordkoreanischen KZ geboren und aufgewachsen, bis Ihnen eines Tages die Flucht gelang. Was empfinden Sie, wenn Sie heute sehen, dass die Welt nur über den Diktator Kim Jong Un und seine Bombe spricht, nicht aber über die Menschen in den Lagern?

Es zerreißt mich. Einerseits kann ich die Leute in Europa oder in den USA verstehen, die vor allem Angst um sich selbst haben, weil sie nicht wissen, wie berechenbar das Regime in Pjöngjang ist und ob es nicht doch eines Tages den Knopf drücken wird. Ich kann diesen Leuten nicht vorwerfen, dass ihnen ihr eigenes Leben weit mehr bedeutet, als das vieler Menschen, die täglich in den Lagern sterben. Andererseits fühle ich natürlich eine ganz andere Bindung zu diesen Menschen, weil ich selbst weiß, was sie dort durchleiden. Ich denke jeden Tag daran. Und oft bin ich dann wütend, wenn ich sehe, wie wenig den Rest der Welt an deren Schicksal Anteil nimmt.

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Aufgrund von Satellitenbildern gehen Experten davon aus, dass sechs bis acht Konzentrations- und Arbeitslager in Nordkorea existieren. In diesen werden Schätzungen zufolge mehr als 200.000 Menschen gefangen gehalten. Sie sind in einem Lager geboren, das als sogenanntes „Lager der totalen Kontrolle“ gilt. Was bedeutet diese Bezeichnung konkret?

Soweit bekannt ist, gibt es unterschiedliche Konzentrationslager in Nordkorea: Die einen dienen der politischen Umerziehung. Dort werden Insassen einer ideologischen Gehirnwäsche unterzogen. Sie müssen Zwangsarbeit leisten, die meisten kommen aber nach fünf bis zehn Jahren wieder frei. In den Lagern der totalen Kontrolle gibt es diese Hoffnung nicht. Man ist dazu verdammt, zu arbeiten bis man tot umfällt. Es gibt dort vor allem Bergwerke und Kohlegruben. In so einem Lager bin ich gewesen.

Wie groß muss man sich die Lager vorstellen?

Den Satellitenbildern zufolge umfasst das Lager, in dem ich war, etwa 280 Quadratkilometer, die sich über mehrere Bergtäler erstrecken. In jedem Tal gibt es Fabriken, Bergwerke und zum Teil auch große Agraranlagen. Es ist schwer zu sagen, wie viele Menschen heute dort gefangen gehalten werden. Manchmal war von 20.000 die Rede. Das deckt sich mit den Schätzungen südkoreanischer und amerikanischer Geheimdienste.

Wer wird in solche Lager deportiert?

Alle möglichen Menschen, Männer, Frauen, Kinder. Warum diese aber inhaftiert wurden, kann ich nicht beantworten. Im Lager hat man niemanden danach gefragt. Über so etwas zu sprechen stand unter Todesstrafe.

Es gibt ehemalige Wärter, denen die Flucht nach Südkorea gelungen ist und die inzwischen Zeugnis über ihre Arbeit in den Lagern abgelegt haben. Diese sagen, die Inhaftierungen richteten sich nicht nur gegen Oppositionelle, sondern fänden vollkommen willkürlich statt.

Ein junger Mann, mit dem ich im Lager öfter zusammen gearbeitet habe, war der einzige, der mir einmal heimlich erzählte, warum er verhaftet wurde. Er sagte, dass er versehentlich auf eine Zeitung mit einem Foto des Großen Führers getreten und dabei zufällig von Polizisten beobachtet worden sei. Darauf habe man ihn als politischen Dissidenten deportiert. Wahrscheinlich wissen die meisten Menschen in den Konzentrationslagern nicht einmal selbst, warum sie dort sind.

Einige der übergelaufenen Wärter aus Camp 14 sprechen davon, dass nicht nur Straftäter, politische Gefangene oder Dissidenten in die Lager kommen, sondern auch Behinderte und Menschen, deren Erbanlage vom Regime als minderwertig angesehen wird.

Das ist korrekt. Niemand auf der Welt will es wahrhaben und viele Politiker verschließen gerne die Augen davor, aber Eugenik und Rassenselektion spielen in Nordkorea schon lange eine große Rolle. Die berüchtigten Massenaufmärsche, die man von Fernsehbildern kennt, sind auch ein Feiern ethnischer Homogenität. Und ähnlich wie früher in Deutschland sind die Lager das wichtigste Instrument, um die vom Regime gewollte Auslese durchzusetzen und eine überlegene Rasse zu formen.

Wer zählt in Nordkorea zur vermeintlich „unterlegenen Rasse“?

Natürlich Behinderte. Natürlich Homosexuelle. Natürlich aber vor allem Menschen, in deren Adern südkoreanisches oder chinesisches Blut fließt. Der Juche-Ideologie der Kims zufolge stellt die nordkoreanische Rasse die reinste und stärkste Rasse überhaupt dar, weshalb das Regime versucht, diese um jeden Preis zu schützen. So werden zum Beispiel auch Kleinwüchsige verfolgt, da diese dem ideologischen Selbstverständnis widersprechen und in den Augen der Führer das Erbgut der Rasse infizieren.

Sie wurden nicht in das Lager gebracht, Sie wurden dort geboren. Hat Sie nicht die Frage gequält, weshalb Sie seit Ihrer Geburt ein Gefangener waren?

Mir wurde von kleinauf klargemacht, meine Eltern sind Verräter und ich muss mein ganzes Leben arbeiten, um Ihre Schuld zu begleichen. Die Wärter sprachen von einer Erbsünde und von einem Drei-Generationen-Prinzip. Demzufolge hätte auch meine Kinder eines Tages das gleiche Schicksal erwartet. Ich habe das alles nie hinterfragt. Ich kannte es ja nicht anders. Die Wärter waren die, die uns schlagen und töten durften, und wir waren die, die geschlagen und getötet werden konnten – das war einfach so.

Wie viele Stunden mussten Sie und die anderen Häftlinge am Tag arbeiten?

Etwa zwölf bis fünfzehn Stunden, manchmal auch mehr. Wir schliefen zu Hunderten zusammengepfercht auf dem Betonboden in den unbeheizten Fabriken und wurden meist um vier Uhr in der Nacht geweckt, um zum Dienst anzutreten. Dann haben wir den ganzen Tag durchgearbeitet. Pausen gab es nur zweimal am Tag, wenn man uns Wasser und ein wenig Essen gab. Es gab immer Kohlsuppe und Maisbrei. In den 23 Jahren, die ich dort war, gab es keinen Tag etwas anderes.

 

Was geschah mit denen, die nicht genug zu essen fanden und zu schwach zum Arbeiten waren?

Sie wurden auf Viehtransporter geladen und weggebracht. Ich weiß nicht, wohin. Wir haben nie einen von ihnen wiedergesehen. Die ältesten Häftlinge, die ich im Lager gesehen habe, wurden vielleicht 50 Jahre alt. Die meisten sterben aber viel eher. Ihre Körper sind aufgrund der harten Arbeit und der Mangelernährung schon mit 30 oder 40 komplett zerstört.

Der amerikanische Intellektuelle Noam Chomsky schrieb vor kurzem in einem Essay, die Existenz der Konzentrationslager in Nordkorea sei die größte humanitäre Katastrophe der Gegenwart  – aber auch die am wenigsten beachtete. Hat er recht damit?

Eines ist wahrscheinlich: Sollte das Regime jemals zusammenbrechen, dann wird dies niemand, der jetzt in einem dieser Lager ist, überleben. Die Lager werden vorher in Flammen aufgehen und die Leichen entsorgt. Es wird nichts davon übrig bleiben, es wird keine Spuren geben. Das Regime würde das nicht zulassen. Es gibt also jetzt schon mehr als Zweihunderttausend Menschen, die das Schicksal erwartet, auf die eine oder andere Weise ermordet zu werden. Und die Lager wachsen von Jahr zu Jahr, es werden immer mehr Menschen. Das alles ist bekannt, nichts davon lässt sich leugnen.

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Nach dem Holocaust in Deutschland hieß es von vielen Politikern der Alliierten, man habe nichts von den Zugtrassen in die Konzentrationslagern gewusst. Heute dagegen kann sich jeder Internetnutzer mittels Google Earth selbst ein Bild von den Lagern in Nordkorea machen.

Aber es wird trotzdem so getan, als würden diese nicht existieren. Ich bin kein Politiker, ich weiß nicht, welche Optionen es gibt. Ich weiß, dass man Nordkorea nicht einfach angreifen und die Menschen dort befreien kann. Aber man kann das Regime unter Druck setzen, damit es sich öffnet.

Wie genau lässt sich ein solcher Druck aufbauen? Tatsächlich hat das Regime bis heute nie gewankt – nicht mal während der großen Hungersnot Mitte der neunziger Jahre, als mehr als eine Million Nordkoreaner starben.

Man kann eine solche Diktatur nicht durch Lebensmittelsanktionen treffen. Und noch weniger kann man deren Führer damit erpressen. Aber wie kann es sein, dass ein Land wie China noch immer Waffen an das Regime liefert? Wie kann es sein, dass China mehr als 80 Prozent des Erdöls liefert? Wie kann es sein, dass mehr als 95 Prozent aller Investitionen in Nordkorea aus China stammen? China ist das größte Problem. Nicht nur, dass die chinesische Regierung noch immer weitreichenden Handel mit Nordkorea betreibt. Vielleicht noch schlimmer: Sie definiert Menschen, die vor dem Kim-Regime und seinen Lagern fliehen, als Wirtschaftsflüchtlinge. Obwohl die Genfer Flüchtlingskonvention es verbietet, werden Asylsuchende bis heute nach Nordkorea zurückgeschickt. Wenn mich nach meiner Flucht jemand in China entdeckt hätte, würde ich heute also nicht hier sitzen und mit Ihnen reden, sondern wäre tot. Die chinesische Regierung weiß das, aber sie schickt die Menschen trotzdem zurück. Sie macht sich damit schon lange zum Komplizen.

Welche Rolle spielen in Ihren Augen die USA und die EU?

Sie spielen eine andere Rolle. Sie würden sich sicher nie auf diese Weise mit dem Regime gemein machen, aber auch sie schauen viel zu leicht weg. Die USA scheinen erst auf die Existenz der Lager aufmerksam geworden zu sein, als vor einigen Jahren zwei amerikanische Journalistinnen, die sich illegal im Land aufhielten, dorthin gebracht werden sollten. Nachdem Bill Clinton deren Freilassung erwirkte, ebbte aber auch dieses Interesse wieder ab. Sowohl die USA als auch die EU müssten China unter Druck setzen, aber das tut keiner. Nur wenn Nordkorea Atomwaffen testet, ist der Aufschrei groß, die Existenz der Lager scheint niemanden zu interessieren.

Vielleicht schauen die Menschen nirgendwo lieber weg, als ausgerechnet hier im Nachbarland Südkorea. Umfragen zufolge geben gerade einmal 30 Prozent Ihrer Landsleute an, von der Existenz der Lager zu wissen. Nur 8 Prozent sehen in den Konflikt mit dem Norden ein dringendes außenpolitisches Thema.

Ich glaube auch dies hängt mit Eigeninteressen zusammen. Der Erfolg der eigenen Wirtschaft ist den meisten Südkoreanern ein Heiligtum. Und sie wissen: Sollte das Regime im Norden eines Tages stürzen und sollte der völlig verarmte Norden annektiert werden, dann stellt dies die ganze wunderbar funktionierende Wirtschaft auf den Kopf. Also verschließen die meisten Südkoreaner lieber die Augen oder stellen sich dumm.

(überlegt lange und lächelt dann ) Das ist doch komisch. Wir sitzen hier gemütlich in Seoul in einem Café, draußen spazieren Leute vorbei, manche sind auf dem Weg zur Arbeit, anderen gehen etwas essen oder ins Kino. Wie weit ist Pjönjang mit den umgrenzenden Lagern von hier entfernt? Keine 300 Kilometer. Das ist nur ein Steinwurf von hier. Und es ist kein Märchen und auch kein Film. Diese Hölle existiert wirklich.

 

Shin Dong-hyuk wurde 1982 als Shin In Geun geboren. Um nach seiner Flucht nicht erkannt zu werden, legte er diesen Namen ab und benannte sich nach jenem Journalisten, der ihm als illegalen Flüchtling auf chinesischem Boden in die südkoreanische Botschaft verhalf. Auch dort wurde er zunächst über mehrere Monate festgehalten und beinahe täglich von Mitarbeitern des Geheimdienstes nach den Konzentrationslagern und seiner unglaublichen Geschichte befragt. Die Spezialisten für solche Befragungen hatten keine Zweifel: Er sagt die Wahrheit.

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