Israel und Palästina - Falschbilder polarisieren im Netz

Der Nahostkonflikt eskaliert. Vor Ort, aber auch im Netz: Täglich überfluten Fotos von Kriegsopfern soziale Netzwerke. Oft sind es Fälschungen. Die Stimmung wird angeheizt, Verhandlungen erschwert. Den Opfern wird damit nicht geholfen

blutige Puppe auf Demonstration
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Katharina Pfannkuch studierte Islamwissenschaft und Arabistik in Kiel, Leipzig, Dubai und Tunis. Sie veröffentlichte zwei Bücher über das islamische Finanzwesen und arbeitet seit 2012 als freie Journalistin. Neben Cicero Online schreibt sie u.a. auch für Die Welt, Deutsche Welle und Zeit Online.

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Weinend hält eine Mutter ihr schwerverletztes Kind im Arm. Der kleine Junge liegt auf einer metallenen, blutverschmierten Bahre. Beschützend und hilflos zugleich hält die Mutter zärtlich den Kopf ihres Kindes. Es ist ein schockierendes Bild, das die ganze Ungerechtigkeit eines jeden Krieges einfängt, der Opfer unter Kindern und unbeteiligten Zivilisten fordert. Unter dem Hashtag #GazaUnderAttack lud ein junger Twitter-Nutzer dieses Foto Anfang Juli – vor Beginn der israelischen Offensive – als Teil einer Collage hoch, um auf das Leid der Bevölkerung in Gaza aufmerksam zu machen.

Über 8000 Mal wurde das Bild seitdem geteilt, stets versehen mit der Markierung #GazaUnderAttack. Doch die Aufnahme von Mutter und Sohn, eingefangen in einem Moment größten Leids und völliger Hilflosigkeit, stammt nicht aus Gaza. Das Foto entstand auch nicht in diesem Jahr. Es wurde 2007 im Irak aufgenommen, im Norden Bagdads.

Ein weiteres Bild, das unter demselben Hashtag im Netz kursiert, zeigt ein kleines Mädchen. Mit verängstigtem Blick schaut es auf den Boden und klammert sich an der Hand eines Mannes fest. Ihr kindliches Gesicht, ihre kleinen Hände, das Tuch auf dem Kopf: Blutüberströmt. Blankes Entsetzen spricht aus dem Blick des Mädchens. Auch dieses Foto macht den Betrachter wütend und hilflos zugleich. Und auch dieses Foto entstand nicht in Gaza: Der Fotograf Khaled Khatib nahm es im Juni 2014 im syrischen Aleppo auf.

Zahlreiche verfremdete Bilder kursieren im Netz
 

„Vor allem jugendliche Nutzer teilen diese Bilder, ohne sie zu hinterfragen oder deren Quellen zu prüfen“, sagt Ahmad Mansour. Der Diplompsychologe ist palästinensischer Israeli, er lebt und arbeitet seit neun Jahren in Deutschland. Den Jugendlichen gehe es vor allem um eines: „Sie wollen ihrer Emotionalität und Aggressivität Ausdruck verleihen“. Der aktuelle Konflikt biete dafür einen Anlass, so Mansour. Unzählige falsch datierte und verfremdete Fotos kursieren seit Beginn der israelischen Offensive unter dem Hashtag #GazaUnderAttack im Netz, wie die BBC und die Libération zeigen.  

„Es geht darum, Emotionalität zu erzeugen. Fakten treten dabei oft in den Hintergrund“, erklärt Mansour. Auch aus Syrien und dem Irak tauchten immer wieder Fotos auf, die Nachrichtenagenturen wie die AFP mit der Software „Tungstene“ darauf prüfen, ob sie nachträglich bearbeitet wurden. Im aktuellen Konflikt nimmt die Bilderflut neue Ausmaße an: Der Hashtag #IsraelUnderFire wurde seit Anfang Juli etwa 213.000 Mal verwendet, die Markierung #GazaUnderAttack tauchte im selben Zeitraum über vier Millionen Mal auf Twitter auf. Oft sind diese Tweets mit Fotos versehen, die entstellte Körper, Leichname oder verletzte Kinder zeigen.

Das Leid der Opfer wird benutzt
 

„Bilder wie diese laden den Konflikt nur noch emotionaler auf“, sagt die 31-jährige Joujou. Die Deutsch-Palästinenserin gründete 2012 die Facebook-Seite „Palestine Loves Israel“, die mittlerweile über 21.000 Abonnenten hat, und setzt sich unermüdlich für einen Dialog zwischen den verhärteten Fronten ein. Die massenhafte Verbreitung von Fotos, die Verletzte zeigen, lehnt sie ab: „Es nützt niemandem, wenn durch solche Bilder Hass und blinde Wut entstehen, am wenigsten den Opfern auf beiden Seiten“. Über falsch datierte Fotos aus anderen Kriegen kann sie nur den Kopf schütteln: „Die Opfer werden diskreditiert und ihr Leid wird benutzt“.

Dass der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern schon seit Jahrzehnten nicht nur ausschließlich vor Ort ausgetragen wird, ist bekannt. Doch seit der jüngsten Eskalation werden soziale Netzwerke in zuvor kaum gekanntem Maße zum Kriegsschauplatz. „Noch nie wurde ein Krieg derart medial ausgetragen“, sagt Ahmad Mansour, der sich in mehreren Projekten mit Antisemitismus und Extremismus befasst. Die in sozialen Netzwerken entstehende Stimmung entlade sich auch auf Demonstrationen in europäischen Großstädten in aggressiven, oft antisemitischen Parolen und wirke sich schließlich auch auf die politischen Verhandlungen vor Ort aus.

Der mediale Krieg geht indes weiter: Meinungen, Solidaritätsbekundungen, Demonstrations- und Boykott-Aufrufe privater Nutzer überfluten das Netz. Auch von pro-israelischer Seite werden dabei mitunter gefälschte Fotos verbreitet. So kursierte unter der Markierung #IsraelUnderFire ein vermeintlich in Gaza aufgenommenes Foto einer muslimischen Demonstrantin auf Twitter, Schilder mit den Aufschriften „Befreit Gaza von der Hamas“ und „Stoppt den Terror der Hamas gegen Israel“ haltend. Tatsächlich wurde das Foto jedoch im November 2012 in Sarajevo aufgenommen. Der Original-Text auf den Schildern in den Händen der bosnischen Demonstrantin lautet „Befreit Gaza“ und „Stoppt israelischen Terror“.

Wie schnell Fälschungen als vermeintliche Fakten verbreitet werden können, zeigte sich am Wochenende: Die Stadtverwaltung von Tel Aviv wolle gigantische Bildschirme am Strand errichten, auf denen die Bombardierungen im Gaza-Streifen verfolgt werden könnten, hieß es plötzlich im Netz. Als vermeintlicher Beleg diente ein Foto der Titelseite der Times of Israel, die besagten Riesenbildschirm am Strand zeigte, davor zwei Liegestühle. Ein Aufschrei ging durchs Netz, tausendfach wurde die Meldung verbreitet. Von Twitter aus fand sie ihren Weg ins Netzwerk Facebook, mal wurde die Meldung mit, mal ohne das entsprechende Foto gepostet, aus The Times of Israel wurde im Eifer des Gefechts auch schon einmal „Tel Aviv Times“.

Dass das Foto der Titelseite eine Fälschung im Rahmen eines Versuchs politischer Satire war, entging dabei vielen Nutzern. Nicolas Bousserez hatte das Foto am 17. Juli auf Twitter hochgeladen, am 20. Juli stellte die Times of Israel klar, dass es sich um eine Fälschung handelte: Das vermeintliche Beweisfoto vom Strand in Tel Aviv wurde am 16. Juni in Rio de Janeiro aufgenommen und zeigt einen Bildschirm, auf dem Fußballfans die Weltmeisterschaftsspiele am Strand verfolgen konnten.

Die Satire bezog sich auf das Foto von jungen Israelis, die sich auf Plastikstühlen von einer Anhöhe in Sderot aus Bombardierungen im Gaza-Streifen anschauen. Die Aufnahme löste einen weltweiten Sturm der Entrüstung aus. Ahmad Mansour überrascht es nicht, dass das gefälschte Bild des Times of Israel-Titels so schnell verbreitet und ernst genommen wurde: „Die Nutzer brauchen Bestätigungen, um ihre Meinung zu legitimieren, und verwenden dafür alles, was sich ihnen anbietet“. Jugendliche wüssten zudem meist nicht, wie man moderne Medien verantwortungsbewusst nutzt. Hier sei auch die Pädagogik gefordert, so Mansour.

Das Netz birgt auch Raum für Hoffnung
 

Dass eine solche Meldung ernst genommen wird, zeigt, wie verhärtet die Fronten bereits sind – und wie groß das Potenzial sozialer Netzwerke ist, sie noch zusätzlich zu verhärten. Doch das Netz birgt auch Raum für Hoffnung. Das meint zumindest Joujou von „Palestine Loves Israel“: „Ich bin fest überzeugt, dass dieser Konflikt nur gelöst werden kann, wenn wir Misstrauen auf beiden Seiten abbauen und einander kennenlernen. Durch direkten Kontakt, und sei es nur virtuell, verändert sich das Denken der Menschen“.

Nutzer, die voller Hass und Misstrauen auf ihrer Seite landen, seien oft überrascht und ließen sich schließlich auf einen friedlichen Austausch ein. Blutrünstige Fotos, rassistische und antisemitische Kommentare sucht man hier vergebens, sie werden unverzüglich gelöscht. Kontroverse Diskussionen sind erwünscht, solange sie respektvoll geführt werden, erklärt Joujou: „Diese Seite soll kein Schlachtfeld werden“. Denn davon gibt es mittlerweile genug im Netz. Gekämpft wird vor allem mit Fotos. Gegen deren Übermacht kommt eine Seite, die für Versöhnung und Besonnenheit steht, nur schwer an. Doch manchmal wirken in diesem Krieg der Bilder einfache Worte entwaffnend. So wie die kurze Nachricht von Tamar aus Israel, die ihren Weg auf die Seite „Palestine Loves Israel„ fand: „Als Israeli denke ich ständig an diesen Krieg. Aber ich denke auch immer daran, dass auf der anderen Seite Menschen sind, die genauso wie ich Frieden wollen." 610 Menschen gefällt das.

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