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Weltbühne

Auflösung des ParlamentsÄgypten, schockiert und (ver)fassungslos

Von Raphael Thelen15. Juni 2012
picture alliance
Militärrat, Ägypten, Stacheldraht, Kairo, Verfassungsgericht, Parlament außer Kraft
Soldaten riegeln das Verfassungsgericht in Kairo ab
Schrift:

Ein Land in Starre: In Ägypten herrscht jetzt Kriegsrecht. Nach dem umstrittenen Urteil des Verfassungsgerichts gibt es kein Parlament mehr, keine Verfassung. Das Mubarak-Regime funktioniert noch immer, unsichtbar

Die Menschen im Zentrum Kairos taumeln zwischen Schock und Resignation. Keiner hatte erwartet, dass Ägyptens de-facto Herrscher, der oberste Militärrat, der Revolution ein so unverblümtes Ende bereiten würde. Und Ägyptens Opposition weiß nicht, wie es weitergehen soll. Die anderthalb Jahre des Kampfes haben die Aktivisten vom Tahrir-Platz physisch und psychisch aufgerieben.

„Das Militär hat das unglaublich clever angestellt“, sagt Hashim, ein Aktivist der ersten Stunde. Sein Gesicht ist blass, seine Augen haben tiefe Ringe, seine Stimme ist voller Zynismus. „Ich kann tatsächlich nur sagen: Hut ab!“

Der oberste Verfassungsgerichtshof des Landes hat am Donnerstag entschieden, dass das Parlament mit sofortiger Wirkung aufgelöst wird – zwei Tage vor der zweiten Runde der Präsidentschaftswahlen. Die Entscheidung, sagen Beobachter, ist zwar juristisch korrekt, doch für viele ist das Timing verdächtig. Von einem „juristischen Coup“ spricht zum Beispiel Politikprofessor Nathan Brown, einer der besten Kenner ägyptischer Politik.

Viele Gerichte in Ägypten sind noch mit Richtern aus der Zeit Hosni Mubaraks besetzt. Auch der Vorsitzende des obersten Gerichtshofs, Faruk Sultan, hat eine Karriere im Militär und den Geheimdiensten hinter sich.

Die Einrichtung eines demokratischen Parlaments war die bisher größte Errungenschaft der Revolution – und galt als entscheidender Schritt im Übergang zur Demokratie. Der Auftrag der Volksversammlung war unter anderem die Wahl zur verfassungsgebenden Versammlung. Doch auch dies ist jetzt vorbei.

Der nächste Präsident des Landes wird sein Amt wohl in einem völligen Vakuum übernehmen. Es gibt kein Parlament, das ihm widerspricht, keine Verfassung, die seine Befugnisse beschneidet.

Verstärkt wird der Eindruck eines sanften Putschs durch die Verhängung des Kriegsrechts am Mittwoch. In einem vielbeachteten Schritt war der 30 Jahre lang geltende Ausnahmezustand am 30. Mai aufgehoben worden. Die Einführung des Kriegsrechts macht auch diesen Erfolg der Revolution zunichte – und gibt den Sicherheitskräften weitreichende Rechte, unliebsame Bürger zu verhaften.

Hisham und viele andere Aktivisten flüchten sich in Galgenhumor. „Ich brauche Urlaub. Aber wenn Shafik gewählt wird, dann kommen wir sowieso alle ins Gefängnis, dann kann ich mich ja da ausruhen.“ Ahmed Shafik ist einer der beiden Präsidentschaftskandidaten. Er war der letzte Premierminister Hosni Mubaraks. Als Mann des alten Regimes ist er der Favorit des Militärs.

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Mohammed Mursi, der Präsidentschaftskandidat der Muslimbruderschaft, spricht ebenfalls von einem Coup. Er hat verkündet, die Ziele der Revolution zu verwirklichen. „Als einziger verbleibender Kandidat außer Shafik stehe nur ich für den Abschied vom alten Regime, das von der Revolution 2011 gestürzt wurde“, sagte er in einem Kommentar für den britischen Guardian. Für die Islamisten ist die Auflösung des Parlaments ein besonders harter Schlag. Sie hatten bei den Wahlen die Mehrheit der Sitze errungen. In den letzten Monaten hat ihre Popularität jedoch enorm gelitten. Viele Wähler sind unzufrieden mit ihrer Leistung, da sich ihre Lebensumstände nicht wie versprochen bessern würden. Das schmälert auch ihre Chancen bei den Präsidentschaftswahlen – und macht einen Sieg Shafiks wahrscheinlicher.

Mehrere revolutionäre Gruppen haben zu Protesten gegen die Gerichtsentscheidung aufgerufen, doch kaum einer glaubt mehr an einen Erfolg. „Ich bin müde. Ich werde am Freitag nicht demonstrieren gehen. Ich bleibe zu hause und verfolge das Ganze im Fernsehen“, sagt Hisham. Spontane Demonstrationszüge, die am Abend durch die Innenstadt Kairos zogen, gaben ein ähnliches Bild ab. Wenige hundert Menschen protestierten, während rundherum unzählige Zuschauer rauchend auf dem Bürgersteig standen.

„Ich gehe nur raus, falls es irgendwo Zusammenstöße gibt“, sagt Hisham und schüttelt den Kopf. „Wenn kein Blut fließt, dann bewirken Proteste nichts mehr.“

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Aktivisten vom Tahrir-Platz

Die Aktivisten vom Tahrir-Platz haben bei den Parlamentswahlen nicht einen Sitz gewonnen. Deren politische Bedeutung ist in Ägypten gleich Null. Etwas ähnliches haben wir in Deutschland in der Wendezeit auch erlebt. Nachdem die Oppositionellen den Weg für Demonstrationen freikämpften schaltete sich die Bevölkerungsmehrheit ein und die hatte mit den Oppositionellen politisch nichts am Hut. Beispielsweise erzielte der Demokratischer Aufbruch 1990 0,9 Prozent. Stattdessen wählte man bei der Volkskammerwahl 1990 die CDU mit 40%, SPD mit 22% und PDS mit 16%. Genauso in Ägypten. Muslimbrüder und Salafisten erreichten zusammen 70%. Deren Anhänger dürften auch die großen Massendemonstrationen gestellt haben. Das heißt, die Aktivisten vom Tahrir-Platz sind ein Medienphänomen - gemacht von Al Jazeera aus Katar. Übrigens, Katar hat in Lybien militärisch und finanziell geholfen, in Tunesien und Ägypten die Islamisten finanziert ( beide Wahlsieger). Saudi Arabien hat dagegen die Salafisten in Ägypten finanziert (zweitstärkste Partei). In Syrien sind die Golfaraber auch ganz stark involviert. Was wir hier erleben ist ein Petrodollar finanzierter rollback. Übrigens, die Militärs in Ägypten leben zur Zeit auch von den Saudi-Petrodollar, weil nämlich die Haupteinnahmequelle, der Tourismus, am Ende ist.

Kurz, es ist wohl zutreffend, dass Demokratien nur in Staaten eine Chance haben, die eine bestimmte Höhe des Bruttosozialpoduktes pro Kopf haben. Man muß sich die Freiheit zwischen mehreren Parteien frei wählen zu können auch erlauben können. Ansonsten gewinnt der mit dem meisten Geld. Wobei dieses Problem in Deutschland auch nicht ganz unbekannt ist. Wer hier auf Staatsknete scharf ist oder seine Steuern senken möchte, weiß auch wo das Kreuzchen zu machen ist.

  • Antworten
Robert15.06.2012 | 21:54 Uhr

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