Am Dienstag bestimmt Iowa als erste US-Bundesstaat seinen republikanischen Wunschkandidaten. Favorit ist Mitt Romney, der am Wochenende durch Iowa tourte. Cicero hat sich den als zu wenig konservativ geltenden Kandidaten etwas genauer angeschaut. Ein Porträt
Wie gut, dass er Mormone ist. Diese Erfahrung hat ihn Demut gelehrt. Kurz nach seinem 19. Geburtstag war er als Missionar ins Ausland gegangen, wie es von jungen Mormonen erwartet wird. Vom Sommer 1966 an bemühte er sich zweieinhalb Jahre lang, Franzosen in die Kirche „Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage“ zu locken. Sein Erfolg war begrenzt. In Frankreich genießt man das Leben, das Flirten und den Wein; das Land ist kein guter Boden für eine eher asketische Konfession, die das Trinken und Rauchen, die Liebschaften und selbst den Kaffee verbietet. Dafür hat der junge Mitt Romney in jenen 30 Monaten fürs Leben gelernt – neben der französischen Sprache zum Beispiel, dass Menschen auf anderen Kontinenten die Welt anders wahrnehmen als die meisten Amerikaner.
45 Jahre später erlebt Romney ein Déjà-vu. Er möchte die Republikaner missionieren, damit sie ihn zum Präsidentschaftskandidaten 2012 küren. Doch erneut muss er erfahren, dass die Zielgruppe keine offenen Ohren für sein Werben hat. Wieder muss er sich in Demut üben.
Eigentlich ist der 64-Jährige seit vielen Monaten der Bewerber, an dem seine Partei gar nicht vorbeikann. Hauptthema im Wahlkampf werden die Wirtschaftskrise und die hohe Arbeitslosenquote sein. Romney hat Wirtschaftskompetenz als erfolgreicher Geschäftsmann bewiesen und Regierungserfahrung als Gouverneur von Massachusetts gesammelt. Er hat eine bessere Organisation in den 50 Bundesstaaten der USA aufgebaut als seine Rivalen. Er führt den Wahlkampf disziplinierter als sie. Und er ist der Einzige, der laut Umfragen gute Chancen hätte, Barack Obama bei der Präsidentenwahl am 6. November 2012 zu besiegen. Die Politstrategen der Republikaner wie der Demokraten wetten zu etwa 80 Prozent darauf, dass Romney Kandidat wird.
Damit es tatsächlich so kommt, müssen die Republikaner ihn freilich nominieren. In den USA bestimmen das nicht Parteihierarchen, sondern die Wähler: Zwischen Januar und Juni nächsten Jahres entscheiden sie bei Vorwahlen in allen 50 Bundesstaaten über ihren Präsidentschaftskandidaten.
Das aber ist Romneys größtes Problem: Die Basis mag ihn nicht. Seine Religion ist dabei noch das geringste Problem. Viele Konservative glauben ihm einfach nicht, dass er ihre Werte aus Überzeugung vertritt: kategorische Ablehnung von Abtreibung – auch nach einer Vergewaltigung; striktes Eintreten für das Recht, Waffen zu tragen; Steuersenkungen, trotz des Haushaltsdefizits; und generell weniger Staat. Sie argwöhnen, dass Mitt Romney sich nur zum Schein dazu bekennt, denn früher hat der Republikaner liberalere Positionen vertreten – und in Massachusetts etwa eine Gesundheitsreform durchgesetzt, die der Barack Obamas für ganz Amerika zum Verwechseln ähnelt. Wie soll man mit solch einem Kandidaten in einen Wahlkampf ziehen, in dem die Republikaner die Abschaffung der Obama-Reform zum Hauptziel erklären? Für viele Konservative ist Romney ein „Flip Flopper“. Einer, der sein Mäntelchen nach dem Wind hängt und Politik für ein beliebiges Produkt hält, für das man nur die richtige PR-Strategie braucht.
Folglich glauben zwar 45 Prozent der Republikaner, dass Romney Präsidentschaftskandidat wird. Aber nur 21 Prozent wollen ihn in der Rolle sehen. Mehr als drei Viertel wünschen sich „ABR“ – Anybody But Romney (Jeden anderen, nur nicht Romney).
So muss der angeblich Unvermeidliche seit dem Frühjahr ein grausames öffentliches Schauspiel über sich ergehen lassen. Auf der Suche nach einer Alternative schenkt die Basis alle paar Wochen einem neuen Favoriten ihre Zuneigung. Wenn sich herausstellt, dass diese Person Schwächen aufweist, lässt die öffentliche Meinung sie wieder fallen und sucht einen neuen Hoffnungsträger. Im Frühjahr führte der Immobilienmogul Donald Trump in den Umfragen, im Frühsommer die Tea-Party-Heroine Michele Bachmann, Mitte August Texas-Gouverneur Rick Perry, Ende September der Ex-Manager der Fast-Food-Kette „Godfathers Pizza“, Herman Cain.
Sie alle stürzten nach einigen Wochen wieder ab, als Zweifel aufkamen, ob sie für das höchste Amt im Staat taugen. Trump trat so auf, als sei Politik ein Wettbewerb um die absurdeste Pointe und stellte beispielsweise ernsthaft infrage, ob Barack Obama überhaupt in den USA geboren sei – denn nur dann darf man Präsident werden. Michele Bachmann, die gerne die 120-prozentige Patriotin gibt, unterliefen peinliche Fehler bei ihren Anleihen aus Amerikas glorreicher Geschichte. Generell nimmt sie es mit den Fakten nicht so genau. Rick Perry erwies sich in den Fernsehdebatten als miserabler Redner und wirkte unvorbereitet. Als er nach einem Kernpunkt seines Programms befragt wurde, der Verkleinerung der Regierung, konnte Perry die drei Ministerien, die er abschaffen möchte, nicht aufzählen. Herman Cain wiederum redet oft Unsinn oder flüchtet sich in Banalitäten, wenn er zur Weltpolitik befragt wird. Außerdem melden sich immer mehr Frauen, die ihm vorwerfen, er habe sie als Vorgesetzter sexuell belästigt.
Wie muss es Romney schmerzen, dass die Basis ihm Kandidaten vorzieht, die so viel weniger qualifiziert erscheinen als er. Und dass die Konservativen, selbst wenn sie sich von den fragwürdigen Rivalen abwenden, immer noch nicht ihm ihre Gunst schenken wollen, sondern den nächsten „ABR“ suchen. Anfang Dezember, als Herman Cains Stern verglühte, stieg Newt Gingrich in den Umfragen auf.








