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 > „Militär missbraucht in Afghanistan das humanitäre Etikett“

Weltbühne

Ärzte ohne Grenzen„Militär missbraucht in Afghanistan das humanitäre Etikett“

Interview mit Frank Dörner5. Dezember 2011
picture alliance
Afghanistan, Medizin, Klinik, Nomaden, Ärzte ohne Grenzen
Eine afghanische Mutter bringt ihre kranke Tochter auf einem Esel in die Klinik. Die medizinische Versorgung ist verheerend.
Schrift:

Ärzte ohne Grenzen wehrt sich gegen Versuche von Politik und Militär, Hilfsorganisationen in Afghanistan für ihre Zwecke einzusetzen. Im CICERO-ONLINE-Interview kritisiert Vereinsgeschäftsführer Frank Dörner das Konzept der „vernetzten Sicherheit“ und berichtet von der verheerenden gesundheitlichen Lage im Land

Seite 1 von 3

Herr Dörner, wie sicher fühlen Sie und Ihre Kollegen sich in Afghanistan?
Bei dieser Frage sind wir leider auch nicht ohne Grenzen. Militante Gruppen verbreiten sich zunehmend. Es gibt überall Waffen. Wir sprechen grundsätzlich  mit allen Konfliktparteien – also mit den Streitkräften der ISAF als auch mit den Taliban –, um Verständnis für unsere Arbeit einzuholen. Für die Sicherheit unserer Patienten und Mitarbeiter ist es unerlässlich, als unpolitischer Akteur verstanden zu werden.

Setzen Sie bei diesen Dialogen eher auf örtliches Personal?
Wir haben im Moment 90 internationale und etwa 1.000 afghanische Fachkräfte. Wichtig ist, dass Gespräche mit Konfliktparteien immer von unseren internationalen Mitarbeitern geführt werden. Auch Grundsatzentscheidungen können wir nicht den lokalen Kollegen aufhalsen, da sie dadurch eventuell gefährdet werden könnten. Natürlich ist die wichtigste Stütze im Land das enorme Engagement unserer afghanischen Mitarbeiter.  

War das seit 2009, als Sie nach Afghanistan zurückkehrten, erfolgreich?
Ärzte ohne Grenzen ist ja bereits seit der Zeit der Sowjetbesatzung in den 1980er Jahren in dem Land aktiv. 2004 wurden fünf unserer Kollegen bei einem gezielten Anschlag ermordet. Das war für Ärzte ohne Grenzen eine traumatische Situation, ein echter Schock. Wir haben daraufhin alle unsere Projekte geschlossen. Fast 2.000 Mitarbeiter haben damals für uns gearbeitet.

Und heute?
Im Moment sind wir keiner konkreten Bedrohung ausgesetzt. Wir arbeiten in drei Provinzen, in einer vierten renovieren wir ein Krankenhaus. In Kundus haben wir gerade ein Traumazentrum eingeweiht, speziell für Kriegsverletzte und Unfallopfer. Wir haben auch ein Projekt in Lashkar Gah in Helmand, einer der gefährlichsten Provinzen. Als wir da ankamen, mussten wir das Krankenhaus erst einmal von Waffen freimachen. Nun zeigen Aufkleber mit einer durchgestrichenen Kalaschnikow darauf, dass das Krankenhaus eine waffenfreie Zone ist.

Und das „Freimachen“ geschah ohne Zuhilfenahme von Militärs?
Natürlich. Wir sind in keinem Fall Partner einer militärischen oder bewaffneten Organisation. Wir arbeiten völlig unabhängig. Das heißt auch, dass wir in Ländern wie Afghanistan keinerlei Regierungsgelder für unsere Projekte akzeptieren, sondern diese ausschließlich mit privaten Spenden finanzieren.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie es um die medizinische Versorgung der Bevölkerung steht.

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