Europa ist in diesen Tagen am Scheideweg angelangt – und nur wenige regt das noch auf. Cicero-Chefredakteur Michael Naumann über eine Kreuzfahrt, die mit einem leisen Seufzer zu Ende geht
Er gehört nicht mehr zur Schullektüre der Abiturklassen – der amerikanische Poet T.S. Eliot, und doch öffnet die Lektüre des Halbvergessenen überraschende Assoziationsfenster in unsere Gegenwart. The Hollow Men heißt eines seiner einst berühmten Gedichte und wer mag, kann die Eingangsstrophe auf die Vergeblichkeit der Euro-Rettungskonferenzen dieser Tage beziehen: „We are the hollow men/We are the stuffed men/Leaning together/Headpiece filled with straw. Alas!/We whisper together/Are quiet and meaningless/As wind in dry grass/Or rats‘ feet over broken glass/In our dry cellar”. Und wer der nicht ganz unberechtigten Meinung ist, dass die Tage des Euro gezählt sind, kann ohne weiteres auf die oft zitierten letzten Zeilen verweisen: „This is the way the world ends/Not with a bang but a whimper“
Anders als in Griechenland, in Italien oder Portugal gehen wir Deutschen frohgemut unserer Arbeit nach; denn wir haben sie ja. Die Medien spüren den kleinen oder großen Vorteilsannahmen des Präsidenten nach (noch ein Upgrade hier oder da?) und die Regierung macht keineswegs den Eindruck, dass sie unter dem Superleichtgewicht der FDP zusammenbrechen könnte. Im Gegenteil, mit Busch gesprochen: Ist der Ruf erst ruiniert, regiert sich’s völlig ungeniert. Dass Europa in diesen Tagen am Scheideweg angelangt ist – irgendwie regt das nur noch die Wirtschafts-Journalisten auf.
Anders gesagt: Das Ende der gemeinsamen Währung käme nicht mit einem Knall einher, sondern mit einem Seufzer – einem deutschen Seufzer vielleicht, weil die schönen Jahre des Exportbooms auf Kosten unserer Nachbarn zu Ende wären, doch die Kanzlerin und Bild wird den Griechen, den Italienern oder Franzosen schon erklären, dass sie selbst daran schuld wären.
Wer erinnert sich noch an den berühmten Eurorettungsfonds EFSF? Und an die berüchtigte Hebelwirkung, mit der diese Notfallbank ihr abstraktes Vermögen von rund 1,8 Milliarden multiplizieren sollte? Reales Geld hat sie nicht, sondern nur Garantieerklärungen kreditgebender Regierungen. Schon stellt sich heraus, dass dieses Finanzinstitut zu komplex ist, um mit schnellem, frischem Geld die Griechen oder Italiener aus der Überschuldungsfalle herauszuziehen.
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