Mehr Besonnenheit wagen - Gegen den Alarmismus!

Egal ob Flüchtlingsdebatte oder Klimawandel: „Worst-Case-Szenarien“ sind an der Tagesordnung und schüren eine Misstrauens- und Angstkultur. Politiker flüchten sich in eine gemeinsame politische Mitte und vermeiden einen echten Diskurs. Ein Kommentar zum neuen Ismus

Die Flüchtlingskrise kann nur mit Besonnenheit gelöst werden.
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Autoreninfo

Matthias Heitmann ist freier Publizist und Autor des Buches „Zeitgeisterjagd. Auf Safari durch das Dickicht des modernen politischen Denkens“ (TvR Medienverlag Jena, 2015). Seine Website findet sich unter www.zeitgeisterjagd.de.

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Matthias Heitmann

„Unser Land wir überschwemmt. Die Dämme werden brechen, und wir werden sie nicht stabilisieren können. Auch der Einsatz von Soldaten wird nicht helfen. Die Welt geht unter, weil wir so untätig waren. Das musste sich ja rächen!“

Das Schöne an dieser Aussage ist: Sie ist in unterschiedlichen Zusammenhängen wortgleich verwendbar. Und sie kann von Menschen wortgleich genutzt werden, die ansonsten so gar nicht einer Meinung sind.

Was für das ökologische und sich irgendwie als „links“ und „progressiv“ verstehende politische Spektrum die Klimaerwärmung und das Steigen des Wasserspiegels ist, ist für Konservative, Rechtsliberale und selbsterklärte Patrioten der Flüchtlingsstrom. Auf beides reagiert man ähnlich: Panik und Angst fressen nicht nur Seele, sondern auch den Verstand. Der heute dominante Ismus beginnt weder mit Sozial- noch mit Konservat-, sondern schmückt sich mit der Vorsilbe Alarm.

Im Alarmismus werden alte politische Lagergrenzen und Farbenspiele überwunden. Ansatzpunkte finden sich in fast allen Themenbereichen: Allüberall gilt das Schlimmste als das Wahrscheinlichste, während die weniger schlimme Variante als Heuchelei der Leugner verschrien ist. Diese gibt es mittlerweile in vielfältigsten Schattierungen: Klima, Holocaust, Krise, Islamisierung, Flut, Rassismus, Überforderung, Asylchaos, Krieg der Kulturen, Kriminalität etc., alle produzieren ihre eigenen Leugner.

Friedhof der Politik


In dieser so emotionalisierten Kultur sind „Debatte“ und „Auseinandersetzung“ nur weltvergessene Zeitverschwendung. Als Obergrenze realistischen Handelns ist das Verhindern von Dammbrüchen festgelegt. Und das geht nur über „Nulltoleranz“. In diesem Bestreben finden ehemals politische Gegner einen gemeinsamen Stil sowie einen gemeinsamen Ort: „die politische Mitte“. Hier laufen die Überbleibsel alter und gescheiterter Ideologien zusammen; sie machen diese „Mitte“ zu einem Ort des menschlichen Scheiterns, zum Friedhof der Politik.

Dieses Gefühl des menschlichen Scheiterns ist der Kern des hier entstehenden misanthropischen Dogmas, dem neben der Leugnerkultur auch die Opferkultur und die Misstrauenskultur entspringen. Sie alle sehen im Menschen lieber das Problem als die Lösung. Und daher können Ziele nur über das Regulieren, über das Begrenzen von Spiel- und Bewegungsräumen sowie über das Beschneiden von Freiheit und von Mündigkeit erreicht werden.

Der Hauptfeind des Alarmismus ist derjenige, der Besonnenheit walten lässt und sich nicht in den Panikchor der Schwarz-Weiß-Denker einreiht. Besonnenheit ist keineswegs ein Synonym für Langsamkeit und Nichtstun, und auch nicht für Ideenlosigkeit und Führungsschwäche. All diese Makel können wir heute bei denjenigen beobachten, die sich immer noch – warum auch immer – Verantwortungs- und Entscheidungsträger nennen: Weder tragen sie das eine noch das andere, denn dazu wäre tatsächliche Besonnenheit vonnöten.

„Alternativlosigkeit“ überwinden


Nur mit Besonnenheit kann die gefühlte „Alternativlosigkeit“ überwunden werden. Diese wäre bei allen Themen und Fragestellungen gleichermaßen angebracht: Wer den Alarmismus der Klimapolitik geißelt, sollte ihm nicht bei der Flüchtlingsthematik auf den Leim gehen und vice versa. Wer Flüchtlinge willkommen heißt, sollte auch bei anderen Themen Vertrauen in die Robustheit und Kreativität der Menschheit setzen.

Mitleid ist keine hinreichende Basis für Integration. Es muss um aufgeklärte Werte gerungen werden, und diese müssen auch verteidigt werden – sowohl gegenüber Angreifern als auch gegenüber Feiglingen. All dies meint die eigentliche Bedeutung von Toleranz, sie ist das Gegenteil von blinder Akzeptanz. Gleichzeitig gilt es, der Angstkultur entgegenzutreten, die zu völlig unreflektierten Opfer-, Abwehr- und Zurückhaltungen führt. So verstanden, kann die Herausforderung, vor der Europa heute steht, tatsächlich der Ausgangspunkt für eine positive Veränderung sein.

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