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Weltbühne

NordkoreaWas ist von Kim Jong Un zu erwarten?

Von Ruth Ciesinger6. August 2012
picture alliance
Kim Jong Un,Kim Il Sung,Korea,Nordkorea
Kim Jong Un, Enkel von Staatsgründer Kim Il Sung
Schrift:

Nordkorea gehört zu den geheimnisvollsten, verschlossensten Ländern der Welt. Nach dem Machtwechsel gibt das Land neue Rätsel auf. Was ist von Kim Jong Un zu erwarten?

Das ist die eine Seite Nordkoreas: Platz 9 im Medaillenspiegel der Olympischen Spiele (Stand: Sonntagabend) vor Staaten wie Russland, Südafrika, Japan. Die andere Seite: Eine hochgerüstete Atommacht, in der viele Menschen hungern. Nordkorea gehört zu den geheimnisvollsten, verschlossensten Ländern der Welt. Nach dem Tod des „geliebten Führers“ Kim Jong Il im vergangenen Dezember wurde viel spekuliert, wie es dort weitergeht, ob Kim Jong Un, der Enkel von Staatsgründer Kim Il Sung, nun Reformen einleitet, oder ob das Militär womöglich gar putscht. Doch genau das ist die Schwierigkeit – es gibt kaum verlässliche Informationen aus dem Land.Hat sich das Regime durch den Machtwechsel geändert?Die – sorgfältig inszenierten – Bilder, die die Propagandamaschinerie des jungen Staatschefs Kim Jong Un in die Welt schickt, sollen einen neuen Führungsstil demonstrieren. Der verstorbene Diktatorenvater Kim Jong Il trat in der Öffentlichkeit immer distanziert und grimmig dreinblickend auf. Nur ein einziger öffentlich gesprochener Satz ist von ihm bekannt: „Ruhm der heldenhaften Koreanischen Volksarmee!“ soll er bei einer Militärparade im Jahr 1992 ausgerufen haben. Die Aufnahmen seines Sohnes, wie er lachend durch einen Vergnügungspark geht, einer künstlichen Riesenkrake den Tentakel schüttelt, mit Soldaten grinst und weinende Schulkinder lächelnd umarmt, suggerieren dem Betrachter: Seht her, ich bin ein Menschenfreund.Der letzte Coup dieser Tabloidoffensive sind Kim Jong Uns fotografisch ausführlich dokumentierte Auftritte mit Ri Sol-Ju. Die attraktive junge Gattin, stets elegant gekleidet, verleiht dem pummeligen, mit Mittelscheitel stark an Großvater Kim Il Sung erinnernden Kim Jong Un einen gewissen Glamour und zugleich Seriosität als verheirateter Mann. Weltweit schafften es Bilder des Paares bis auf die Titelseiten großer Zeitungen. Nachdem die Eheleute sich in einer vom nordkoreanischen Fernsehen übertragenen Unterhaltungsshow, in der unter anderen eine Mickey Mouse auftrat, auch noch zu Frank Sinatras „My way“ amüsiert hatten, wurde viel über mögliche Botschaften spekuliert. Positioniert sich der 28- oder 29-Jährige etwa als Reformer? Deutet sich eine Öffnung des stalinistischen Systems an?Bisher ist die Antwort: Nein. Kim Jong Un hat schneller als erwartet seine Machtbasis konsolidiert, er hat in Politik, Partei und Militär alle wichtigen Ämter inne. Die Entlassung des einflussreichen Vizemarschalls Ri Yong Ho vor einigen Wochen, den der verstorbene Kim Jong Il dem Sohn als Mentor an die Seite gestellt haben soll, ließe sich zwar als warnendes Signal an die Hardliner im Militär interpretieren, kann aber auch ganz andere Gründe haben. Fest steht, dass Kim Jong Un in puncto wirtschaftliche Reformen, Menschenrechte und Nuklearpolitik nicht von der Linie des Vaters abweicht.Im Gegenteil. Nach dem missglückten Start einer Langstreckenrakete im April kam es zwar nicht zu dem befürchteten dritten Atomtest. Doch wie die südkoreanische Zeitung „The Chosun Ilbo“ berichtete, bezeichnet sich das Land inzwischen in seiner Verfassung als Atommacht – ein Affront vor allem gegenüber Südkorea und den USA, aber auch China. Was Menschenrechte betrifft, hat sich die Lage seit Kim Jong Uns Amtsantritt sogar verschlechtert, schreibt der Koreakenner Blaine Harden in „Foreign Policy“. Rund 20 000 zusätzliche Soldaten würden nun die Grenze zu China sichern, die Zahl der Flüchtlinge sowie der Schmuggler sei stark zurückgegangen. Damit gelangen nicht nur weniger Lebensmittel und Kleider, sondern auch weniger DVDs und USB-Sticks mit Informationen ins Land.Die Arbeitslager, deren Existenz offiziell nie bestätigt wurde, die aber sogar auf Satellitenbildern zu erkennen sind, existieren weiter. Unter furchtbaren Bedingungen leben dort im Norden des Landes nach Angaben von Flüchtlingen bis zu 250 000 Menschen, zum Teil seit ihrer Geburt, weil ganze Familien in Sippenhaft genommen werden. Wirtschaftliche Reformen bräuchte das Land dringend, da das staatliche Verteilungssystem schon lange nicht mehr funktioniert. Doch auch wenn Kim Jong Un tatsächlich rund 200 Spezialisten zum „Studium des chinesischen Kapitalismusmodells“ ins Nachbarland entsandt haben sollte – praktisch hat es bisher keine Veränderungen gegeben. Kim Jong Un würde damit sogar seine eigene Position gefährden, sagt Daniel Pinkston von der International Crisis Group. Einerseits biete die Planwirtschaft dem Diktator wirtschaftliche Ressourcen zur Belohnung und Abstrafung für seine Kader. Andererseits gehöre der nordkoreanische Sozialismus zur Juche-Ideologie, mit der sich die Herrschaft des Kim-Clans rechtfertigt.Wie ist die Lage der Menschen?Das Regime versucht, alle Informationen zu kontrollieren, die ins Land hinein und nach außen dringen. Ausländer dürfen sich nur mit einem Aufpasser an ausgesuchten Orten aufhalten, das spontane Gespräch mit normalen Menschen ist verboten. Nordkoreaner haben keinen Zugang zum Internet, aus dem Telefonnetz sind Anrufe ins Ausland unmöglich. Dennoch gibt es Berichte von Flüchtlingen, aber auch von Menschen im Land oder von internationalen Besuchern, die darauf hinweisen, dass selbst in Nordkorea die Zeit nicht stehen bleibt. In der Hauptstadt Pjöngjang, Wohnort der nordkoreanischen Elite, können sich die Kader für Geld und Devisen heute offenbar alles kaufen. In den Vorzeigevierteln telefonieren Menschen mit Mobiltelefonen, immer mehr Luxuslimousinen befahren die vor zehn Jahren noch meist leeren Straßen, es eröffnen Restaurants, und in den Schaufenstern liegen immer mehr Waren aus. Umso stärker wächst die Kluft zum Rest des extrem armen Landes.Auch wenn die Menschen nicht wie in den 90er Jahren zu Hunderttausenden verhungern, herrscht überall Mangel. Jetzt haben nach Monaten der Dürre Ende Juli zudem heftige Regengüsse große Landstriche überschwemmt und Ernten vernichtet. Häuser wurden zerstört, zehntausende Menschen sind obdachlos. Das Regime, ohnehin auf Lebensmittellieferungen aus dem Ausland angewiesen, weist vielleicht auch deshalb jetzt besonders offen auf die verheerenden Unwetterfolgen hin.Dabei hätte Nordkorea eigentlich in diesem Jahr laut Staatsideologie endgültig den Status einer wohlhabenden, prosperierenden Nation erreichen sollen. Dass dies nicht geglückt ist, erkennen die Menschen trotz aller Propaganda. Offenbar wächst auch in Partei und Militär die Unzufriedenheit über die miserable Wirtschaftslage, umso mehr, als immer mehr Informationen über die deutlich bessere Situation beispielsweise in Südkorea oder China die Menschen erreichen. Das könnte langfristig das Regime destabilisieren. Doch die soziale Kontrolle in Nordkorea durch Spitzel, Blockwarte und die Zwangsmitgliedschaft in Massenorganisationen – ab dem siebten Lebensjahr verbringt jeder Nordkoreaner praktisch jede wache Minute in einer solchen – dürfte noch auf absehbare Zeit das Entstehen einer Zivilgesellschaft und potenziellen Widerstand verhindern.Wie verhält sich China?China schickt große Mengen Reis und Wirtschaftsgüter nach Nordkorea, schützt es und arbeitet eng mit ihm zusammen – unter anderen die Sicherheitsministerien beider Länder. Peking schätzt Nordkorea als Puffer zu den USA. Bräche das Regime in Pjöngjang eines Tages zusammen, könnten rasch amerikanische Soldaten aus Südkorea direkt an der chinesischen Grenze stehen, so die Befürchtung. Außerdem will China vermeiden, dass bei einem Kollaps des kleinen Nachbarn unkontrolliert nordkoreanische Flüchtlinge ins Land drängen. Auch wenn Peking die atomaren Drohgebärden Pjöngjangs zutiefst missbilligt, setzt es lieber auf Stabilität des Regimes. Allerdings wächst die Unzufriedenheit: Zhang Liangui, Professor an der „Parteischule des Zentralkomitees der Chinesischen Kommunistischen Partei“ sieht in den chinesisch-nordkoreanischen Beziehungen sogar eine „versteckte Gefahr“ für China. Zhang Liangui hat 1968 einen Abschluss an der Kim-Il-SungUniversität in Pjöngjang gemacht und gilt als einer der führenden Nordkorea-Experten. In einem Fernsehinterview verwies er im Mai darauf, dass Nordkorea die USA wesentlich früher über den geplanten Raketentest im April informiert hatte als China. Zudem werde Nordkorea im Blick auf seine eigene Sicherheit seine Atompläne nie völlig aufgeben. Das aber stehe Chinas eigenen Sicherheitsinteressen entgegen. Zudem würde sich Pjöngjang liebend gern emanzipieren: „Die Koreaner finden, dass sie übermäßig von China beeinflusst werden“, sagt er, „ganz gleich, ob China ihnen hilft oder nicht.“Das missfällt auch der chinesischen Öffentlichkeit. Im Mai waren im Gelben Meer 28 chinesische Fischer von nordkoreanischen Behörden aufgegriffen und knapp zwei Wochen festgehalten worden. Vor deren Freilassung, schreibt Daniel Pinkston in seinem neuesten Bericht zu Nordkorea, hätten viele chinesische Blogger die mangelnde Dankbarkeit des Nachbarn kritisiert und die Regierung aufgefordert, endlich ihre Wirtschaftshilfe für Nordkorea einzustellen.Wie gefährlich ist Nordkorea?Mit rund 1,2 Millionen Soldaten hat das Land eine der größten Armeen der Welt unter Waffen – bei einer Gesamtbevölkerung von nur etwa 24 Millionen Menschen. Seit Jahren gilt die Losung „Das Militär zuerst“, Armeeangehörige werden in der Diktatur klar bevorzugt. Doch trotz der konventionellen Schlagkraft hat sich die militärische Balance in den vergangenen Jahren zu Ungunsten des Nordens entwickelt. Südkorea und Japan haben aufgerüstet, und auch die USA haben versprochen, trotz Einsparungen weiter mit zehntausenden Soldaten auf der koreanischen Halbinsel stationiert zu bleiben. Allein schon deshalb bleibt dem Regime nach seiner eigenen Logik nichts anderes übrig, als weiter auf seine Atomwaffen zu setzen, um das Ungleichgewicht zu kompensieren.Bereits zwei Mal – 2006 und 2009 – hat das Land Atomtests durchgeführt; nach Ansicht von Experten besitzt es Plutonium für etwa zwölf bis 18 Sprengköpfe. Außerdem offenbarte es 2010 ein eigenes Programm zur Urananreicherung, mit seinen Uranreserven kann es so weiteres Material für neue Bomben produzieren. Zwar hat sich Pjöngjang bei den letzten Sechs-Parteien-Gesprächen – neben Südkorea, den USA und China nehmen daran auch Japan und Russland teil – gegen Atomwaffen ausgesprochen. Taten sind dem aber nicht gefolgt. Es ist fraglich, wann und wie die Verhandlungen weitergehen. Damit steigen aber nicht nur die Spannungen in der Region. Es wächst auch die Gefahr, dass das skrupellose Regime Nuklearmaterial oder -techniken an andere Diktaturen oder möglicherweise terroristische Gruppierungen verkauft. Länder wie Birma, Syrien und Iran sollen schon zum Kundenkreis gezählt haben.

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