Vor einem Jahr begann die libysche Revolution. Doch in der Demokratie angekommen ist das Land noch lange nicht. Cicero-Autor Raphael Thelen berichtet aus Libyen über freiere Künstler und drangsalierte Minderheiten
„Wir werden feiern, aber wir sind nicht glücklich“, sagt Salwa Al-Tajuri über den ersten Jahrestag der libyschen Revolution. Die 34-jährige Künstlerin sitzt im Vorarten der Ausstellung „Die Verbrechen des Diktators“ in der ostlibyschen Stadt Benghasi. Hinter ihr steht ein Militärjeep, den Al-Tajuri rosa-gelb bemalt hat. Um sie herum ragen meterhohe Metallskulpturen aus dem Boden, geschweißt aus Kriegsgerät: Maschinengewehre, Raketen- und Panzerteile.
Libyen begeht am 17. Februar den ersten Jahrestag seiner Revolution. Überall im Land sind Feiern geplant, doch die Gefühle der Menschen sind gespalten. „Bisher haben wir kaum materielle Veränderungen gesehen“, sagt Al-Tajuri. „Die Armen sind immer noch arm und die dreckigen Straßen sind immer noch dreckig.“
Libyen ist stolz auf seine Revolution, doch die Unzufriedenheit wächst. Im Mittelpunkt der Kritik steht die Übergangsregierung, die sich nur Tage nach dem Beginn der Revolution in Benghasi gegründet hat.
Al-Tajuri ist nur zwei Tage vor dem Beginn der Revolution aus dem Exil nach Libyen zurückgekehrt. „Vor der Revolution habe ich Libyen und Benghasi gehasst. Jetzt liebe ich es“, sagt die Malerin und streift ihre braunen Locken zurück. „Ich habe jedoch nicht das Gefühl, dass die Übergangsregierung bisher irgendetwas erreicht hat. Ich bin wütend.“
Viele denken ähnlich wie Al-Tajuri. Auf dem zentralen Schajara-Platz im Herzen Benghasis demonstrieren seit Monaten dutzende, manchmal hunderte Menschen. Auf ihre Spruchbändern und Plakaten fordern sie höhere Löhne, mehr Transparenz und Entschädigung für die Familien getöteter Kämpfer.
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