„Man kann ein Volk nicht durch Diktate zur Vernunft bringen“, mahnt Kurt Biedenkopf im Interview mit CICERO ONLINE und fordert einen respektvolleren Umgang mit Griechenland. Denn: Auch Deutschland habe seinen Anteil an der Krise
Herr Biedenkopf, welches Buch lesen Sie gerade?
Ein Buch von Konrad Kleinknecht „Wer im Treibhaus sitzt. Wie wir der Klima- und Energiefalle entkommen“. Außerdem lese ich ein Buch, das mir meine Tochter gerade geschickt hat, von Petra Pinzler: „Immer mehr ist nicht genug! Vom Wachstumswahn zum Bruttosozialglück“...
...und Sie sind bekennender Gerhart-Hauptmann-Fan. Sie zitieren Ihn oft und gern.
Ich halte Gerhart Hauptmann für einen der besten unter den Autoren, wenn es um die Beschreibung der großen sozialen Fragen des 19. Jahrhunderts geht. Sowohl in seinen Dramen, als auch in seinem wohl berühmtestes Werk „Die Weber“ hat er auf eine ganz besondere Weise die Wirklichkeit geschildert, ohne sie ideologisch zu verfälschen. Weder in die eine noch in die andere Richtung.
Soziale Unruhen wie in Hauptmanns „Weber“ erleben wir zurzeit auch in Griechenland.
Mein Eindruck ist, dass dort zwei Kulturen aufeinander treffen, die sich gegenseitig nicht verstehen. Unsere Kultur ist die des Stabilitäts- und Wachstumspaktes. Sie trifft in Griechenland auf die Kultur eines Landes mit anderen Lebensweisen, anderen historischen Erfahrungen und einer anderen wirtschaftlichen Ausstattung. Ein Land ohne vergleichbare industrielle Basis, mit einer starken Schifffahrt, ansonsten Tourismus und Landwirtschaft.
Ist unser Blick auf Griechenland verzerrt?
Er ist auf gefährliche Weise unvollständig. Wir ignorieren die Geschichte des Landes, Deutschlands zerstörerische Rolle im zweiten Weltkrieg, das Ringen der Griechen um nationale Identität und Selbständigkeit, den Wiederaufbau, die Bürgerkriege und die Militärdiktatur, von der sie sich erst 1974 befreien konnten. Griechenland war eine sehr junge und unerfahrene Demokratie, als es 2001 dem Euro beitrat. Die damit verbundenen Möglichkeiten: umfangreiche EU-Zuschüsse, Euro-Kredite zu niedrigen Zinsen waren äußerst verführerisch. Die Griechen konnte diesen Versuchungen nicht widerstehen, wie andere auch.
Also muss Europa die Griechen durch ein Spardiktat wieder zur Vernunft bringen?
Man kann ein Volk nicht durch Diktate zur Vernunft bringen, wohl aber demütigen und seine Würde verletzen. Man kann Menschen nicht durch Zwang zum Mitmachen ermutigen. Die Forderungen, die wir an die Griechen stellen, müssen auch dann, wenn sie erfüllt werden, mit der Würde des Menschen vereinbar bleiben. Auch wir Deutsche sind mitverantwortlich für das griechische Drama. Auch wir haben ihrer Aufnahme in die Währungsunion zugestimmt. Wir haben kräftig nach Griechenland exportiert, ohne nach der Zahlungsfähigkeit es Landes zu fragen. Obwohl wir wussten – oder jedenfalls wissen konnten – wie es um die historische, politische und wirtschaftlichen Verfassung Griechenlands stand. Aber wir wollten es wohl nicht wissen.
Sie haben es gewusst, mahnten schon in den 1990ern Jahren.
Der Freistaates Sachsen hat der Währungsunion, so wie sie 1998 beschlossen wurde, im Bundesrat nicht zugestimmt. Weder Belgien noch Italien erfüllten damals die Voraussetzungen für eine Teilnahme. Als die Eurokrise ausbrach, hatten alle Euroländer mehr Staatsschulden als zulässig. Die Europäische Zentralbank und alle Zentralbanken der Euroländer wussten, wie viele Staatsanleihen Griechenland emittiert hatte. Aber wir meinten, Griechenland als Wiege der Demokratie müsse dazu gehören. Nicht nur die Griechen haben Zahlen manipuliert, um eine „Punktlandung“ zu sichern. Wir haben uns dadurch gerne betrügen lassen!
Erfahren Sie im zweiten Teil, ob sich Angela Merkel nicht um die Bewältigung der falschen Krise bemüht









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