Droht ein neuer Golfkrieg? Während die EU hofft, Iran im Atomstreit mit Sanktionen zum Einlenken zu bewegen, fürchten viele einen Militärschlag Israels. Unterdessen schicken die USA einen Flugzeugträger in den Persischen Golf.
Und was macht das iranische Volk?
Draußen rieselt der Schnee sanft herab in den kleinen Garten vor
Royas Haus in Teheran. Der Winter ist dieses Jahr scheinbar noch
dunkler als sonst. Straßenkatzen hasten im Dunkeln über die
Backsteinmauer vor ihrem Haus, auf der Suche nach offenen
Mülleimern. Roya, eine 50-jährige Künstlerin mit halblangem dunklen
Haar, zieht die Vorhänge zu.
Die Mauer war einst gebaut worden, um Einbrecher fernzuhalten, doch
für Roya wurden die gelben Backsteine immer mehr zur physischen
Grenze zwischen ihrem erträumten Leben und dem Leben, das sie nach
Ansicht der Regimeführer der Islamischen Republik Iran zu führen
hat.
Drinnen im Haus gelten ihre eigenen Regeln. Das Kopftuch, das für Frauen in der Öffentlichkeit Pflicht ist, legt sie hier ab. Sie schaltet das Satellitenfernsehen an, auch wenn der Besitz eines Receivers illegal ist, fläzt sich aufs Sofa und klappt ihr Macbook auf. Mithilfe einer speziellen Software umgeht sie das Regierungsinternet, wo nahezu alle Webseiten zensiert sind. Der Fernseher schallt durch das heimelige Wohnzimmer – BBC Persian, das der Staat als ein Instrument des britischen Geheimdiensts bezeichnet, berichtet aus London über die neuesten Kurseinbrüche der iranischen Währung, des Rial, der seit den jüngsten amerikanischen und europäischen Sanktionen mehr als 50 Prozent an Wert verloren hat.
„Ich nenne das hier meinen goldenen Käfig“, sagt Roya und deutet
mit einer ausholenden Geste auf ihr Wohnzimmer, wo Kerzen brennen
und eine Katze schnurrend in der Ecke liegt. „Hier bin ich der
Chef, draußen ist das anders.“
Wagt sie sich vor die Haustür, muss sie sich, wie alle anderen, den
Regeln anpassen. In der Öffentlichkeit trägt sie den für Frauen
vorgeschriebenen langen Mantel, achtet auf ihre Worte, wenn sie mit
Fremden spricht, und macht auf dem Weg zu ihren Freunden oder
Verwandten meist keine Umwege.
Es gab eine Zeit, in der Roya eine der wenigen war, die bewusst ein Doppelleben führten. Das hat sich radikal geändert. Inzwischen gibt es eine breite Mittelschicht, die sich über Bildung und gestiegenen Wohlstand definiert, sie ist heute die dominante Mehrheit in Iran. Viele der Busfahrer, Manager und Studenten, die zu dieser Mittelschicht zählen, leben heute genauso wie Roya. Die Globalisierung hat das Leben vieler Iraner in kurzer Zeit unwiderruflich verändert. Nicht nur Roya und ihre Künstlerfreunde reisen in Länder wie Dubai, die Türkei, Thailand und Malaysia. Auch iranische Taxifahrer, Fahrstuhlmonteure und Büroangestellte erweitern ihren Horizont an den Stränden von Antalya oder in den schillernden Einkaufszentren von Dubai. Zurück in Iran empfangen sie mit ihren Satellitenschüsseln etwa 50 Kanäle auf Farsi, die Soaps, Talentshows und Nachrichten senden. Es ist ein scharfer Kontrast zu den sechs Kanälen des Staatsfernsehens, die überwiegend Fußball und Interviews mit schiitischen Geistlichen ausstrahlen.
Die große Mehrheit der Iraner wohnt inzwischen in Städten und strebt Jobs im Dienstleistungssektor an. Die Zahl der Studenten nimmt jedes Jahr zu. Es sind inzwischen so viele, dass jährlich etwa 150?000 Absolventen ins Ausland gehen.
„Die meisten Leute wollen ein ruhiges Leben und eine gute Zukunft für ihre Kinder“, sagt Roya, „das ist das iranische Ideal.“ In den eigenen vier Wänden habe das 21. Jahrhundert für die Menschen längst begonnen, draußen hingegen täten die iranischen Regimeführer so, als sei die Revolution von 1979 erst gestern gewesen. „Wir probieren, uns so gut es geht zu meiden, der Staat und ich“, sagt Roya und seufzt. „Aber das klappt immer weniger, weil wir immer weiter auseinanderdriften.“
Wo die Mittelschicht pragmatisch versucht, so gut es geht zu überleben, wählt die iranische Führung die Konfrontation mit der Außenwelt. So verweigert sie jeden Kompromiss über ihr Atomprogramm – ungeachtet der Konsequenzen. Die Sanktionen treffen schließlich nicht sie, sondern vor allem die Mittelschicht. Der Einbruch der iranischen Währung hat viele Iraner hoffnungslos gemacht.
Vergangene Woche wollte die gerade geschiedene Somaye Malekian (29) einen Mülleimer kaufen für ihr neues, kleines Haus nahe dem wichtigsten Boulevard Teherans, die Enghelab oder „Revolutionsstraße“. Die iranischen Plastikmülleimer ließ sie links liegen, ihr Blick fiel auf ein Exemplar aus Aluminium, Marke „Unique“, ein Import aus China. Für 300?000 Rial (15 Euro) war er zu haben, aber die Lehrerin hatte nicht genug Geld bei sich. „Gestern bin ich zum Laden gegangen, um ihn zu kaufen, da kostete er 500?000 Rial (25 Euro)“, erzählt Malekian. „Aber mein Gehalt ist gleich geblieben. Wo soll das enden? Alles ist unbezahlbar geworden.“












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