Kreativ-Protest in Tunesien - Ein Gläschen gegen den Ramadan

In Tunesien droht ein Imam öffentlich Menschen, die im Ramadan nicht fasten. Die Jugend des Landes wehrt sich bei Facebook und Twitter – ein Tabubruch

Facebook-Nutzer zeigen sich mit Kaffeetassen und üppigen Fleischmahlzeiten – mitten im Ramadan
Facebook/Cicero

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Katharina Pfannkuch studierte Islamwissenschaft und Arabistik in Kiel, Leipzig, Dubai und Tunis. Sie veröffentlichte zwei Bücher über das islamische Finanzwesen und arbeitet seit 2012 als freie Journalistin. Neben Cicero Online schreibt sie u.a. auch für Die Welt, Deutsche Welle und Zeit Online.

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Eine junge Frau blickt über den Rand ihrer Kaffeetasse hinweg direkt in die Kamera. Ihr Blick ist ernst, das Bild hat sie selbst mit einer Handykamera aufgenommen. Ein unspektakuläres Motiv, dazu noch in schlechter Qualität  – und doch klickten innerhalb kürzester Zeit 260 Menschen den „Gefällt mir“-Button, als sie das Bild am vergangenen Donnerstag bei Facebook entdeckten. In über 130 Kommentaren liefern sich vor allem junge Tunesier eine leidenschaftliche Diskussion. Von wüsten Beschimpfungen über Aufrufe zur Mäßigung bis hin zu Ermutigungen für die Kaffee trinkende Frau auf dem Foto ist jede Meinung vertreten.

Denn das auf den ersten Blick so harmlose Motiv gleicht in Tunesien einem Tabubruch: Es wurde zu Beginn des Fastenmonats Ramadan aufgenommen – Essen und Trinken in der Öffentlichkeit sind für Muslime in dieser Zeit verpönt. Die Frau auf dem Foto ist zudem nicht nur der tunesischen Öffentlichkeit wohlbekannt: Niemand geringeres als Lina Ben Mhenni, Bloggerin, Schriftstellerin und für den Friedensnobelpreis 2011 nominierte Aktivistin, deren Blog „A Tunisian Girl“ maßgeblich zur Dokumentation der tunesischen Revolution beitrug, bricht auf diesem Foto das Fasten.

Lina Ben Mhenni ist nicht die Einzige: Ihr Foto reiht sich ein in eine täglich wachsende Galerie von Selbstporträts und anderen Motiven, mit denen junge Tunesier ihre Botschaft verbreiten: Es ist Ramadan, aber wir essen, trinken und genießen – wann und wo wir wollen. „Fattara“ werden die Nicht-Fastenden in Tunesien genannt. Jeder weiß, dass es sie gibt, doch noch immer gilt es als Provokation, sich außerhalb der eigenen vier Wände über das Gebot des Fastens hinwegzusetzen.

Mit ihrem öffentlichen Bekenntnis reagieren die Fattara auf eine Forderung des salafistischen Predigers Adel Almi, der schon im Fall der tunesischen Femen-Aktivistin Amina internationale Aufmerksamkeit erlang. Für ihren barbusigen Protest solle Amina nicht nur mit hundert Peitschenhieben bestraft werden, sondern auch gesteinigt werden, forderte Almi im März. In der vergangenen Woche rief er anlässlich des bevorstehenden Ramadan die Tunesier in der Zeitung As-Sabah dazu auf, jeden zu fotografieren, der beim Essen, Trinken oder Rauchen ertappt werde. Auch das Baden am Strand gehöre sich nicht während des Fastenmonats. Die Fotos solle man anschließend auf Netzwerken wie Facebook veröffentlichen – Adel Almi will das Internet zum öffentlichen Pranger für Ramadan-Sünder machen.

Doch einige Fattara kommen ihm nun zuvor und gehen in die Offensive: Auf der Facebook-Seite „Fotos aus dem Ramadan für Adel Almi“ veröffentlichen bekennende Nicht-Fastende Bilder, auf denen sie beim Essen, Trinken, Rauchen oder am Strand zu sehen sind. „Wir erleichtern Adel Almi und seinen Kollegen die Arbeit“, kommentieren die Facebook-Fattara gleichermaßen spöttisch und mutig. Die Resonanz ist gewaltig: Am 9. Juli ging die Seite online, nach 24 Stunden hatte sie bereits über 6000 Fans. Mittlerweile folgen über 10.000 Menschen der Seite, nahezu stündlich kommen neue Unterstützer hinzu, im Minutentakt werden neue Bilder veröffentlicht.

„Auf dein Wohl, Adel Almi“ ist über dem Foto eines jungen Mannes zu lesen, der mit einer Dose Bier in die Kamera prostet. Die meisten Bilder stammen aus Tunesien, doch auch aus Dubai, Marokko und Algerien treffen Fotos ein. Nicht nur in den nordafrikanischen Medien ist der öffentliche Tabubruch der tunesischen Fattara ein viel beachtetes Thema: Auch in der Schweiz und in Frankreich wird bereits über den virtuellen Befreiungsschlag für viele junge Muslime berichtet.

Auch abseits von Facebook sind jene aktiv, die während des Ramadan nicht fasten wollen: Auf Twitter tauschen sich Fattara unter dem Hashtag #fater – Tunesisch für „ich faste nicht“ – darüber aus, welche Restaurants und Cafés während des Fastenmonats auch tagsüber geöffnet sind; eine interaktive Landkarte weist den Weg zu den Lokalen.

Denn sobald der Ramadan beginnt, gestaltet es sich für die Tunesier schwierig, außerhalb der Touristenzentren oder der eigenen vier Wände einen Kaffee zu trinken oder sich zum Mittagessen zu treffen. Vor dem offiziellen iftar, dem Fastenbrechen bei Sonnenuntergang, trifft man sich allenfalls hinter den halb heruntergelassenen Rollläden in einem der wenigen geöffneten Lokale. Und das, obwohl in Tunesien – anders als etwa in Marokko – öffentliches Essen und Trinken während des Ramadan nicht unter Strafe steht, wie der ehemalige Richter Ahmed Rahmouni bestätigt. Dennoch ließ es sich Nourddine Khademi, Minister für religiöse Angelegenheiten, nicht nehmen, die Ramadan-Debatte zusätzlich anzuheizen: Er rief Restaurant- und Cafébetreiber öffentlich auf, ihre Lokale während der Fastenzeit tagsüber zu schließen.

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Zwar betonte Premierminister Ali Laarayedh im Interview mit dem TV-Sender France 24, dass es die persönliche Entscheidung eines jeden Tunesiers sei, ob er während des Ramadan fasten wolle oder nicht. Doch die gesellschaftlichen Spannungen, die Sorge um die wirtschaftliche Lage Tunesiens und die Unzufriedenheit über die politische Entwicklung des Landes entladen sich immer wieder in Auseinandersetzungen über traditionelle und religiöse Fragen.

Wie schon im Falle der Femen-Aktivistin Amina heizen islamistische Kräfte die Debatten zusätzlich an. Das zeigt sich auch an den hitzigen Diskussionen auf der Facebook-Seite der Gegner des selbsternannten Sittenwächter Adel Almi. „Wenn du so weitermachst, verbrennst du dir deine Lippen, deine Zunge und deine Eingeweide“, lautet ein wütender Kommentar unter dem Foto eines jungen Mannes, der lächelnd in einem Café sitzt. An anderer Stelle hofft ein Gegner der Seite, dass den Fattara eine „Kugel in den Kopf gejagt“ wird. Doch es werden auch versöhnliche Töne angeschlagen: So schreibt Assia, dass sie selbst zwar fastet, aber dennoch die Seite unterstützt: „Ihr leistet Widerstand gegen diejenigen, die meinen, euch ihr Gesetz aufzwingen zu können. Bravo!“

Von der Gelassenheit eines Habib Bourguiba ist im Tunesien derzeit wenig zu spüren. Bourguiba, der erste Präsident der unabhängigen Republik Tunesien, ließ bis in die Mitte der siebziger Jahre die Lokale des Landes auch während des heiligen Monats ihre Türen öffnen. Unvergessen ist auch, wie Präsident Bourguiba im Ramadan des Jahres 1964 im tunesischen Staatsfernsehen demonstrativ einen Schluck Wasser nahm: „Der Ramadan ist nicht besonders gut vereinbar mit dem modernen wirtschaftlichen Leben“, bemerkte der Präsident trocken und beruhigte die Tunesier: „Arbeitet und esst ruhig. Ich arrangiere mich schon mit Gott“.

 

 

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