Fast 60 Jahre sind seit dem Tod Josef Stalins vergangen, und viele Russen haben die Erinnerung an die Schreckensära im Unterbewusstsein begraben. Noch heute gibt es ihn, den Typus des verrückten, sadistischen Diktators. Und doch wehren wir uns gegen die vermeintlich simple Erklärung pathologischer Herrschaft
Als Günter Grass den iranischen Präsidenten Ahmadinedschad als „Maulhelden“ bezeichnete, stöhnten die Kenner des iranischen Regimes auf. Saß in dessen erstem Kabinett nicht ein Innenminister, der 2800 Dissidenten im Gefängnis einfach erschießen ließ? Sind die mutigen Proteste gegen sein Regime nicht blutig unterdrückt worden? Schon vergessen?
Könnten Ahmadinedschad und seine mörderischen Helfer nicht buchstäblich „verrückt“ sein? Immerhin gab es in der Geschichte oft genug Verrückte an der Spitze von Regierungen. Von Adolf Hitler über Idi Amin und Gaddafi bis zu dem nordkoreanischen Herrscherclan – an Beispielen mangelt es nicht. Und doch wehren wir uns gegen diese vermeintlich simplen Erklärungen pathologischer Herrschaft.
Das verkörperte Böse ist kein Thema der aufgeklärten Politikwissenschaft.
Fast 60 Jahre sind seit dem Tod Josef Stalins vergangen, und viele Russen haben die Erinnerung an die Schreckensära seiner Herrschaft tief im Unterbewusstsein begraben. „Memorial“, eine bürgerliche Gedächtnisorganisation, die der Opfer im Gulag gedenkt, existiert fast unbeachtet am Rand der russischen Gesellschaft. Stalins Ruhm lebt fort als Feldherr des „Vaterländischen Krieges“ gegen die deutschen Invasoren. Die letzten russischen Veteranen halten ihre Orden und seinen Namen in Ehren.
Lesen Sie im neuen Cicero (Juni-Ausgabe), warum wir Angela Merkel noch lange haben werden.
Ab sofort am Kiosk oder gleich bestellen im Online-Shop
Die Nachkommen der mehr als 20 Millionen (!) sowjetischen Kriegsopfer haben die mörderische Vorkriegsrolle des Diktators, der nach Lenins Tod von 1924 an das Land vergewaltigte, in den Hintergrund öffentlicher Aufmerksamkeit verdrängt. Das ideologiekritische Interesse der westlichen Kommunismus-Experten widmete sich seit den fünfziger Jahren auf Tausenden raschelnden Seiten der theoretischen Frage, ob der sowjetische Totalitarismus eine notwendige Folge der endzeitlichen Spekulationen des Post-Hegelianers Karl Marx war.
Dass Stalin im Zuge der sogenannten „Säuberungen“ den russischen Herausgeber der kritischen Marx-Engels-Ausgabe töten ließ (wie auch seinen eigenen Ghostwriter), spielte in den hochfliegenden geistesgeschichtlichen Diskursen keine große Rolle.
Die Millionen ermordeten und verhungerten sowjetischen Bürger der Vorkriegszeit, die Opfer der ethnischen „Transfers“ und der wahren Ausrottungsorgien, denen auch die Führungskader der eigenen Partei unterlagen, galten Stalins Apologeten – und sie gab es zuhauf auch im westlichen Europa – als unvermeidbare Begleiterscheinung eines Übergangs der bäuerlichen russischen Gesellschaft in die industrialisierte Moderne.
Was den Georgier Stalin, der sich selbst als „Asiate“ bezeichnete, in Wirklichkeit antrieb und warum Todesangst und Denunziantentum einen ganzen Kontinent in grausamen Bann schlugen – dies anzudeuten, blieb allenfalls Dichtern wie Ossip Mandelstam oder Isaak Babel vorbehalten, die es mit ihrem Leben büßten.
Was der Berliner Historiker Baberowski zu Stalin geschrieben hat











