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 > (K)ein guter Tag für Europa

Weltbühne

ESM-Entscheidung(K)ein guter Tag für Europa

Von Eric Bonse12. September 2012
picture alliance
ESM, Verfassungsgericht, Brüssel, Gauweiler
Schrift:

Karlsruhe macht den Weg frei für die Ratifizierung des Rettungsschirms. Brüssel atmet auf, doch die Zitterpartie geht weiter

Seite 1 von 2

Die Euroretter können aufatmen. Karlsruhe hat den Weg für die Ratifizierung des neuen Euro-Rettungsschirms ESM frei gemacht. Auf den ersten Blick ist damit die Gefahr gebannt, dass die Stützung der Eurozone ausgerechnet an Deutschland scheitern könnte. Kanzlerin Angela Merkel hat der EU-Rettungsstrategie ihren Stempel aufgedrückt - für viele EU-Politiker war es deshalb undenkbar, dass ausgerechnet aus Karlsruhe ein „Nein“ kommen könnte. Schon die Verzögerung wurde als Ärgernis empfunden.

Die erste Reaktion auf das Urteil war denn auch Erleichterung. Im Europaparlament in Straßburg gab es spontanen, langanhaltenden Beifall, als die Karlsruher Entscheidung bekannt wurde. Doch auf die Freude dürfte schon bald Ernüchterung folgen. Denn die Auflagen, die die Verfassungsrichter verhängt haben, könnten die Ratifizierung des ESM-Vertrags weiter hinauszögern. Außerdem will Karlsruhe in der Hauptverhandlung auch noch die Rolle der Europäischen Zentralbank (EZB) unter die Lupe nehmen. Die Zitterpartie geht also weiter.

Klar, die Euroretter preschen wie immer voran. Der ESM soll schon am 8. Oktober starten, verkündete Eurogruppenchef Jean-Claude Juncker wenige Stunden nach dem Karlsruher Urteil. Doch ob sich dieser Termin halten lässt, ist fraglich. Die Bundesregierung muss nämlich erst einmal einen Weg finden, die Auflagen des Verfassungsgerichts in die Praxis umzusetzen. Vor allem die Deckelung des deutschen Anteils auf 190 Mrd. Euro ist heikel. Sollte dazu eine Änderung des ESM-Vertrags nötig werden, könnte noch viel Zeit ins Land gehen.

Zeit haben die Euroretter jedoch keine mehr. Sie brauchen den ESM, um marode spanische Banken zu stützen, und als Vehikel für das umstrittene neue Anleihenkaufprogramm der EZB. Sie wollen Spanien unter den Rettungsschirm drängen, und sie müssen Zypern und wohl auch bald Slowenien unter die Arme greifen. Während Merkel nun die Auflagen aus Karlsruhe umsetzen muss, sind Juncker & Co. in Gedanken schon ganz woanders. Während Deutschland von 190 Mrd. Euro redet, jongliert die EZB mit weit größeren Beträgen. Der für viele Deutsche unerträgliche Spagat zwischen Recht und Politik, Theorie und Praxis geht also weiter.

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Ich bin zufrieden mit dem Urteil

Unsere Verfassung gilt auch in der Krise. Das ist der Schutz der Bürgerinnen und Bürger. Ja zum ESM, aber mit völkerrechtlichen Vorbehalten, bevor unterzeichnet werden kann. Die Zahlungsverpflichtungen dürfen nicht die Obergrenze von 190 Milliarden Euro übersteigen. Diese Vorbehalte müssen noch nachgearbeitet werden. Eine Anlage muss noch erarbeitet werden, bevor der Vertrag unterzeichnet werden kann. Eine Banklizenz für den ESM wird nicht zugelassen. Außerdem darf es keine Schweigepflicht für alle ESM-Mitarbeiter geben. Der Bundestag und Bundesrat muss immer informiert und zustimmen.Wenn das nicht eingehalten wird, ist der Vertrag nicht rechtswirksam. Die summarische Prüfung hat somit ergeben: Eine Begrenzung der Haftung und mehr Demokratie. Die Verantwortung liegt in der Politik. Auch das Ankaufen von Staatsanleien durch die EZB bleibt noch Sache im Hauptsacheverfahren.

  • Antworten
bernhard jasper12.09.2012 | 15:21 Uhr

Zustimmung

@ Bernhard Jasper

Sie schreiben:„Die Zahlungsverpflichtungen dürfen nicht die Obergrenze von 190 Milliarden Euro übersteigen.“

Das einzig Gute an diesem Urteil ist in der Tat die Begrenzung der deutschen Haftung auf 190 Milliarden Euro. Allerdings gilt der Zusatz, eventuelle Erhöhungen bedürfen der Zustimmung des Bundestages. Das ist sehr wichtig festzustellen, denn diese neue politische Situation bringt Merkel und Schäuble in eine zwickmühlenähnliche Situation.
siehe meine weiteren Ausführungen

  • Antworten
Bakwahn12.09.2012 | 18:28 Uhr

Kuriose und zugleich dramatische Situation

Merkel und Schäuble haben nach der Sommerpause mehrfach betont, Griechenland - koste es was es wolle - im Euroraum zu halten; und das unabhängig von dem Prüfbericht der Troika!

Das führt zu folgender kurioser Situation:
Merkel und Schäuble bekommen ein weiteres milliardenschweres Hilfspaket für Griechenland nicht mehr durch den Bundestag. Der Widerstand in der eigenen Koalition ist einfach zu groß. Ein Scheitern dieses weiteren Hilfspaketes wäre für die Regierung verheerend.

Auch erscheint fraglich, ob eine massive Erhöhung der Gelder und Bürgschaften für den ESM heute noch eine Mehrheit im Bundestag bekäme. Etliche Abgeordnete bekommen wohl völlig zurecht kalte Füße. Sie müssen sich in einem Jahr ihren Wählern stellen.

Daher kritisieren Merkel und Schäuble auch nicht die Ankündigung der EZB, Staatsanleihen klammer Club-Med-Staaten in unbegrenzter Höhe auf den Sekundärmärkten aufzukaufen. Es drängt sich die Vermutung auf, Draghi handle im stillen Einvernehmen mit der Kanzlerin und ihrem Finanzminister. Die beiden sind ganz offensichtlich umgefallen. Sie billigen jetzt die Schulden-, Haftungs- und Transferunion, die demnächst, wenn die Gelder in den Wirtschaftskreislauf einsickern, auch in eine Inflationsunion mutiert.

Damit ist ein weiterer zentraler Dominostein, der letzte Damm verantwortungsvoller Geld- und Finanzpolitik gefallen.
Die Regierungschefs der Euro-Zone, die Eurokraten in Brüssel und die EZB haben alle geltenden Stabilitätsregeln das Maastrichter Vertrages gebrochen, seien es Schuldenobergrenzen, das Schuldenankaufsverbot oder das Beistandsverbot. Wie alle bisherigen "Rettungsmaßnahmen" werden auch die Käufe der EZB keine Kehrtwende und keine Besserung bringen, sondern lediglich die Pleite Griechenlands und die Abstürze der anderen Club-Med-Länder hinauszögern. Deutschland wird zunehmend der Hauptlastenträger der Euro-Zone, denn die ungezählten Milliarden von Bürgschaften aus den "Rettungsschirmen" durchlaufen demnächst eine Metamorphose von Haftungen zu realen Zahlungen. Die Rechnungen werden uns in überschaubarer Zukunft präsentiert werden.

Ich höre mal auf. Ich habe resigniert.
Was soll doch einst der Alte Fritz gesagt haben? "Macht doch Euren Dreck alleene!"

Bakwahn
PC-Support und Netzwerkadministration

  • Antworten
Bakwahn12.09.2012 | 18:45 Uhr

Die "Euroretter" in Berlin

Die "Euroretter" in Berlin und Brüssel, werter Eric Bonse und werter Mit-Kommentator Bernhard Jasper, sollten sich hüten, sich der heutigen BVerfGE zu bemächtigen. Denn die HüterInnen des Grundgesetzes werden das aufmerksam registrieren. Sie werden wohl ohnehin in der Hauptsache-Entscheidung vielleicht sogar einen deutschen und europäischen Bürger-Verfassungskonvent der Citoyens "proklamieren"!
Einzelheiten zu solchen Konventen und Bürgersenaten in D und EU:

http://ob-in-spe.de > Demokratieinnovation

  • Antworten
Carl Maria Schulte12.09.2012 | 20:56 Uhr

Die vollständige

Die vollständige Dokumentation zu der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts über die Verfassungsbeschwerden ESM und Fiskalpakt in dieser Linksammlung / Linkliste: http://www.robertmwuner.de/verfassungsbeschwerden_esm.html

  • Antworten
Robert14.09.2012 | 08:32 Uhr

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