Die jüngsten Unruhen im Libanon haben erneut die Frontlinien im Nahen Osten verhärtet: Es geht nicht um Staatsgrenzen, sondern um Religionszugehörigkeit. Der Konflikt der Sunniten gegen die Schiiten hat eine geopolitische Dimension
Plötzlich sind die Grenzen innerhalb Beiruts wieder sichtbar. An Straßenbarrikaden aus Schutt und umgestürzten Containern wehen Parteiflaggen. Der Stadtteil Tariq al-Jedideh ist sunnitisch, der andere, verfeindete Teil schiitisch. Verkohlte Flecken im Asphalt markieren die Stellen, an denen kürzlich noch Reifen brannten. Nach dem Bombenanschlag, bei dem drei Menschen getötet und über 100 verletzt wurden, brachen überall im Libanon Kämpfe aus.
Viele Menschen blicken nun verängstigt ins Nachbarland Syrien. Die Fronten, die Damaskus, Aleppo und Homs durchziehen, sind die gleichen, die sich jetzt wieder im Libanon zeigen: Sunniten gegen Schiiten. Der Kampf zwischen den zwei verfeindeten islamischen Religionsgemeinschaften macht vor Ländergrenzen nicht halt.
Abu Baker* ist Sunnite; er sitzt an einer Kreuzung im Schatten eines Kiosks und erholt sich von den vergangenen Tagen. Er streckt den Finger auf das benachbarte Viertel: „Die da drüben sind Schiiten. Sie unterstützen Syriens Präsident Baschar al-Assad“, sagt der Mittzwanziger. In seinem normalen Leben ist er Koch. „Die Kämpfe dauerten den ganzen Tag. Natürlich haben wir auch mitgemacht.“ Am Sonntag war es zwischen beiden Seiten wieder zu Zusammenstößen gekommen. Mindestens eine Person wurde getötet, sechs weitere verletzt.
[gallery:Es war einmal in Syrien: Assads Freunde aus dem Westen]
Die Anspannung war auch in den Tagen danach spürbar. Jugendliche düsen auf Motorrollern durch die Straßen. Einige tragen automatische Waffen, andere Molotowcocktails. Fast alle Geschäfte sind geschlossen.
„Es wurde unglaublich viel geschossen“, sagt Latifa*, eine 23-Jährige Apothekerin. Sie ist heute nicht zur Arbeit gegangen, ihr Geschäft ist geschlossen. „Bewaffnete Männer waren hinter unserem Haus. Wir hatten große Angst.“ In der Hand hält sie eine Tüte. Ein Schuhkarton lugt heraus. „Heute ist mein Geburtstag“, fügt sie schüchtern hinzu. Ihre Mutter treibt sie zur Eile an; lange wollen die beiden Frauen nicht auf der Straße bleiben.
Der Hass zwischen den islamischen Gruppen spaltet die ganze arabische Region. Es ist längst nicht nur ein Streit um die richtige Auslegung des Korans, es ist ein strategischer, geopolitischer Kampf, der mit viel Geld ausgefochten wird. Auf der einen Seite steht das sunnitische Königshaus von Saudi-Arabien: Der reiche Ölstaat unterstützt sowohl das libanesische Bündnis „March 14“ als auch die Freie Syrische Armee, die das Assad-Regime bekämpft. Auf der anderen Seite steht der schiitische Iran: Das Regime um Mahmud Ahmadinedschad finanziert die Hisbollah im Libanon und deren Bündnis „March 8“. Ebenso steht Iran fest an der Seite Syriens. Baschar al-Assad ist Alawit, eine schiitische Untergruppe.
Saudi-Arabien und Iran sind Todfeinde – genau wie die Schiiten und Sunniten im Libanon.
Seite 2: Ausgerechnet das Militär gilt einzige neutrale staatliche Institution











3 Kommentare