Kampf um Kobane - Ein neues Srebrenica

Die Eroberung der syrischen Kleinstadt Kobane an der Grenze zur Türkei ist mehr als nur ein weiterer militärischer Sieg für den „Islamischen Staat“. Wenn die internationale Gemeinschaft weiter nur zusieht, dürfte Kobane bald in einem Atemzug genannt werden mit Srebrenica und Ruanda

Ein türkischer Panzer steht in Sanliurfa an der Grenze zum Irak mit Blick auf die kurdische Stadt Kobane
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Andreas Theyssen ist einer der beiden Gründer der Website opinion-club.com, eines digitalen Debattierclubs, der auf Kommentare, Analysen und Glossen spezialisiert ist.

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Nun also Kobane. Eine Kleinstadt wie so viele im Irak und in Syrien, die die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) in den letzten Monaten ihrem „Kalifat“ einverleibt hat. Eigentlich also nicht der Rede wert, weder geografisch noch militärisch noch wirtschaftlich.

Und dennoch könnte diese Stadt einmal in einem Atemzug genannt werden mit Srebrenica in Bosnien oder Ruanda, wo Massaker an Zivilisten stattfanden. In Kobane – arabisch Ain al-Arab – sind zwar keine Massaker zu erwarten, da ihre kurdischen Verteidiger die Zivilbevölkerung über die nahe türkische Grenze in Sicherheit gebracht haben. Sollte die Stadt an den IS fallen, wird sie den gleichen Ruf wie Srebrenica oder Ruanda erlangen – als Synonym für das Versagen der Weltgemeinschaft.

Seit fast einem Monat belagern die Extremisten Kobane – quasi unter den Augen der Weltöffentlichkeit. Von den nahen Hügeln der Türkei aus beobachten TV-Teams aus aller Welt jeden Granateneinschlag, jede schwarze IS-Flagge, die irgendwo vor oder in der Stadt gehisst wurde. Unaufhaltsam rücken die IS-Einheiten vor – trotz des erbitterten Widerstandes der kurdischen YPG-Einheiten, trotz der gelegentlichen US-Luftangriffe, trotz der in Sichtweite in Stellung gegangenen türkischen Truppen und Panzer.

Neue Kämpfer für das „Kalifat“


Der Fall von Kobane wäre ein unglaublicher Propaganda-Erfolg für den IS. Vor den Augen der Welt siegen seine Milizen, obwohl scheinbar die ganze Welt gegen sie ist. Sie setzen sich gegen die Supermacht USA und deren Verbündete durch. Sie trotzen der hochgerüsteten Türkei. Und sie fügen den vom Westen gepäppelten Kurden gerade eine vernichtende Niederlage zu.

Dieser Erfolg ist mehr als nur Stoff für die IS-Propagandaabteilung. Der IS wird unter militanten Islamisten in aller Welt weitere Sympathien gewinnen, wird weitere Rekruten zur militärischen Vergrößerung seines „Kalifats“ gewinnen. Schließlich ist der IS nach Al-Kaida die erste islamistische Organisation, die dem „Teufel“ USA getrotzt hat. Sieger sind immer sexy.

Rühmen kann sich der IS, weil er in Kobane gleich eine ganze Reihe von Gegnern schlägt: militärisch die syrisch-kurdische YPG, politisch und moralisch die USA und deren arabische Verbündete, dazu die Europäische Union und auch die Türkei.

Großer Verlierer Türkei


Dass dem IS alleine mit Luftangriffen nicht beizukommen sein wird, war von vornherein klar. Dennoch hält US-Präsident Barack Obama an dieser halbherzigen Strategie fest. Die EU muss sich zurecht die Frage gefallen lassen, weshalb sie zwar die irakischen Kurden mit Waffen und Ausbildern unterstützt, nicht aber die syrischen, die Kobane verteidigen. Eine Frage, auf die es keine vernünftige Antwort gibt.

Zu den großen Verlierern der Schlacht von Kobane gehört aber auch die Türkei. Politisch und militärisch wäre sie in der Lage, den IS-Vormarsch nachhaltig zu stoppen. Sie tut es nicht. Stattdessen unterstützt sie indirekt sogar die Terrormiliz, solange ihre Grenztruppen es türkischen Kurdenkämpfern verwehren, ihren syrischen Freunden in Kobane zu Hilfe zu eilen. Ankara bekämpft die PKK und fürchtet, dass sich die Kurden vereinigen könnten, ja sogar einen eigenen Staat vor der Haustür gründen könnten. Die Angst vor den Kurden ist größer als jene vor dem sunnitischen IS. Noch.

Versagt hat die Türkei vor allem als Regionalmacht, als die sie sich sieht und die sie sein könnte. Anstatt den IS-Terror zu bekämpfen, sieht sie seelenruhig zu, wie sich direkt vor ihrer Haustür das IS-„Kalifat“ etabliert. Was dies bedeutet, wird Ankara wohl erst begreifen, wenn die IS-Milizen in der Türkei einfallen. Etliche IS-Anhänger haben bereits angekündigt, dass die Türkei das nächste Angriffsziel sein wird. Doch Präsident Recep Tayyip Erdogan ist – wie EU und USA – immer noch zu sehr im alten Denken (= die Kurden sind der Gegner) verhaftet, als dass er auf ein neues Phänomen wie den IS adäquat reagieren könnte.

Menschlich und moralisch ist aber eines besonders bitter: Die Verteidiger von Kobane gehören der YPG an, eben jener kurdischen Volksmiliz, die vor wenigen Wochen erst die überlebenden nordirakischen Jesiden vor dem IS-Terror rettete und deshalb weltweit gefeiert wurde. Jetzt, da die YPG selbst Hilfe braucht, wird sie von eben jener Welt im Stich gelassen.

Dieser Beitrag erscheint in Kooperation mit dem Opinion Club.

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