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 > Ist das Erbe der Arabellion in Gefahr?

Weltbühne
FRAGE DES TAGES Ägypten

Ist das Erbe der Arabellion in Gefahr?

von 
Martin Gehlen
4. Februar 2012
picture alliance
Tahrir-Platz, Demonstration, Tränengas, Kairo, Arabellion
Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften auf dem Kairoer Tahrir-Platz

Die Unruhen in Ägypten dauern an. Die jungen Revolutionäre protestieren gegen den Militärrat. Was wird aus der Arabellion?

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Bereits den zweiten Tag lang versuchten am Freitag Tausende aufgebrachter Protestierer, mit Gewalt zu dem mit Beton und Stacheldraht abgeriegelten Innenministerium in Kairo vorzudringen. Gleichzeitig versammelten sich Zehntausende auf dem Tahrir-Platz, die in Sternmärschen aus allen Stadtteilen in das Zentrum gezogen waren.

Was treibt die Protestierer auf die Straße?

„Weg mit dem Militärrat – hängt den Feldmarschall auf“, skandierte die Menge und „Wir haben von einem Umbruch geträumt, sie aber haben uns zum Narren gehalten.“ Seit der blutigen Tragödie im Stadion von Port Said eskalieren in Ägypten Empörung und Aggressionen gegen die Herrschaft des Militärrates und dessen Chef, Feldmarschall Hussein Tantawi.

„Das Ministerium könnt ihr schützen, warum dann nicht ein Fußballstadion“, schrie die Menge in der Mohamed- Mahmoud-Straße. Viele schwenkten Fahnen der Ultra-Fanklubs von Ahly und Zamalek, den beiden Erstliga-Vereinen aus Kairo. „Diesmal werden wir nicht mehr zurückweichen“, schwor einer der Ahly-Ultras, die bekannt sind für ihre Härte im Straßenkampf gegen die Polizei.

„Die Verbrechen gegen die Kräfte der Revolution werden die Revolution nicht stoppen und die Revolutionäre nicht einschüchtern“, stand auf einem ihrer Flugblätter. Als ein Mannschaftstransporter mit Polizisten versehentlich in eine Seitenstraße abbog, die voller Protestierer war, wurde der Wagen eine Dreiviertelstunde lang mit Steinen bombardiert, bis ihm schließlich andere Demonstranten mit einer Menschenkette halfen zu entkommen.

Nur während des Freitagsgebets hielten die Kämpfer kurz inne, dann gingen die Krawalle bis in den Abend unvermindert weiter. Vereinzelt waren in der Kampfzone Schüsse zu hören, schwarzer Rauch von brennenden Autoreifen waberte durch die Straßen. Die hinter Stacheldraht verbarrikadierte Polizei antwortete mit Salven von Tränengas. Mindestens ein Mann starb – ihn traf eine Kugel in die Brust. Bis zum Abend wurden allein in Kairo mindestens 1400 Menschen verletzt. Immer wieder brachen Demonstranten plötzlich zusammen und verfielen in schwere Krämpfe, ausgelöst durch das eingesetzte Tränengas. Andere haben gebrochene Arme, Schusswunden oder Augenverletzungen durch die eingesetzten Gummigeschosse.

Wie war die Lage andernorts im Land?

Auch in anderen Teilen Ägyptens kam es zu Unruhen. In Suez wurden zwei Menschen getötet, als die Menge versuchte, eine zentrale Polizeistation zu stürmen und die Beamten das Feuer eröffneten. Mehr als 200 Angreifer erlitten Verletzungen, zahlreiche Geschäfte wurden geplündert. In Port Said dagegen, wo sich am Mittwochabend die Tragödie mit 74 Toten und über Tausend Verletzten abgespielt hatte, verliefen die Versammlungen zunächst ohne Zwischenfälle.

Seite 2: Was bedeuten die Ausschreitungen für die Zukunft Ägyptens?

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Arabellion

Arabellion. Was ist das überhaupt? Ein Kunstwort, geschaffen von einer Presse, die diesen Begriff mit dem Wunschdenken nach westlicher politischer Kultur befrachtete. Ein Wunschdenken, dass nicht die geringste Rücksicht auf die Realitäten vor Ort, auf kulturelle, ökonomische und, vor allem, religöse Gegebenheiten nahm. Das was hier im Westen griffig als Arabellion genannt wird, war der gelungene Versuch, eines jener korrupten orientalischen Systeme, die es in diesen Gegenden seit 1500 Jahren gibt, zu beseitigen. Was danach kommen sollte, stand in einem breiten Wunschkatalog, der Wunsch nach einem deutschen Grundgesetz stand nicht darin, und wenn, unter "ferner liefen". Die Arabellion der deutschen Presse hat es nie gegeben. Folglich hat sie auch keine Erben, höchstens ein paar deutsche Redakteure. Die Leute vom Tahir-Platz haben gewählt: mehrheitlich die Moslembrüder und damit einen konservativen Islam "all inclusive" und, damit zusammenhängend, einen dauerhaften Einbruch ihrer Tourismusbranche. Das sind die wahren Erben der Umwälzung. Dass sich nun die Erben mit den Erbschleichern, den Militärs, streiten, ist ein anderes Kapitel.

  • Antworten
Johann Hartmann04.02.2012 | 13:12 Uhr

Jugendliche Expressivität und soziale Dynamik

Alle zentralen historischen Ereignisse, die europäische Völkerwanderung, die Französische Revolution, der expansive Nationalismus Deutschlands zu Anfang des 20. Jahrhunderts sowie der aktuelle islamische Fundamentalismus und der "arabische Frühling" gründen in einer genetisch determinierten Disposition: der latenten Bereitschaft junger Männer zur Aggression.
In den arabischen Ländern hat die Verjüngung der Gesellschaften eine Dynamik hervorgebracht, die zunächst die eigenen Strukturen zerstören muss und die nicht an Staats- und Kulturgrenzen halt machen wird. Die zentrale Perspektive einer sich ständig verjüngenden Gesellschaft ist letztlich der innere oder äußere Krieg (Jugendliche Expressivität und soziale Dynamik).

  • Antworten
Dieter Staas04.02.2012 | 21:32 Uhr

Die wirtschaftliche Lage ...

in Ägypten wird sich aller Voraussicht nach noch erheblich verschlechtern. Was das für die Demokratie in diesem Land bedeutet, kann isch jeder selbst ausmalen. Demokratie braucht ein gewises Nivau an Bildung. Doch die Facebook und Twittergeneration ist praktisch nicht im Parlament vertreten. Vielleicht sind die gemäßigten Islamiste ja eine Option, die Ordnung im Land mit halbwegs zivilen Mitteln aufrecht zu erhalten. Vielleicht ...

  • Antworten
Christoph Kuhlmann06.02.2012 | 09:11 Uhr

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