Islamprofessor Khorchide

Ein Muslim zwischen den Fronten

Der Theologe Mouhanad Khorchide gilt als liberale Stimme des Islam. Nun ist er mitten in einen politischen Konflikt geraten

Porträtfoto von Mouhanad Khorchide
picture alliance

Unser Autor

Jan Kuhlmann hat Geschichte und Islamwissenschaften studiert. Er war Korrespondent der Wochenzeitung Rheinischer Merkur und lebt in Berlin.

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Hier sitzt er und liest und denkt und schreibt, auch jene Sätze, die bei anderen Muslimen Aggressionen auslösen: ein Raum mit niedriger Decke, die Wände voller Regale, die Regale bis in den letzten Winkel voller Bücher. Auch auf dem Schreibtisch seines Büros stapelt sich Band auf Band, nur ein wenig Platz für den Computerbildschirm bleibt frei. Mouhanad Khorchide, Leiter des Zentrums für Islamische Theologie in Münster, ist ein produktiver Gelehrter. Er arbeitet oft bis spät abends. Nichts zu tun, still zu sitzen, fällt ihm schwer.

Gerade schreibt er an seinem neuen Buch: „Scharia – Der missverstandene Gott“. Er will an seinen letzten Band mit dem Titel „Islam ist Barmherzigkeit“ anknüpfen. Darin bricht Khorchide mit vielem, was die traditionelle islamische Gelehrsamkeit hervorgebracht hat: Sein Gott ist nicht strafend, „kein Diktator“, sondern barmherzig und liebend. Beten und Fasten reichen für ihn nicht aus, um ein guter Muslim zu sein, auch das Herz muss aufrichtig sein. Und die Scharia, das islamische Recht, hält er für ein „menschliches Konstrukt“.

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In den deutschen Medien hat er dafür viel Applaus bekommen. Das Bundesbildungsministerium wirbt mit ihm bundesweit auf einem Plakat für mehr Integration. Mouhanad Khorchide – 41, verheiratet, ein Sohn – hat sich als liberale Stimme des Islam einen Namen gemacht.

Genau hier beginnen für ihn die Probleme. Im Internet hetzen radikale Muslime gegen ihn. Aber auch gemäßigte Stimmen lehnen viele seiner Thesen ab. Als christlich inspirierte „Barmherzigkeitstheologie“ werden sie verspottet. „Seine randständigen Positionen als den unverfälschten Islam im wahrsten Sinne des Wortes zu verkaufen“, übertreffe „jede Form von Dreistigkeit“, wetterte Avni Altiner, Vorsitzender des Schura-Verbands der Muslime Niedersachsen, in der Islamischen Zeitung.  Ein islamischer Theologe aus Hamburg rief Khorchide sogar dazu auf, „Reue“ zu zeigen „und sich wie ein Muslim zu verhalten“.

Geprägt von der Großmutter

Khorchide ist ein Symbol dafür, wie schwierig es ist, als Muslim zu beiden Seiten zu kommunizieren: zur deutschen „Mehrheitsgesellschaft“ einerseits und zu der traditionell-konservativen muslimischen Gemeinde hierzulande andererseits.

Der Professor, Sohn einer palästinensischen Flüchtlingsfamilie, ist geprägt von seiner Großmutter, die ihn lehrte: Gott schaut nicht auf die Fassade – Gott schaut, ob auch das Herz rein ist. Khorchide wächst im extrem konservativen Saudi-Arabien auf.

„In den Moscheen haben die Imame die Gleichheit aller Muslime gepredigt“, erzählt Khorchide. „Doch im täglichen Leben sind wir als Palästinenser diskriminiert worden.“ Nicht einmal eine Krankenversicherung besaß seine Familie. „Ich habe mich als Kind geschämt, wenn ich krank war, und es verschwiegen, weil ich meine Eltern finanziell nicht belasten wollte.“

1989 geht er zum Studium nach Österreich, weil Wien damals auch staatenlose Palästinenser wie Khorchide einreisen lässt. Das Erste, was er bei der Immatrikulation bekommt, ist eine Krankenversicherung für 3,50 Euro im Monat. Die angeblich Ungläubigen behandelten ihn viel gerechter als die Glaubensbrüder in Saudi-Arabien. „Diese Erfahrung war ausschlaggebend“, sagt Khorchide. Sie prägte auch sein Buch „Islam ist Barmherzigkeit“.

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Doch im Streit um den Band geht es nicht nur um Theologie – sondern um Politik. Seit Monaten schwelt ein Konflikt um den letzten freien Posten im Beirat des Zentrums für Islamische Theologie, einem der fünf neu geschaffenen Standorte in Deutschland, an denen die Imame und Islam-Lehrer von morgen ausgebildet werden sollen. Der Islamrat, einer der großen muslimischen Verbände in Deutschland, hatte Burhan Kesici für den Beirat vorgeschlagen – einen Vertreter der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG).

„Ich suche nur nach Gott“

Doch weil der Verfassungsschutz die IGMG beobachtet, legte das Bundesinnenministerium beim zuständigen Bildungsministerium sein Veto gegen Kesici ein – dieses drohte dem Zentrum in Münster, zugesagte Gelder zu stoppen, sollte Kesici berufen werden. Der Streit zwischen Milli Görüs und Innenministerium – er wird auf dem Rücken der Islamischen Theologie ausgetragen.

Dabei taucht eine ganz zentrale Frage auf: Darf sich der Staat überhaupt derart in die Islamische Theologie einmischen?  „Der Staat verstößt massiv gegen sein Neutralitätsgebot“, sagt Engin Karahan, stellvertretender IGMG Generalsekretär. „Das ist verfassungsrechtlich nicht haltbar.“

Khorchide hält in der Debatte um sein Buch an seinen Thesen fest. Mit den Anfeindungen kommt er auch deswegen zurecht, weil er von seiner Sache überzeugt ist. Er kann dickköpfig sein. Und er versucht den Eindruck zu vermitteln, die Politik sei ihm egal. „Ich gehe den Weg, den ich für richtig halte“, sagt Khorchide. „Ich suche nicht nach Wählern und Macht. Ich suche nur nach Gott.“

 

 

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