Großbritannien - „Ich beobachte die AfD“

Nigel Farage ist einer der kontroversesten Politiker Großbritanniens. Der Chef der populistischen United Kingdom Independence Party (Ukip) will die Einwanderung stoppen und plädiert für den sofortigen Austritt des Königreichs aus der Europäischen Union

Ukip-Chef Nigel Farage
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Autoreninfo

Ellen Alpsten ist Wirtschaftsredakteurin und Moderatorin für N24 und lebt in London. Sie studierte Jura, Politik, Philosophie und Wirtschaft in Köln und Paris. Außerdem ist sie auch als Schriftstellerin tätig; 2002 erfolgte ihr erfolgreiches Romandebüt "Die Zarin".

So erreichen Sie Ellen Alpsten:

Cicero: Herr Farage, Ihre Partei wurde lange als politisch irrelevant verhöhnt, die Times bezeichnete Sie als „peinliche Figur, die nicht für Großbritannien spricht“. Die Wähler haben ein anderes Votum abgegeben. Wie erklären Sie den Erfolg Ihrer Partei? Ist er allein mit der Desillusion über Europa zu erklären?

Desillusion mit der EU, nicht mit Europa. Desillusion mit einem hehren Traum, auf dessen Altar wir alle geopfert werden, ob wir wollen oder nicht. Nehmen wir doch als Beispiel die schrankenlose Zuwanderungspolitik der EU. In einem typischen Städtchen im Nordosten Großbritanniens beträgt die durchschnittliche Wartezeit in der Notaufnahme eines Krankenhauses acht bis neun Stunden. Stellen Sie sich vor, Ihr Kind hat Gehirnerschütterung! Dasselbe Kind übrigens, das keinen Platz in der nächstgelegenen Volksschule bekommen hat, sondern das mit seinen vier Jahren jeden Morgen den Bus nehmen muss – weil alle anderen Schulen schon mit Kindern voll sind, die kaum Englisch sprechen. Nun haben die Briten in puncto Zuwanderung eine sehr tolerante Vergangenheit. Immigration ist ein Erbe des Empire, und wir hatten pro Jahr 30 000 bis 50 000 Einwanderer aus dem ehemaligen Commonwealth. Heute aber strömen Hunderttausende Osteuropäer ins Land! Gemeinschaften zerbrechen, Feindseligkeiten und Ghettos entstehen. Damit wir uns nicht missverstehen: Ukip hat nichts gegen Osteuropäer. Wir haben aber etwas gegen die verantwortungslose, von der EU induzierte Immigrationspolitik der britischen Politiker.

Großbritannien den Briten, ist das die mehr oder weniger versteckte Nachricht von „Better Off Out“, dem Slogan einer Ihrer ersten, erfolglosen Kampagnen?

Mitnichten. Ich wehre mich dagegen, Ukip als rechtsradikale Partei abstempeln zu lassen. Ich wünsche mir lediglich ein Zuwanderungsverfahren australischer Art: bestimmte Berufe sind erwünscht, andere nicht. Man muss diesem Land etwas bieten, um Einlass zu erhalten und von unseren Errungenschaften zu profitieren. Und man muss Brite werden wollen, mit Haut und Haar.

Im Licht der Ereignisse von Woolwich, wo ein junger Soldat auf offener Straße von zwei Muslimen abgeschlachtet wurde, bekommen Ihre Aussagen einen ganz unangenehmen Beigeschmack.

Ich sage, was ich denke. Mehr noch: Ich sage, was mehr und mehr Briten denken. Sollen Polygamie und die Ausübung der Scharia hier die Norm werden? Nein!

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Sie möchten zwar nicht, dass Ukip als rechtsradikal bezeichnet wird und nennen Ihre Mitglieder freie Denker. Bei einem Besuch in Schottland aber wurden Sie jüngst als „Nazi“ beschimpft, und einer Ihrer Kandidaten forderte die Abtreibung aller Föten mit Down-Syndrom. Ist das Ihre Auffassung vom freien Denken?

Niemand, der zuvor Mitglied der British National Party (BNP) war, ist in unseren Reihen willkommen. Daran wird sich nichts ändern. In Schottland habe ich das hässliche Gesicht der schottischen Unabhängigkeitsbewegung gesehen. Sie schimpften mich einen Nazi und schrien im selben Atemzug: Hau ab nach England! Wie passt das zusammen? Überhaupt nicht. Der Kommentar zu den Abtreibungen war schockierend. Ich leite meine Partei zwar, stehe aber natürlich nicht für ihr Mikromanagement ein.

Sie distanzieren sich verbal von der als faschistisch eingestuften BNP, die bis 2010 ihre Mitgliedschaft nur Weißen vorbehalten hatte. Wie aber hält es Ukip mit anderen rechts der Mitte stehenden Parteien in Europa, wie etwa dem Front National in Frankreich?

Als Marine Le Pen in die Führung des Front National gewählt wurde, sagte sie: „Ich wünschte, unsere Partei wäre mehr wie Ukip.“ Trotzdem kommt für mich eine Kooperation mit ihnen nicht infrage, weil Mitglieder wie Bruno Gollnisch den Holocaust leugnen. Antisemitismus und ekelhafter Rassismus sind Teil des Front National. Damit mag ich mich nicht assoziieren.

Und in Deutschland, gibt es dort eine Partei, die Ihnen nahe wäre?

Derzeit haben wir niemanden in Deutschland, mit dem wir arbeiten könnten. Ich beobachte jedoch die Alternative für Deutschland mit großem Interesse, denn sie scheint eine gute intellektuelle Basis zu haben. Jetzt müssen sie nur ihre Ideen in eine Sprache fassen, die der Mann auf der Straße verstehen kann. Das war Margaret Thatchers wahres Talent: Sie konnte die größten Ideen so ausdrücken, dass jeder sie verstand.

 

Was macht Sie zu einem so überzeugten Gegner der Europäischen Union?

Als ich 1999 europäischer Abgeordneter wurde, dachte ich, wir könnten eine Beziehung mit der EU haben. Obwohl wir aus vielerlei Gründen nicht in den Laden passen – wir spielen Kricket und fahren auf der anderen Straßenseite. Spaß beiseite: Der Nationalismus und der Fanatismus in Brüssel haben mich erschüttert – allen voran Martin Schulz. Die EU führt ganze Generationen von Europäern wie ein Rattenfänger von Hameln in vollkommene Hoffnungslosigkeit.

Als Europaabgeordneter in Brüssel hätten Sie es doch in der Hand, an Veränderungen mitzuwirken. Sie ziehen es aber vor, weder Mitglied eines Ausschusses noch einer Delegation zu sein und machen keine Anstalten, Ihren Ideen auch Kraft zu verleihen.

Das muss ich gar nicht. Die EU macht die schmutzige Arbeit für mich. Angela Merkel ist meiner Ansicht nach die fähigste Person auf der europäischen politischen Bühne (Farage nennt die Kanzlerin nicht „politician“, sondern verwendet das respektvollere „statesman“). Dennoch sagte sie zu mir: „Griechenland darf den Euro nicht verlassen. Wenn die Griechen gehen, dann gehen auch andere – und das wäre das Ende des europäischen Traumes.“ Nicht Ukip wird den Euro zu Fall bringen, sondern Gewalt auf den Straßen Europas wird das tun. Eine Ironie des Schicksals: Genau das, was die Gründung der Europäischen Union verhindern sollte, wird ihr Ende sein. Aber das passiert der EU ja nicht zum ersten Mal, wenn wir nur an das deutsche Problem denken.

Welches „deutsche Problem“?

Der Gründung der EU lag ja auch der Gedanke zugrunde, ein ähnliches Szenario wie das, das zum Zweiten Weltkrieg geführt hat, in Europa zu verhindern. Aber durch die Krise in der Eurozone ist Deutschland – vielleicht wider Willen – wieder die einflussreichste Nation der EU geworden. Politisch ist das eine mächtige Position, mit der Merkel sehr vorsichtig umgeht. Aber es ist eine Macht, nach der die Deutschen nicht verlangt haben. Weshalb nicht, ist klar: Die Kosten werden untragbar sein. Wenn die Eurozone implodiert, muss Deutschland für Billionen geradestehen.

Angenommen, Großbritannien entscheidet sich in dem von Ihnen geforderten Referendum gegen die EU und Sie gewännen eine der nächsten Wahlen, würde dann Nigel Farage Premierminister oder Teil einer Koalition?

Ich bin eher aus Versehen Politiker geworden und habe keine Ambitionen auf die Führung des Landes. Was eine mögliche Koalition angeht: Labour? Solange Ed Miliband die Briten für zu dumm hält, sich in einem Referendum zu entscheiden: Nein. Die Tories? Solange sie von David Cameron geführt werden: Nein. Ich glaube ihm nicht, ich traue ihm nicht, ich will nichts mit ihm und seinen halb ausgegorenen Ideen und Maßnahmen zu tun haben. Die Libdems? Dass ich nicht lache. Nein!

Gibt es das? Jemand, der sich auf das Ränkespiel der Politik einlässt, ohne es gewinnen zu wollen? Selbst wenn Ukip jenseits der antieuropäischen Idee ein Regierungsprogramm aufzuweisen hätte, was sie ja nicht hat.

Ich will eine Partei von frei denkenden Mitgliedern leiten und stehe lieber ehrlichen Exzentrikern als einer Bande grauer, verlogener Leute vor. Im Vergleich zu Cameron und Clegg, die im Herzen Sozialdemokraten sind, sage ich die Wahrheit. Die EU zu verlassen, mag nicht alle unsere Probleme lösen. Aber es erlaubt uns, autonom nach einer Lösung für diese Probleme zu suchen. Wollen wir wie Irland oder Island sein? Irland hat am Gängelband der EU wahnsinnige Boomjahre erlebt, die ihnen jetzt um die Ohren fliegen. Dieser importierte Wohlstand war nur eine Illusion, und der Katzenjammer in Dublin ist schrecklich. Sehen Sie sich dagegen Island an. Vor ein paar Jahren stand das Land wirtschaftlich und politisch am Rande des Abgrunds. Das hat sich grundlegend gewandelt. Reykjavik hat gerade ein Handelsabkommen mit China abgeschlossen – etwas, was der EU einfach nicht gelingt. Das 19. Jahrhundert war britisch, das 20. amerikanisch und das 21. ist chinesisch – davon schließt sich die EU selber aus. Soll Großbritannien darunter leiden?

Wie sähe denn das neue Europa aus, das das Erbe der EU antritt?

Wir müssen uns auf die Tage des Europarats besinnen. Keine wirtschaftliche Union, aber eben eine wirtschaftliche Zusammenarbeit. Die Idee einer politischen Union muss gebannt werden, denn die macht aus den europäischen Nationen ein neues Jugoslawien, komplett mit Flagge und Hymne. 

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