Der griechische Ministerpräsident Giorgos Papandreou will sein Volk über die Euro-Rettungspakete abstimmen lassen. Sollte es tatsächlich zu einem Referendum kommen, stünde Europa vor einer Zerreißprobe
„Liebe Mitbürger,“ so könnte eine Rede Angela Merkels beginnen, „Deutschland ist zahlungsunfähig. Um unsere Schulden auf dem internationalen Finanzmarkt zu tilgen, müssen alle Staatsdiener, Armee, Feuerwehr und Polizei inklusive, in den nächsten Jahren auf mindestens zwanzig Prozent ihres monatlichen Einkommens verzichten. Und im Übrigen werden wir fortan jeden Steuerhinterzieher, ob groß oder klein, mit empfindlichen Strafen zur Rechenschaft ziehen. Die Kirchen werden enteignet.“ Am nächsten Tag stünde die Republik still.
Ähnliches mutet die griechische Regierung nach Absprache mit den Partnern der Euro-Zone ihren Bürgern zu. In den nächsten zehn Jahren fehlen dem Land mindestens 225, wenn nicht gar 400 Milliarden Euro – weitaus mehr, als der europäische Rettungsschirm derzeit zur Verfügung hat. Griechische Staatsanleihen sind auf dem freien Finanzmarkt so unverkäuflich wie faule Oliven.
Georgios Papandreous überraschender Vorschlag, sein Volk über die Annahme des europäischen Rettungspakets mitsamt seinen scharfen Austerity-Bedingungen abstimmen zu lassen, ist nicht nur ein politisches Vabanquespiel mit seiner eigenen Zukunft als Regierungschef, sondern auch eine Zerreißprobe für Europa – vom Schicksal des Euros ganz abgesehen.
Dass die Griechen dem unvermeidlichen Absturz in die eigene Vergangenheit als Armenhaus an der Peripherie des Kontinents zustimmen, ist so unwahrscheinlich wie die Rückkehr jener gewaltigen Euro-Devisenströme in Höhe von mindestens 60 Milliarden, die seit über einem Jahr von griechischen Privatkonten in bar abgehoben oder ins Ausland überwiesen wurden. Doch die Alternative – eine souveräne Rückkehr in die selbstgewählte Isolation am Rand des Staatenbundes – wäre einzig der romantischen Sehnsucht geschuldet, jene Wohlstandsjahre auf Pump zu wiederholen, die unwiderruflich vergangen sind.
Papandreous Vorschlag (dem das Parlament in einer Vertrauensfrage zustimmen muss) hat der kleinen Euro-Gipfel-Euphorie mitsamt der angeschlossenen Heldenverehrung Angela Merkels und Nicolas Sarkozys die Grundlagen entzogen. Der griechische Premier stellt sich plötzlich als Anwalt dar, der zu Lasten Dritter und Vierter – nämlich seines eigenen, höchst unwilligen Volkes und der europäischen Steuerzahler – ohne Mandat verhandelt hat. Sein Finanzminister entschwand ins Krankenhaus, die Börsenkurse in Athen und in Frankfurt, London und New York gingen in einen Sturzflug über, und die Banken, die mehr oder weniger freiwillig einem Schuldenschnitt in Höhe von 50 Prozent auf griechische Staatsanleihen zugestimmt haben, könnten sogar mit einem Totalverlust rechnen. Das Land ist pleite.
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