New York hat nun seine eigene Beschneidungsdebatte. In den USA gehört der Glaube zum Gründungsmythos, so dass die Debatte um die Beschneidung mit anderen Prämissen und Perspektiven geführt wird
Noch 39 Tage – und am 6. November wählen die USA ihren Präsidenten: Cicero-Online-Korrespondent Malte Lehming berichtet zu diesem Anlass in einem Countdown über besondere Ereignisse und Kuriositäten während des Wahlkampfs.
Der Kommentar endet mit bitteren Worten. Die Juden, die einst in diese Stadt flohen, weil sie frei sein wollten, stünden wohl bald vor der Wahl – entweder sie ziehen vor Gericht, praktizieren zivilen Ungehorsam oder wandern in einen der Nachbarstaaten aus. Das Editorial erschien am 12. September 2012 in der Tageszeitung „The New York Sun“. Es befasst sich mit „der größten Bedrohung für tiefreligiöse Juden“, ausgerechnet in New York, der größten jüdischen Stadt der Welt, ausgerechnet durch deren Oberbürgermeister Michael Bloomberg, einen Juden, und ausgerechnet beim Thema Beschneidung.
Ja, auch in New York wird über Beschneidung gestritten. Freilich geht es nicht um das Ritual als solches, sondern nur um einen bestimmten Teil davon, der in einigen ultraorthodoxen Gemeinden praktiziert wird. Bei der „metzitzah b’peh“ saugt der Mohel mit seinem Mund das Blut von der Wunde ab. Bei rund 3600 Beschneidungen pro Jahr wird diese Praxis in New York angewendet. Von einer kleinen Minderheit also.
Doch auch die kann laut und zornig werden, wenn’s um Glaube und Tradition geht. Denn vor knapp drei Wochen beschloss die oberste New Yorker Gesundheitsbehörde, dass die „metzitzah b’peh“ nur noch durchgeführt werden darf, wenn zuvor die Eltern des Neugeborenen ausdrücklich auf das Ritual hingewiesen und über dessen Risiken aufgeklärt wurden. Anschließend müssen sich die Eltern schriftlich damit einverstanden erklären.
Ausgelöst worden war der Erlass durch Berichte, denen zufolge zwischen 2004 und 2011 höchstwahrscheinlich durch den Mundkontakt des Beschneiders in elf Fällen Herpes übertragen wurde. Zwei Babys starben an der Infektion, mindestens zwei weitere erlitten Gehirnschädigungen. Das wiederum bestreiten ultraorthodoxe Geistliche. Die Stadt lüge, habe keinerlei Beweise und verunglimpfe mitfühlende Geistliche, sagt Rabbiner William Handler in der „New York Times“.
Also haben er und mehr als 200 weitere ultraorthodoxe Rabbiner ihren Widerstand gegen die Verordnung angekündigt. Den Gemeindemitgliedern raten sie, die Bestimmung einfach zu ignorieren. Sie sei ein Anschlag auf die Religionsfreiheit und verstoße gegen die Verfassung. Zum erstenmal in der amerikanischen Geschichte reglementiere eine Regierung das fundamentale jüdische Gebot der Beschneidung.
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