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Weltbühne

US-WahlGibt der Westen den Afghanistankrieg verloren?

Von Malte Lehming16. Oktober 2012
picture alliance
Soldat,USA,Abzug,Afghanistan
US-Soldat in Afghanistan: Seine Mission ist bald zu Ende
Schrift:

Im US-Wahlkampf wird wenig über Außenpolitik diskutiert. Dass die Truppen aus Afghanistan abziehen, ist beschlossene Sache. Nun fordert die New York Times als Amerikas Leitmedium einen schnelleren Abzug: Die Mission sei längst gescheitert

Es ist ein Dokument, dessen Bedeutung kaum überbewertet werden kann. Am vergangenen Sonntag veröffentlichte die „New York Times“ ein seitenlanges zweispaltiges Editorial unter der Überschrift „Time to Pack Up“ („Es ist Zeit, zu gehen“). Darin fordert die Zeitung von der US-Regierung den umgehenden Abzug der amerikanischen Soldaten aus Afghanistan. Der Zeitplan dafür solle sich nicht mehr länger am Ausbildungsstand der afghanischen Armee und an der Stabilität im Land ausrichten, sondern allein von der Sicherheit der US-Truppen bestimmt werden. Ohnehin würden selbst die Minimalziele der Intervention nicht erreicht. Eine Verlängerung des Krieges hätte daher bloß eine Verlängerung des Leidens zur Folge.

Die „New York Times“ ist die wichtigste Zeitung Amerikas. Sie ist das Leitmedium auch für die regierende Administration. Ihre anonymen Editorials, über die intern oft stundenlang debattiert wird, geben keine Einzelmeinungen wider, sondern die Haltung der gesamten Zeitung. „Time to pack up“ ist daher ein brisantes Politikum.

In der dritten TV-Debatte zwischen Barack Obama und Mitt Romney am 22. Oktober wird es um Außenpolitik gehen. Für den amtierenden Präsidenten war der Krieg in Afghanistan – im Unterschied zu dem im Irak – stets der „notwendige Krieg“, den Amerika unbedingt gewinnen muss. Jetzt kommt das führende liberale US-Medium zu der Überzeugung, dass die Hoffnung auf einen Sieg naiv ist. Obama wird sich erklären müssen.

Die „New York Times“, die von Anfang an die Intervention in Afghanistan unterstützt hat, vollzieht mit ihrem Editorial, wie sie selbst eingesteht, einen Wandel („This conclusion represents a change on our part“). Das begründet sie ausführlich: Mehr als 2000 amerikanische Soldaten haben bereits ihr Leben gelassen; die Zahl derer, die sich selbst töten, steigt unablässig; mehrere hunderttausend Veteranen leiden unter posttraumatischen Krankheiten; der Krieg hat mehr als 500 Milliarden Dollar gekostet. Und wofür? „Die Vereinigten Staaten und ihre Alliierten haben in Afghanistan ,nation building’ versucht, zumindest in den vergangenen vier Jahren. Es funktioniert nicht.“

Präsident Hamid Karzai sei korrupt und unberechenbar, die neue afghanische Armee höchstens in der Lage, sich in der Hauptstadt Kabul zu behaupten, eine Trendumkehr nicht in Sicht, bilanziert die Zeitung. Doch wäre ein rascher Abzug Amerikas wirklich zu verantworten?

„Wir sagen nicht, dass nach einem Abzug alles gut wird in Afghanistan“, heißt es am Ende. „Es wird nicht gut. Die Taliban werden Teile der südlichen Paschtun-Region erobern, dort Frauen misshandeln und deren Rechte mit Füßen treten. Stammeskrieger werden auf Raubtour gehen. Afghanistan wird das zweitärmste Land der Welt bleiben. Al Qaida wird sich wieder ein Stück weit etablieren können, doch die Terrororganisation hat sich seit den Anschlägen vom 11. September 2001 ohnehin in den Jemen und andere Länder zurückgezogen.“

Aber wie schon in Korea, Vietnam und Irak: Amerikas eigene und globale Interessen würden beschädigt, wenn das Land Kriege führt, die es nicht gewinnen kann. „Dwight Eisenhower hat Amerikas Stellung in der Welt verbessert, als er die Truppen aus Korea heimholte, Richard Nixon durch den Abzug aus Vietnam, Barack Obama durch den Abzug aus dem Irak.“ Der Artikel schließt mit dem Satz: „Wir müssen raus aus Afghanistan so schnell, wie wir sicher können.“

Ebenfalls am vergangenen Sonntag kündigte Großbritannien an, im kommenden Jahr mehrere tausend seiner Soldaten aus Afghanistan abzuziehen. Und auch die Bundeswehr will angeblich bereits im Jahre 2013 die Zahl ihrer Soldaten deutlich verringern.

Gibt es noch irgendeinen, der den beschleunigten Abzug mit der Beteuerung verbindet, Afghanistan sei auf einem guten Weg, die neu aufgebaute Armee in der Lage, Sicherheit und Stabilität zu garantieren, Al Qaida und die Taliban seien endgültig vertrieben worden? Wer immer das versucht, muss bessere Argumente vorbringen, als die „New York Times“ an Gegenargumenten geliefert hat. Nein, nichts ist gut in Afghanistan. In diesen Tagen gibt der Westen diesen Krieg offenbar auch offiziell verloren.

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