Gendarmerie im Vatikanstaat - Im Einsatz für Leben und Papst

Wer den Vatikan betritt, verlässt italienisches Hoheitsgebiet und findet sich im eigenständigen „Staat der Vatikanstadt“ wieder. Dieser kleinste Staat der Erde verfügt über eine eigene Polizeitruppe: das Gendarmeriekorps des Vatikanstaates

Gendarm des Papstes im Einsatz.
Vatikan

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Ulrich Nersinger ist Buchautor und bekannter Vatikanist

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[[{"fid":"54382","view_mode":"full","type":"media","attributes":{"height":284,"width":203,"style":"width: 143px; height: 200px;","class":"media-element file-full"}}]]„Allora, attenzione!“ Knapp und präzise erklärt der Einsatzleiter ein letztes Mal seinen Männern das Vorgehen. Die vermummten Gestalten, geschützt durch kugelsichere Westen und mit Bushmaster Short Guns bewaffnet, nicken. Dann klappen sie die Visiere ihrer Sturmhauben herunter und beginnen mit der Erstürmung der Wohnung. Eine gut zwanzig Kilogramm schwere Metallramme lässt das Türschloss zersplittern. Sekundenschnell dringen die Männer in die Räume ein; nur wenige Augenblicke vergehen, dann sind die  Attentäter gestellt – ohne dass ein einziger Schuss gefallen ist oder Sprengsätze gezündet werden konnten.

Bei der Sondereinheit, die hier ihr Können bewiesen hat, handelt es sich nicht um die GSG 9 der deutschen Bundespolizei, den britischen SAS oder ein erfahrenes SWAT-Team der Amerikaner. Auf dem linken Ärmel der Uniform prangen die Insignien des Papstes, die dreifache Krone mit den gekreuzten Schlüsseln Petri; das Abzeichen auf dem rechten Ärmel zeigt das Wappen des Vatikanstaates, unterlegt mit einem Schwert und dem lateinischen Spruch „Semper parati“ (Immer bereit). Die Männer gehören zum GIR (Gruppo Intervento Rapido), der „Schnellen Eingreiftruppe“ der vatikanischen Gendarmerie.

Nachdem die Elite-Polizisten die Räume gesichert haben, rückt die zweite der päpstlichen special forces an. Die Unità Antisabotaggio (Anti-Terror-Einheit) kümmert sich um die Entschärfung der Sprengsätze. Sie ist mit einem Equipement präsent, das höchsten Ansprüchen gerecht wird. Nicht einmal zwanzig Minuten hat das Gesamtszenario gedauert. Der Einsatzleiter vor Ort meldet seinem Vorgesetzten mit einem forschen „fatto“, dass die „Arbeit“ getan sei.

Das erste Erscheinen der vatikanischen Spezialkommandos in der Öffentlichkeit – bei einem Patronatsfest der Gendarmerie am Gedenktag des Erzengels Michael – hatte ein zwiespältiges Gefühl hervorgerufen. Bisher war man im Vatikan nicht an den Anblick vermummter, durch kugelsichere Kleidung geschützter und mit Präzisionswaffen ausgerüsteter Männer gewöhnt. Aber die Spezialeinheiten erscheinen im Kampf gegen Kriminalität und terroristische Bedrohung als notwendig. Die Elitepolizisten des GIR haben die Hoffnung, dass der Ernstfall nie eintritt, aber sie stehen zu dem, was das Logo auf ihrer Uniformjacke verspricht.

Die Gendarmen im Sondereinsatz wissen um die Gefahr, die mit ihrem Dienst verbunden ist. Für sie ist Angst eine Realität, ein Faktum, das sie in ihre Arbeit einzubinden haben. Und so bekennt ihr Einsatzleiter: „Die Angst ist in manchen Situationen das richtige Gefühl. Alle Männer wissen durch ihre Ausbildung, wie damit umzugehen ist in den Situationen, in denen wir zum Einsatz kommen. Die Person des Heiligen Vaters und die zahlreichen Pilger zwingen uns dazu, unter gewissen Umständen einzugreifen.“ Die special forces spiegeln die Antwort auf außergewöhnliche Bedrohungen wieder, denen der römische Pontifex und sein weltliches Territorium ausgesetzt sind oder zumindest sein können.

Die Anforderungen im Alltag sind anderer Natur, aber dennoch einzigartig. So betont Domenico Giani, der Kommandant der päpstlichen Polizeitruppe: „Es ist eine besondere Arbeit und mit keiner Arbeit auf der Welt zu vergleichen. Die vatikanische Gendarmerie hat kriminalpolizeiliche Aufgaben und ist außerdem Straßenpolizei, Grenzpolizei, Zollpolizei. Sie ist also im weitesten Sinn für alle Sicherheitsfragen zuständig, auch in den exterritorialen Gebieten. Die wichtigste Aufgabe aber ist der Schutz des Heiligen Vaters“,

An Arbeit mangelt es den päpstlichen Ordnungshütern nicht. So besuchen alljährlich mehr als 5 Millionen Touristen die Vatikanischen Museen und gut 20 Millionen den Petersdom. Für das Gendarmeriekorps sind diese gewaltigen Menschenmassen eine enorme Herausforderung. „Überall in der Vatikanstadt sind wir vierundzwanzig Stunden am Tag im Dienst“,  heißt es aus der Kommandozentrale der Gendarmerie. „Zudem müssen wir in den großen exterritorialen Besitzungen des Heiligen Stuhls präsent sein, den Basiliken Santa Maria Maggiore, Sankt Paul vor den Mauern, dem Lateran und in der Sommerresidenz des Papstes in Castel Gandolfo“.

Die Überwachung der Vatikanstadt wird von der Sala operativa aus, die sich beim Sankt Anna-Tor in der Kaserne der Gendarmerie befindet, koordiniert. Auf fünfzig Monitoren, die auf mehr als 300 Kameras zurückzugreifen vermögen, können die Polizeibeamten beinahe jeden Winkel des Kirchenstaates beobachten; Videokameras erfassen alle Personen, die den Vatikanstaat betreten oder verlassen.  Die Anlage ist fähig, Verdächtige in Echtzeit zu scannen und von ihnen umgehend Bilder anzufertigen. Die Gendamen wurden zudem mit einem der modernsten tragbaren digitalen Kommunikationssysteme – TETRA (TRrestrial TRunked RAdio) – ausgestattet.

Das hochmoderne Kontrollzentrum dient aber nicht nur der polizeilichen Überwachung des Vatikans, sondern soll auch Notsituationen erkennen und sie zu bewältigen helfen. In den heißen Sommermonaten kommt es auf der Wendeltreppe, die zur der Kuppel der Basilika hinaufführt, bei Besuchern oft zu Schwächeanfällen. Entlang der schmalen, äußerst engen Treppe ist ein dichtes Netz von Überwachungskameras installiert. Zu jeder Kamera gehört ein Notfallknopf, der mit der Leitzentrale verbunden ist und den Betreffenden schnelle Hilfe zukommen lassen kann.

Die vatikanische Gendarmerie hat in allem ihre Prioritäten. Im Oktober 2012 war ein Aktivist in einem waghalsigen Manöver zu einem Vorsprung der Kuppel von Sankt Peter geklettert und hatte dort ein Plakat gegen die italienische Wirtschaftspolitik befestigt. Die päpstlichen Ordnungshüter hatten sich zwischen einer schnellen Entfernung des Plakates und der Sicherheit des Störers zu entscheiden - sie nahmen natürlich letztere Option wahr.

 

 

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