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 > Libyens Kampf ist nicht vorbei

Weltbühne
Reportage

Libyens Kampf ist nicht vorbei

von 
Nicolas Pelham
5. Oktober 2011
picture alliance
Langsam bröckelt die Moral der Aufständischen

Der Aufstand gegen den Tyrannen einte die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen Libyens. Seit dem Sturz Gaddafis ist ein neuer Machtkampf entbrannt – mit offenem Ausgang

Seite 1 von 6

Erst als ich in Suk al Dschuma, der nach Osten wuchernden Vorstadt von Tripolis mit 400000 Einwohnern, angekommen war, drei Tage nach Einzug der Anti-Gaddafi-Kräfte in die Stadt, habe ich von Muammar al Gaddafis Joch wirklich nichts mehr gespürt. Hinter den mannshohen Barrikaden waren die Gassen voller Leben und Geschäftigkeit, ganz anders als die verlassenen Straßen anderswo in der Hauptstadt, wo noch alles verschlossen war. Hier aber spielten Kinder bis weit nach Mitternacht vor den Häusern, Frauen saßen am Steuer und fuhren mit ihren Autos umher, aus den Lautsprechern der Moscheen ertönten Takbir, die feierlichen Gesänge, die eigentlich dem Ende des Ramadan vorbehalten sind: Gott ist groß, größer auch als der Oberst. In den Gartengrundstücken ernteten Freiwillige Tomaten und Feigen, sie taten dies anstelle der ägyptischen Arbeiter, die geflohen waren. Stolz erzählte der Lebensmittelhändler, der eigentlich Techniker in einer Ölexplorationsfirma ist, dass er beauftragt sei, den Laden zu führen, den die Nachbarschaft am Tag der Erhebung – am 20. August – eröffnet hatte, um ihre Gemeinschaft zu versorgen. Andere haben Brunnen gegraben, damit weiterhin Wasser fließt, und sie nutzten ihre Verbindungen zur örtlichen Raffinerie, um die Benzinversorgung zu sichern. Überall in der Stadt war der Spritpreis um das Hundertfache gestiegen, auf 7,50 Dollar pro Liter, in Suk al Dschuma konnte man umsonst tanken.

Die Barrikaden hielten das Gaddafi-Regime draußen und boten dessen Gegnern Sicherheit vor Heckenschützen und anderen Restposten der alten Herrschaft. Die Einwohner versorgten die Anti-Gaddafi-Milizionäre mit selbst gemachtem Ramadangebäck, wuschen deren Kleidung. Eine Rebellenbrigade aus Misrata hatte ihr Lager in einer frisch gekalkten Niederlassung von LTT aufgeschlagen, der Internetfirma Muammar al Gaddafis, deren Inbetriebnahme der Krieg verhindert hatte. Eine Moschee beherbergte Dutzende blasser und verstörter Häftlinge, die aus Abu Salim, dem tripolitanischen Gefängniskomplex für politisch Verfolgte, befreit worden waren, und der Imam half ihnen, die verlorenen Jahre zu überbrücken, indem er Bilder des arabischen Satellitenfernsehens an die Wand projizierte. In einer Schule, die zum Behelfsgefängnis umfunktioniert worden war, verhörten in den Dienst zurückgekehrte Polizeioffiziere 20 Verdächtige – mutmaßliche Söldner, Saboteure und Milizionäre des Regimes, die verhaftet wurden, als der Aufstand begann.

Suk al Dschuma reklamiert für sich, 1969 das erste Viertel gewesen zu sein, das sich Gaddafis Revolution angeschlossen und vor 39 Jahren wieder gegen Gaddafi gestellt hat. Stolz verweist man hier auf den Zusammenhalt der Nachbarschaft. Andere Vorstädte reagierten ebenfalls auf die Rufe, die am 20. August von den Moscheen ertönten, als die Gläubigen nach Sonnenuntergang das Fasten beendeten doch was Organisation und Reichweite des Aufstands angeht, konnten die anderen Stadtteile Suk al Dschuma nicht das Wasser reichen. Innerhalb von Minuten war das ganze Viertel auf den Beinen, hatte aus alten Kühlschränken, ausgebrannten Autos und anderen Trümmern Barrikaden zusammengeschustert und bewaffnete Männer an den Eingängen postiert. Lastwagen fuhren umher und verteilten Molotowcocktails und selbst gemachte, „Gelatine“ genannte Granaten, später in der Nacht auch Gewehre, die die Menschen von Suk al Dschuma sechs Monate zuvor für 3000 Dinar das Stück gekauft hatten. Männer der Bürgerwehr stürmten Häuser und Wohnungen von rund tausend Anhängern des Regimes, entwaffneten die Farment, wie „Informanten“ mit einem tripolitanischen Dialektschimpfwort genannt werden, und verjagten sie.

Ein ganz anderes Bild bot Dareibi, eine Vorstadt am anderen Ende von Tripolis, in deren eintönigen Plattenbauten Migranten aus Libyens ländlichen Gebieten dicht gedrängt leben. Auch eine Woche nach der Eroberung blieben hier die Läden geschlossen und verrammelt. Mit dem alten Regime waren auch die Grundnahrungsmittel verschwunden, war Schluss mit der Sicherheit der Bewohner. Seither müssen sie mühevoll nach einer eigenen Ordnung suchen. Hier fehlt der Zusammenhalt, der dem gemeinsam ertragenen Leid entspringt, mit dem Gaddafi die östlichen Landesteile überzogen hatte. Nur wenige trauten hier ihren Nachbarn oder hatten Gutes über sie zu sagen. Einige dieser Einwohner, die zu jenen Stämmen gehörten, die sich dem Vormarsch der Rebellen auf Misrata, Zliten und andere Städte entgegengestellt hatten und nun fürchteten, von der Flut überrollt zu werden, hatten sich in Gaddafis Hauptstadt in Sicherheit gebracht. Andere erwiesen sich noch offensichtlicher als Günstlinge des Regimes. Im nahen Abu Salim errichteten „Revolutionskomitees“, die als Gaddafis Schattenexekutive agierten, Barrikaden und suchten den Straßenkampf mit den selbst ernannten Befreiern von Tripolis. Frische Graffiti entlang den Hauptstraßen verkünden: „Wir alle sind Gaddafi.“

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie der Autor in Tripolis empfangen wurde.

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