Flüchtlingskrise - Was Deutschland von Israel lernen kann

Das kleine Land Israel hat es geschafft. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion strömten Hundertausende aus dem Osten ans Mittelmeer. Israel profitierte letztlich von der Wanderungsbewegung. Deutschland könnte das auch

Angesichts der Erfolgsgeschichte Israels bei der Bewältigung einer großen Einwanderungsbewegung, scheinen die deutschen Ängste vor der Flüchtlingskrise sehr übertrieben
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Tzoref-Ashkenazi, Chen

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Das Jahr der deutschen Wiedervereinigung war ein entscheidendes Jahr – auch in der Geschichte Israels. Der Zusammenbruch der Sowjetunion löste die größte Einwanderungsbewegung im Jüdischen Staat seit seiner Gründung aus. Ein Ereignis, dass Israels Bevölkerungsstruktur, Israels Wirtschaft und Politik grundlegend änderte. Ich war damals noch ein sehr junger Mann, erinnere mich aber sehr wohl, wie begeistert viele Israelis von der sogenannten russischen Immigration waren (obwohl viele der Eingewanderten aus der Ukraine, den baltischen Ländern, dem Kaukasus und Zentralasien stammten). Manche Bekannte von mir reisten speziell zum Tel Aviver Flughafen, um die Einreisenden mit ihren für den sehr milden israelischen Winter eher unbrauchbaren schweren russischen Mänteln und Pelzmützen anzusehen.

Sorgen, dass der Staat die Herausforderung nicht meistern könnte, gab es wenig. Schließlich erlebte Israel viel größere Einwanderungsschübe in seinen Anfangsjahren, als der Staat viel ärmer und schwächer war. Dennoch war die Herausforderung auch diesmal beträchtlich. Schon 1990 kamen 184.300 Einwanderer aus der Sowjetunion, die 3,8 Prozent der israelischen Bevölkerung darstellten. Im folgenden Jahr kamen weitere 146.700. Binnen zehn Jahren waren es wenigstens 900.000 Immigranten, die mehr als 12 Prozent der Bevölkerung darstellten.   

Enorme Belastungen des Haushalts
 

Die Belastung des öffentlichen Haushalts war enorm, denn alle mussten untergebracht, unterhalten, in der Sprache unterrichtet und auf den Arbeitsmarkt vorbereitet werden. Die Kosten pro Einwanderer betrugen um die 12.000 US-Dollar. Die Gesamtkosten von beinahe 10 Milliarden Dollar, die 17 Prozent des jährlichen israelischen BIP von 1992 darstellten, wurden durch große Schulden finanziert, die amerikanische Bürgschaften ermöglicht hatten. Die größte Herausforderung stellte naturgemäß der Wohnungsbau dar.

Sozialwohnungen wurden rar, und Maßnahmen, die den Bau neuer Wohnungen durch den Privatsektor befördern sollten, wirkten nicht ausreichend, sodass viele Immigranten in Mobilheimen untergebracht werden mussten. Man fürchtete die Wiederkehr der fünfziger Jahre, als Einwanderer vor allem aus Nordafrika viele Jahre in Zeltstädten verbringen mussten. Für die Gesamtbevölkerung war die rasante Steigerung der Wohnungspreise eine sehr schwere Belastung in einem Land, das ohnehin unter chronischem Wohnungsmangel litt, und auch die Arbeitslosigkeit war stark gestiegen und erreichte Ende 1992 über 12 Prozent.

Dennoch setzte sich mehrheitlich in der Bevölkerung die Meinung durch, dass die große Wanderungsbewegung langfristig von wirtschaftlichem Vorteil sein müsste. Schließlich war das Bildungsniveau der Immigranten hoch. Ich war damals Journalist und meinte, dass ich bei meinem Beruf nur Vorteile zu erwarten habe, denn die Einwanderer würden schnell anfangen, Zeitungen zu lesen, aber viele Jahre brauchen, um ausreichend Hebräisch zu meistern, damit sie um Arbeitsplätze in der Presse konkurrieren könnten.

Und in der Tat waren die wirtschaftlichen Vorteile sehr schnell zu spüren. Binnen weniger Jahre sank die Arbeitslosigkeit wieder auf das alte Niveau, und der Konsum stieg rasant. Das Wirtschaftswachstum beschleunigte sich. Schon 1995 stellte die israelische Zentralbank fest, dass die Wirtschaft seit Anfang der großen Immigration binnen sechs Jahren um satte 42 Prozent gewachsen war. Zum ersten Mal in seiner Geschichte näherte sich die Wirtschaftsleistung Israels dem Niveau der westeuropäischen Länder an.

Heute ist es in Israel unumstritten, dass die große Einwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion in wirtschaftlicher Hinsicht eine eindeutige Erfolgsgeschichte war. Sie stellt einen wichtigen Wendepunkt in der Entwicklung der israelischen Wirtschaft dar.

Deutschland im Vergleich
 

Angesichts dieser Erfolgsgeschichte eines kleinen, wirtschaftlich schwachen und schwer belasteten Landes bei der Bewältigung einer großen Einwanderungsbewegung und angesichts der großen Vorteile, die diese binnen weniger Jahre erbrachte, scheinen die deutschen Ängste vor der Flüchtlingskrise sehr übertrieben. Bezogen auf die deutsche Bevölkerung würden die russischen Einwanderer nach Israel im Jahr 1990 mehr als 3,1 Millionen Menschen entsprechen, mehr als doppelt der wildesten Schätzungen für die Zahl der Flüchtlinge, die in Deutschland in diesem Jahr zu erwarten sind.

Rechnet man diese Zahl auf die deutsche Bevölkerung hoch, hätten zwischen 1990 und 2001 etwa 10 Millionen Menschen hierher kommen müssen. Dabei ist Deutschland viel reicher als Israel damals war oder heute ist. Es leidet nicht unter den militärischen Herausforderungen, die Israel finanziell sehr stark belasten. Und – wie viele Wirtschaftsweisen meinen – die Bundesrepublik braucht die Immigration dringend, um seinen demografischen Wandel zu meistern.

Die Zahl der Flüchtlinge, von denen man heute spricht, kann der deutsche Staat womöglich sogar ohne neue Schulden finanzieren. Der Anteil der Kosten am jährlichen BIP wird sich dem damaligen israelischen Niveau, das die israelische Wirtschaft zunächst so schwer belastete, kaum annähern. Was die Aufnahme der Flüchtlinge den Staat kostet, ist heftig umstritten, aber der Ausgangspunkt könnten die 12.566 Euro pro Flüchtling und Jahr sein, die Baden-Württemberg seinen Kommunen zahlt. Wenn man von wirklichen Kosten in Höhe von 15.000 Euro pro Flüchtling ausgeht, würde dies bei einer sehr hohen Schätzung von insgesamt fünf Millionen Flüchtlingen bis Ende der jetzigen Fluchtbewegung 75 Milliarden Euro bedeuten, über mehrere Jahre verteilt. Diese hohe Summe entspricht 2,86 Prozent des jährlichen BIP der Bundesrepublik für 2014. Der Überschuss von 21 Milliarden Euro, den der Staat in der ersten Hälfte des laufenden Jahres erzielt hat, unterstützt die Annahme, dass die Kosten tatsächlich ohne zu große Schwierigkeiten getragen werden könnten.

Diese Zahlen sind natürlich keine genaue Einschätzung, aber sie verdeutlichen, wie viel leichter Deutschland die Kosten der Aufnahme der Flüchtlinge decken kann, als es Israel vor mehr als 20 Jahre konnte – wobei es von den Vorteilen der großen Einwanderung genauso wie Israel profitieren kann.

Freilich waren die Einwanderer nach Israel keine Flüchtlinge. Die meisten (aber nicht alle) waren Juden wie die Mehrheit in Israel. Aber so unähnlich waren sie den Einwanderern nach Deutschland nicht. Letztendlich waren sie Menschen aus unterschiedlichen Kulturen, die ein Land in einer sehr schwierigen Lage – geprägt von politischem Chaos und zunehmender Gewalt – verließen, und in Israel vor allem ein ruhigeres und besseres Leben suchten. Auch das hohe Bildungsniveau der Einwanderer nach Israel in den neunziger Jahren wird wenigstens von den syrischen Flüchtlingen geteilt.

Also ist es keine Frage, ob Deutschland die Flüchtlingskrise schaffen kann. Die Frage ist nur: Will es?

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