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Weltbühne

Draghis CoupMerkels kalte Entmachtung

Von Christoph Schwennicke7. September 2012
picture alliance
Mario Draghi,EZB,Euro,Krisenmanager
Überholen ohne einzuholen: Draghi hat Merkel vom Krisen-Chefsessel vertrieben
Schrift:

EZB-Chef Mario Draghi hat sich in den Chefsessel der Euro-Krisenpolitik gesetzt – der Staatsstreich gegen die Kanzlerin ist die Folge ihrer zaudernden Finanz- und Personalpolitik in der EU

Es sind nur wenige Tage vergangen, bis Mario Draghi, Chef der Europäischen Zentralbank, klargemacht hat, was er meinte mit dem Satz, die EZB werde alles tun, den Euro zu sichern, und man möge sicher sein: „It will be enough!“ – Es wird reichen!

Mit seiner Ankündigung, jetzt Staatsanleihen schwankender Euro-Staaten im  großen Stil aufzukaufen, hat Draghi nicht nur die dicke Bertha herausgeholt, von der immer die Rede war. Er hat eine unerhörte Grundsatzentscheidung in der Geldpolitik Europas getroffen. Der EZB-Chef hat die deutsche Kanzlerin, die bisher mächtigste Frau des Kontinents war, auf den Sessel der Copilotin verfrachtet, um den Steuerknüppel selbst in die Hand zu nehmen.    

So was kommt von so was. Merkels inkonsistente Krisenpolitik ist allerdings nur ein Grund für den Staatsstreich der Zentralbank. Der andere betrifft Merkels europäische Personalpolitik: Jetzt holt die Kanzlerin jene Durchsetzungsschwäche ein, die sie in den letzten Monaten und Jahren bei der Besetzung von europäischen Spitzenpositionen an den Tag gelegt hat. 

Erinnert sich noch jemand an den Oktober vergangenen Jahres? Und erinnert sich noch jemand an Axel Weber, vormals Chef der Deutschen Bundesbank? Wäre es nach Merkel gegangen, dann säße jetzt Axel Weber auf dem Posten, den ihr Gegenspieler Draghi nun innehat. Weber, ein knallharter Geldpolitiker alter deutscher Schule, hatte sich aber nach einem Zerwürfnis mit der Kanzlerin wegen deren Krisenpolitik zurückgezogen und stand für die Nachfolge von Jean-Claude Trichet seinerzeit nicht mehr zur Verfügung.

Frankreich, Spanien, Luxemburg und Italien stellten sich mit aller Kraft hinter den Kandidaten Mario Draghi – und damit gegen Merkel. Die musste sich dieser Übermacht beugen. Als die Kanzlerin sah, dass ihre Felle davonschwimmen, wurde Draghi kurzerhand zum Deutschen erklärt: Er firmierte fortan als „italienischer Preuße“, also einer, der es mit den deutschen Tugenden der Geldwertstabilität hält. 

Wortgeklingel. Der angeblich deutsche Italiener bietet den Deutschen mit einer sehr undeutschen, vielmehr angelsächsisch anmutenden Krisenpolitik im Stile der amerikanischen Notenbank die Stirn. 

In der Politik holen einen Fehler immer ein: Hätte Merkel damals nicht erst Weber vergrault und dann Draghi schlucken müssen, wäre ihr wohl jetzt diese finanz- und machtpolitische Schmach erspart geblieben. 

Der aktuelle Draghi-Putsch gegen Merkel zeigt, es macht sich zwar für die Kanzlerin innenpolitisch gut, wenn der Eindruck entsteht, dass ohne sie in Europa nichts geht. Bei Lichte betrachtet hat sie in den vergangenen Monaten aber immer wieder in Kauf nehmen müssen, dass bei wichtigen Personalfragen ohne oder sogar gegen sie entschieden wurde. Die Causa Weber/Draghi mit den akuten Konsequenzen reiht sich ein in eine Folge von Fällen, in denen Merkel bei wichtigen Personalbesetzungen im europäischen Finanzkontext den Kürzeren gezogen hat.

So hat Merkel für Deutschland ohne Gegenwert den Posten an der Spitze der Europäischen Bank für Wiederaufbau verloren: Der Amtsinhaber Thomas Mirow wollte keine zweite Amtszeit. Daraufhin wurde ein Franzose ausgeguckt, was gleichzeitig die Chancen für Wolfgang Schäuble gestärkt hätte, Eurogruppenchefs und damit Nachfolger von Jean-Claude Juncker zu werden. In das Vakuum deutscher Ratlosigkeit stieß schließlich ein Brite. Die wiederum verbaute für Schäuble den Weg in Richtung Eurogruppenchef.

Die Folge dieser fortunelosen deutschen Personalpolitik ist, dass derzeit nur eine Schlüsselposition von der finanz- und wirtschaftsstärksten Nation der Europäischen Union besetzt ist: Der deutsche Klaus Regling leitet den Rettungsschirm ESM. Der muss jetzt jenen 700-Milliarden-Euro-Fonds managen, den er nie gewollt und lange bekämpft hat.

Erfolgreiche deutsche Interessenpolitik in Europa sähe anders aus.

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Staatsstreich gegen die Kanzlerin?

Toll, das der Artikel von Spiegel.de hier auch zu lesen ist!. Also, eine Maßnahme, die vor zwei Jahren falsch war, ist heute goldrichtig, denn in der Zwischenzeit haben die Regierungen der Krisenländer kein Stein mehr auf dem anderen gelassen. Tatsächlich ist die Zeit des Staatsumbaus jetzt nach drei Jahren vorbei und es gilt die Reformen zur Wirkung kommen zu lassen. Auch ist es durchaus sinnvoll wenn Deutschland sich jetzt etwas zurück nimmt, denn letztlich ist institutionell Deutschlands Stimme nicht stärker als bsw. die von Belgien. Natürlich kann das Merkels Ansehen beim Wahlvolk beschädigen. Vielleicht hat sie dann auch mehr Zeit sich um die anderen Probleme Deutschlands zu kümmern.

  • Antworten
Robert07.09.2012 | 20:46 Uhr

Gastbeitrag

Lieber Robert, nur zum Verständnis: Der Artikel auf Spiegel Online war ein Gastbeitrag von Cicero-Chefredakteur Christoph Schwennicke.

  • Antworten
Petra Sorge08.09.2012 | 09:42 Uhr

Allein mir fehlt der Glaube

nämlich daran, dass Herr Draghi die Eurozone retten will.Er hat die Krise ja hervorgerufen.Da steckt viel Psychologie dahinter.
"Wenn wir das Zinseszinssystem durchkriegen, haben wir die Lizenz zum Gelddrucken", sagte Herr Rothschild, und die hat er bekommen. Der amerikanischen Staat leiht sich sein Geld gegen Zinsen von der FED.Und:" Gebt mir die Macht über das Geld und es ist egal, wer unter mir Kanzler wird. "
Es geht darum die Konkurrenz zum Dollar kleinzuhalten und damit, wie immer schon, Deutschland klein zu halten und Europa abhängig zu machen. Die Personalpolitik Merkels ist sicher etwas fragwürdig. Ich könnte mir aber denken, dass Herr Dibelius,der ihr als Finanzberater zur Seite steht,Druck auf sie ausübt.Er ist übrigens der Chef von Goldmann Sachs Deutschland.Das sagt doch eigentlich schon alles.
Ich verweise auf ein Interview von Egon Bahr in der "Welt", in dem er mitteilte, daß der Deutsche Bundeskanzler i m m e r eine Unterwerfungsurkunde für den amerikanischen Präsidenten unterschreiben muss.
Interessant ist auch, dass jeder Politiker,der ein Spitzenamt übernimmt,(ich habe es nicht nur für Europa verfolgt),im Jahr vorher bei den Bilderbergern eingeladen wurde.
So gesehen finde ich, hat Frau Merkel sich für Deutschland gut geschlagen. Ihre wirkliche Macht ist begrenzt.Wir sind für die USA das, was die Blattlaus für die Ameise ist, sie wird gehegt und dann gemolken !

  • Antworten
chris böhmer08.09.2012 | 18:15 Uhr

Merkel

hat auch Barroso eine zweite Amtszeit gewährt. Der als Ministerpräsident von Portugal das Land so fehlgesteuert hat, dass es einige Jahre später zwangsläufig unter die Rettungsschirme musste.

Die Personalpolitik von Merkel ist grotesk schädlich für Deutschland, aber das ist der Rest ihrer Politik ebenso.

  • Antworten
Very Serious Sam09.09.2012 | 10:44 Uhr

Naiv nachgefragt!

Fuer mich sieht das ganz anders aus. Der ganze Artikel haengt sich an Weber auf. Aber Weber ist doch kein knallharter Banker, sondern einer von den Bundesbankbeamten, die nicht wissen was sie wollen und keine Verantwortung uebernehmen koennen. Alle vom selben Schlag (stil Weldeke). Klar kann eine Merkel mit so einem nichts anfangen. Der muss jetzt bei der UBS mit seinen Beziehungen wuchern. Da ist doch ein Draghi, der in den wichtigen Situationen wohlueberlegte, dosierte, Massnahmen zu Rettung uebernimmt, wesentlich geeigneter.
Das hatte Merkel seinerzeit schon gesehen. Manche hierzulande haben es immer noch nicht mitbekommen!

  • Antworten
Barnewitz09.09.2012 | 21:14 Uhr

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