Wer sind die Europäer? Werden sie von Vernunft oder Nationalismus regiert? Zur Klärung amalgamiert CICERO-Chefredakteur Michael Naumann Goethe und Nestroy. Das Stück heißt „Europa sucht die Europäer.“
Wäre es nicht so bitterernst, könnten wir von einer Nestroy-Komödie reden: Auf der Bühne der Europäischen Union öffnen und schließen sich permanent die Türen eines ziemlich ramponierten Konferenzraums. Europäische Politiker, Beamte und Dolmetscher stürzen herein und hinaus, sprechen unverständliche Texte voll mysteriöser Akronyme, hinter denen sich neue Finanzinstitute verbergen – und nur das Publikum weiß, dass hinter den Kulissen das Gegenteil der Verabredungen in verschiedensten Landessprachen diskutiert wird. Doch jetzt soll alles anders werden: Der Euro wird gerettet. Wirklich? Das Stück heißt: „Europa sucht die Europäer.“
Im Programmheft wird Eckermanns Goethe zitiert, und ein Scherzbold hat den Namen „Deutschland“ gegen „Europa“ vertauscht: „Mir ist nicht bange, dass Europa nicht eins werde… immer sei es eins gegen den auswärtigen Feind. Es sei eins, dass der europäische Taler und Groschen im ganzen Reiche gleichen Wert haben… es sei von Inland und Ausland unter europäischen Staaten überall keine Rede mehr.“
Indes, der Dichter sprach ja gerade nicht von Europa, sondern vom zukünftigen deutschen Nationalstaat. Dessen Geburt sollte sich um ein halbes Jahrhundert und drei entsetzliche Kriege gegen Dänemark, Österreich und Frankreich verzögern. Der „äußere Feind“ Europas sind heute nicht nur die aggressiven, anonymen Kapitalmärkte und ihre Ratingagenturen. Es sind vor allem die „inneren Feinde“ – die Freiheits- und Identitätsgeschichten des kontinentalen Nationalismus.
Der Vertrag von Brüssel, eine staatliche Schuldenbremse in nationalen Verfassungen zu verankern und damit entscheidende Elemente nationaler Souveränität, zumal die Budgethoheit der Parlamente, auf eine höhere Ebene zu verschieben – hieße sie nun Fiskalunion oder Brüsseler Generalsekretariat für die strafbewehrte Einhaltung der Maastricht-Kriterien –, dieser Vertrag steht im Widerspruch zu den 200-jährigen Nationalismen Europas.
Hinter dem zeitgenössischen Begriff der „Nation“ als souveräne Handlungseinheit steckt immer noch sein ideologischer Ursprung im Ideensystem des Nationalismus mit seinen Hinweisen auf gemeinsame ethnische Herkunft, auf gemeinsame Sprache oder Religionen.
Unvergänglich sind vor allem die nationalen Erinnerungen an die Schlachten unseres blutgetränkten Kontinents. Nationen sind, mit dem Historiker Hans-Ulrich Wehler gesprochen, „Erinnerungsgemeinschaften“. Und selbstverständlich erinnern sich alle unsere Nachbarn an die deutsche Wehrmacht. Es ist das eigentliche Europa-Narrativ, das Peer Steinbrück vermisst. „Frieden in Europa“, das wahre Geschenk der Gemeinschaft, heißt jenseits unserer Grenzen immer noch „Ruhe vor den Deutschen“. Helmut Kohl wusste das und spürte das leidvolle Bleigewicht unsrer Geschichte. Angela Merkel weiß es nur. Das ist der Unterschied zwischen beiden – einer von vielen.
Den zentripetalen Vernunftkräften der politischen EUElite, die sich auf jener Nestroy-Bühne treffen, stehen die zentrifugalen Gemütskräfte des Nationalismus gegenüber. Germanophobie in den französischen, griechischen oder italienischen Medien und Parlamenten bildet das emotionale Kraftzentrum des politischen Widerstands gegen die Euro-Rettungspläne. Dass Griechenland jemals ohne massive Neuverschuldung aus seiner Insolvenz entkommen könnte, ist unwahrscheinlich. Dass das Athener Parlament eine nationale Pleite zum Verfassungsartikel erhebt, ist es auch. Doch auch die Souveränitätsansprüche des eigenen Parlaments in Berlin (und des Verfassungsgerichts in Karlsruhe) stehen einer schnellen Merkel-Lösung der Eurokrise im Wege.
Die Europäische Union, so Jürgen Habermas in seinem grundlos optimistischen Essay zur „Verfassung Europas“, stehe vor der Entscheidung zwischen „transnationaler Demokratie und postdemokratischem Exekutivföderalismus“. In einer geradezu hegelianischen Utopie entwirft der Philosoph das Bild eines einsichtigen europäischen Unionsbürgers, der die „soziokulturelle und landsmannschaftlich-regionale Eigenart“ der jeweils anderen Nationen anerkennt, während ein europäischer Bundesstaat als Garant seiner staatsbürgerlichen Freiheit auftritt. Jener Bürger wäre wohl ein gehorsamer Gesamteuropäer. Das allerdings verlange eine „Transnationalisierung der Wahlen zum Europäischen Parlament mit entsprechend einheitlichem Wahlrecht und eine gewisse Europäisierung des bestehenden Parteiensystems“. In der wirklichen Welt der nationalen Politiken Europas käme das der Selbstentmachtung der Parteien und ihrer Parlamentarier nahe – zugunsten eines neuen Machtzentrums, dessen Legitimation auf der Annahme gründet, dass alle Europäer das Gleiche meinen, wenn sie von Freiheit und Menschenwürde sprechen.
Die gegenwärtigen Kämpfe der „regierenden Potentaten“ (Habermas) um das Schicksal des Wirtschaftsraums Europa verweisen dieses „Zukunftsnarrativ“ in das Reich der Träume. Umso schlechter für die Wirklichkeit? Europa wird noch lange nach seinen Europäern suchen müssen – mit oder ohne Gemeinschaftswährung.









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