Polen, Italiener und Briten bitten die Deutschen um „Führung“. Währenddessen herrschen auf Athens Straßen bürgerkriegsähnliche Zustände, der Ärger auf Deutschland wächst. Diesen Ärger müssen wir ernst nehmen, findet Gunter Hofmann
Um deutsche „Führung“ bitten polnische, italienische, britische Stimmen. Es sind Stimmen, von denen man das nicht geglaubt hätte. Sie rufen geradezu händeringend danach, Berlin möge seine Aufgabe in Europa erkennen und annehmen. Derweil brennen in Athens Innenstadt Wohn- und Geschäftshäuser, Korrespondenten berichten von bürgerkriegsähnlichen Szenen und im Parlament wird ernsthaft vor einem neuen deutschen Nationalismus gewarnt, der in einem über tausend Jahre alten nationalen Minderwertigkeitskomplex gegenüber dem selbstbewussten Griechenland wurzele.
Solche Reminiszenzen muss man nicht auf die Goldwaage legen, deutsche Politiker als „Gauleiter“, die Bundesrepublik als „Viertes Reich“ – das ist nur die bedauerliche Begleitmusik zu einer realen Krise Europas. Ernst nehmen muss man hingegen die Wut auf den Straßen, die sich entlädt, über die eigenen Politiker, aber auch über die harten Fakten des Alltags. Als gäbe es diese Realität nicht, predigen deutsche Spitzenpolitiker täglich – und das wird mit der nächsten europäischen Finanzministerkonferenz am Mittwoch nicht beendet sein - , „jetzt zählen nur noch Taten“, „die Griechen müssen ihre Hausaufgaben machen“, „die Einsicht, dass sich etwas ändern muss, ist noch nicht groß genug“.
Griechenland fallen lassen? Portugal demnächst auch? Weitere 130 Milliarden in das Fass ohne Boden namens Athen? Seit zwei Jahren dreht sich das so im Kreis, man kann es oft nicht mehr hören. Eigentlich ist die Politik ja gescheitert – und weiß jetzt keinen rettenden Ausweg. Und doch möchte ich mich hier mit dieser ermüdenden europäischen Streit- und Preisfrage befassen. Oder genauer, mit dem Missverständnis, das grassiert: Jetzt „führt“ Deutschland endlich wunschgemäß, heißt es hierzulande, und da ist es plötzlich auch wieder nicht recht! Damit aber macht es sich die Berliner Politik leider zu einfach, die Frage nach der Führung schließt unausgesprochen mit ein, dass auch die Richtung stimmen müsse. Und daran herrschen große Zweifel.
Noch die wohlwollendste Kritik kam soeben von Timothy Garton Ash, dem Zeithistoriker aus Oxford. In einer Kolumne für den Spiegel erinnerte er an die berühmte Rede von Thomas Mann aus dem Jahr 1953. Studenten in Hamburg, das sein Stadtgesicht aus den Trümmern erst sehr allmählich zurückgewann, warnte er vor einem „deutschen Europa“ und plädierte für ein „europäisches Deutschland“. Ein solches europäisches Deutschland verkörpere Angela Merkels Berliner Republik, räumte Ash jetzt ein. Nicht perfekt, aber besser denn je. Aber es agiere – scheinbar paradox – in einem deutschen Europa. Deutschland habe „das Sagen“, ohne sich in die Rolle gedrängt zu haben, wie er konzedierte. Der Euro habe es nicht eingebunden und geschwächt, weil die Mark verschwand, sondern Deutschland Vorteile zugespült. Es brauche beim „Führen“ jetzt dringend die Hilfe von Freunden, „allein kriegen sie es nicht hin“.
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