Modell Kanada

Zuwanderer besser als Einheimische

Kanada hat eine der höchsten Einwanderungsraten weltweit. Gleichzeitig schneiden dort Kinder von Zuwanderern besser ab als die von Einheimischen. Nun wird die Immigrationspolitik reformiert

Wenn Sie unter 30, hochqualifiziert und kein Keilschriftforscher sind, willkommen: Kanada hat eine strenge Einwanderungspolitik
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Unser Autor

Gunnar Heinsohn ist Leiter des Raphael-Lemkin-Instituts für vergleichende Völkermordforschung an der Universität Bremen.

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Kanada. Das erste Land der Welt, in dem die einheimischen Kinder von den Sprösslingen der Einwanderer bei den Schulnoten überflügelt wurden (PISA 2006). Das Land erntet damals die Früchte der Reform von 1967, die den Zugang nicht mehr von – überwiegend europäischen – Herkunftsländern, sondern von Ausbildung, Sprachkenntnissen und Arbeitserfahrung abhängig macht. Asiaten werden daraufhin zur dominierenden Neubürgergruppe. Mittlerweile liegen auch unter Kanadas Erwachsenen die Zuwanderer bei den Hochschulabschlüssen deutlich vor den Alteingesessenen. Deshalb wird innerhalb des westlichen Kulturraums Kanada bereits 2011 Spitzenreiter beim Anteil seiner 25 bis 34-Jährigen mit akademischer Qualifikation. Im globalen Vergleich hat es nur noch Süd-Korea und Japan vor sich. Deutschland nimmt den 28. Platz ein (OECD 2012).

Vorbild Kanada?
 

Während Europäer darum streiten, ob man den kanadischen Leistungsweg nachmachen dürfe oder als inhuman verwerfen müsse, ist Ottawa mit dem Erreichten schon unzufrieden. Das bis Dezember 2014 gültige System setzt vorrangig auf generelle Kompetenz, die durch hohe Abschlüsse und Sprachkenntnisse nachgewiesen wird. Man rechnet nämlich damit, dass selbst Orchideenfächler nicht allzu lange als Taxifahrer ihr Geld verdienen und zumindest ihre Kinder nicht als Schulversager enden. Für ein direkt aus Kanada vorliegendes Beschäftigungsangebot dagegen gibt es nur zehn der erforderlichen 67 Punkte (100 sind insgesamt möglich). Damit soll verhindert werden, dass überaus eng Qualifizierte bei Arbeitslosigkeit oder Bankrott ihrer Firma durch die Mitbürger versorgt werden müssen.

Auch in Zukunft können Keilschriftforscher den 67-Punkte-Weg gehen. Für den umgehenden Bedarf der kanadischen Unternehmen aber gibt es seit Januar 2015 zusätzlich eine Überholspur. Es geht um das „Express Entry System“ (EES) für Leute „mit Eignung für die sofortige  Teilnahme am Wirtschaftsleben“. Entsprechend wird das Kontingent für die jährliche Zulassung von Könnern („skilled immigrants“) von 265.000 auf 285.000 angehoben. Auf die bundesdeutsche Bevölkerung umgerechnet wären das mehr als 800.000 fremde Asse pro Jahr (80.000 für Österreich oder die Schweiz).

EES gewährt für ein vorhandenes Arbeitsangebot bis zu 600 von 1200 möglichen Punkten, gewichtet es also fünfmal schwerer als im Standardsystem. Um dennoch Einseitigkeit zu vermeiden, gibt es die neue Kategorie der „skill transferability“. Das suchende Unternehmen darf – sagen wir – einen Techniker mit Aussicht auf einen kanadischen Pass schnellstmöglich hereinholen, solange spezielle Tests seine Umschulbarkeit belegen. Verbale Kenntnisse und formale Abschlüsse verlieren die Hälfte ihrer Gewichtung, weil die Erfahrung zeigt, dass der Erwerb der Landessprache schon folgt, wenn die anderen Bedingungen erfüllt sind.

Chance auf Familiengründung
 

Auch die Jugendlichkeit der Zuwanderer wird neu bewertet. Gibt es im überkommenen Verfahren die maximale Punktzahl für 18 bis 35-Jährige, so ist sie im EES für 20 bis 29-Jährige reserviert. Ausländische Könner sollen also weniger Zeit für anderweitiges Herumsuchen verbummeln und stattdessen die Chance auf Familiengründung erhöhen. Alle EES-Bewerber kommen in eine Gesamtkartei. Die Höchstbewerteten erhalten die Einladung zur Niederlassung in Kanada als Erste.

Die Reform stößt nicht überall auf Begeisterung. Bisher konnte bis zu fünf Prozent der erforderlichen Punktzahl geltend machen, wer bereits einen Verwandten in Kanada hatte. Das habe zum Nachholen von Menschen ohne ausreichende Versorgung und „zum Missbrauch unserer Großzügigkeit“ geführt (so Einwanderungsminister Jason Kenney schon 2012). In Zukunft will Kanada seinen Platz an der Weltspitze mit noch jüngeren Menschen verteidigen, die ihre stärksten Jahre ganz für die neue Heimat einsetzen sollen.

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