Enthauptet, gevierteilt, mit Säure verätzt – die Methoden der mexikanischen Drogenkartelle, um unliebsame Konkurrenten und Verfolgungsbehörden auszuschalten, sind vielfältig. Eine Reportage
Im mexikanischen Bundesstaat Sinaloa kostet es 35 Dollar, jemanden umbringen zu lassen. Das Geschäft boomt. Seit Dezember 2006, als der frisch gewählte Präsident Felipe Calderón beschloss, gegen die mächtigen Drogenkartelle vorzugehen, wütet in weiten Teilen des Landes ein blutiger Drogenkrieg. Rund 50.000 Menschen, die meisten davon Angehörige der Kartelle, sind seither im Krieg zwischen Soldaten und Drogenbanden oder bei Schießereien untereinander ums Leben gekommen.
In Mexiko ist ein Menschenleben noch nie viel wert gewesen. Die Einkommensungleichheit gehört zu den höchsten der Welt, und der Rechtsstaat ist zu schwach, um Verbrechen zu verhindern oder Kriminelle zur Rechenschaft zu ziehen. Doch in den vergangenen fünf Jahren hat die Frage von Leben und Tod eine völlig neue Dimension erreicht.
2006 rollten Angehörige des Drogensyndikats La Familia – dem rund 4.000 Methamphetamin-Dealer im zentralmexikanischen Bundesstaat Michoacán angehören – fünf Köpfe auf die Tanzfläche eines Clubs in der Stadt Uruapan. Ein Jahr danach waren Köpfungen in ganz Mexiko an der Tagesordnung; einige der Killer veröffentlichten sogar Videos ihrer Morde auf dem Internetportal YouTube. 2008 waren es Schießereien am helllichten Tag, die die Nachrichten beherrschten, immer dann, wenn rivalisierende Banden ihre Revierkriege in Städten wie Culiacán, Ciudad Juárez oder Nuevo Laredo austrugen. Von Straßenüberführungen baumelten Hunderte Leichen, oft verstümmelt, manchmal nackt, meist mit einer Warnung an die Rivalen oder die Behörden versehen.
2009 gestand Santiago Meza López, den sie „El Pozolero“, den „Suppenkoch“ nannten, für ein Drogenkartell mehr als 300 Leichen in Natronlauge aufgelöst zu haben. Ein beispielloser Exzess der Gewalt, so schien es. Doch noch im selben Jahr wurden auch 300 Enthauptete gezählt. In einem Fall wurden die Leichen zweier Männer über dem nordmexikanischen Bundesstaat Sonora einfach aus einem kleinen Flugzeug geworfen. Ende 2009 fand man dann den Körper eines 36-Jährigen in Sinaloa. Er war in sieben Teile zerlegt, sein Gesicht vorsichtig abgetrennt worden. Man fand es später, auf einen Fußball genäht, zusammen mit einer Nachricht: „Frohes neues Jahr. Es wird dein letztes sein.“ Nach dieser barbarischen Tat entdeckte man in ganz Mexiko Dutzende Massengräber. In einigen von ihnen lagen Hunderte Leichen. „Ni Nombres“ heißen diese Toten, „die Namenlosen“.
Die Bewohner von Städten wie Culiacán, Ciudad Juárez, Nuevo Laredo und Acapulco sind stets wachsam. Sie überlegen es sich zweimal, ob sie hupen, wenn sie im dichten Verkehr hinter einem Auto ohne Nummernschild feststecken – es könnte ein Narco sein, der sie abknallt, bloß weil sie ihn geärgert haben. Und wenn sie an einen Kontrollpunkt des Militärs kommen, müssen sie blitzschnell entscheiden, ob er echt ist oder ob Drogenhändler ihre eigene Blockade errichtet haben, um die Fahrer zu entführen oder zu erpressen. Wenn jemand es wagt, ein Verbrechen zu melden, muss er vorsichtig sein: Die Telefonverbindung, die er für seinen anonymen Hinweis nutzt, könnte an die Killer der Kartelle weitergegeben werden, die Sicarios. Für Tausende Mexikaner, die zwischen die Fronten der immer brutaler agierenden Drogengangs geraten, ist das Leben zu einem gefährlichen Glücksspiel geworden.
Seite 2: Das Ehepaar traf sich im Leichenschauhaus wieder








