Seit Jahren wird Israel von Gaza aus mit Raketen beschossen. Wie lebt es sich in permanenter Angst? Ulrich W. Sahm über die Befindlichkeit des kleinen Landes in Nahost
„Wir wollen keinen Waffenstillstand“, skandierten hundert demonstrierende Israelis in Beer Schewa. „Wir wollen, dass die Hamas eliminiert wird.“ Sie schwenkten Flaggen und forderten die Regierung auf, durchzugreifen. Allein am Dienstag sind zwanzig Raketen auf die größte israelische Stadt im Süden des Landes abgefeuert worden, wobei ein Haus einen Direkttreffer erhielt, ein Bus und Fahrzeuge beschädigt worden sind.
„Wir sind nicht bereit, weiter so zu leben“, sagte Tomer Vaknin, der die Demo organisiert hatte. Alle anderen Bürger der Stadt saßen zuhause, nahe Treppenhäusern oder in ihren Luftschutzkellen. Sobald die Sirenen heulen, haben sie nur wenige Sekunden Zeit, sich in Sicherheit zu bringen. Und dieser Zustand dauert für eine Millionen Israelis im Umkreis von 40 Kilometern rund um den Gazastreifen seit vielen Monaten an. Kinder gehen nicht mehr regelmäßig zur Schule. Man bleibt der Arbeit fern. Die Ben Gurion Universität wurde geschlossen.
Sderot, Aschkelon, Kibbuz Nachal Oz und Netivot leben seit zwölf Jahren mit regelmäßigem Trommelfeuer von über 12.000 Raketen. Die Kassemraketen mit nur 14 Kilometern Reichweite sind tatsächlich fliegende Ofenrohre mit angeschweißten Flügelchen und Stahlkugeln in den Sprengköpfen, um die tödliche Wirkung zu erhöhen.
In Israel hat man sich an den Beschuss der ärmlichen Kleinstädte im Süden „gewöhnt“. Verbittert sagte der ehemalige Bürgermeister von Sderot, Eli Moyal: „Die Regierung und das Land werden erst aufwachen, wenn sie ins Herz getroffen werden und auch das fröhlich-unbesorgt rund um die Uhr feiernde Tel Aviv mit Raketen eingedeckt wird.“ Stolz kündigte in der vergangenen Woche der „Islamische Dschihad“ den Israelis „Überraschungen“ an, und verwirklichte sie.
„Eine Rakete ist in Zur Bacher gelandet“, meldete ein Freund telefonisch, während ich im verspäteten Zug der Deutschen Bahn auf dem Weg zu einem weiteren Vortrag zwischen Kempten, Halle, Saarbücken und Chemnitz saß. Ich rief meine Tochter Elinor an. Sie möge von unserer Terrasse aus schauen, ob ein Haus in Zur Bacher auf dem Hügel gegenüber fehle. Später stellt sich heraus, dass eine aus Iran an die Hamas gelieferte Fajr-5 Raketen mit einer Reichweite von über 70 Kilometern südlich von Bethlehem eingeschlagen ist.
Gleichzeitig hatten auch in Tel Aviv die Sirenen geheult. Raketen schlugen ein, etwa im obersten Stockwerk eines Wohnhauses in Rischon Lezion bei Tel Aviv. Die kreischenden markerschütternden Luftschutzsirenen wirken lähmend. Man fühlt sich schrecklich hilflos, denn man weiß nie, woher Gefahr kommt und denkt: Dieses können deine letzten Lebenssekunden sein. In Sderot, in Sichtweite des Gazastreifens, ist dank einer Spende pro-israelischer Christen jede Bushaltestelle mit einem vorfabrizierten Betonbunker versehen worden. In Kindergärten können sich die Kinder bei Alarm in Abwasserröhren aus Stahlbeton verkriechen.
In westlichen Medien heißt es, Israel habe die „Gewaltspirale“ durch die gezielte Tötung des Hamas Militärchefs, Planers von zahlreichen Anschlägen und Entführers des Soldaten Gilad Schalit, Ahmad Dschabari, ausgelöst. Doch dieses Narrativ ignoriert den monatelangen Raketenbeschuss.













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