Mit dem 20. Jahrhundert endete auch die unangefochtene Vormachtstellung der Vereinigten Staaten. Im neuen Jahrhundert wird es eine deutliche Machtverschiebung Richtung China und Indien geben. Joseph Nye, Dambisa Moyo und Kishore Mahbubani streiten über die Konturen einer neuen Weltordnung
Sie scheinen sich weitgehend einig, dass sich in der
Welt gerade eine massive Machtverschiebung vollzieht und die USA
nicht mehr der bestimmende Akteur sind. Frau Moyo, was bedeutet das
für die anderen?
Wenn Ihre Frage darauf abzielt, ob es für andere Länder und
Regionen besser ist, eine größere Rolle in der Weltpolitik und in
wirtschaftlichen und sozialen Prozessen zu spielen, dann lautet die
Antwort ganz kurz: Ja. Seit Jahrzehnten klopft jeder, der Geld für
Entwicklungsprogramme benötigt, bei den USA und den europäischen
Ländern an. Der Westen gibt vor, wie in den jeweiligen Ländern eine
Wirtschafts- und Sozialpolitik aussehen sollte. Oft hat das
funktioniert, aber in vielen Ländern – zum Beispiel in meiner
Heimat, in Afrika – ist dieser Ansatz gescheitert.
Demografischen Hochrechnungen zufolge werden in den nächsten 30,
40 Jahren neun Milliarden Menschen auf der Erde leben, und wir
sind darauf ungenügend vorbereitet. China und viele andere
Ballungsräume sind Energiefresser. Wir sind dafür nicht gerüstet,
und wenn wir nicht in schwere Konflikte geraten wollen, muss etwas
geschehen. Der Westen wird Zugeständnisse machen müssen.
Herr Mahbubani, Sie scheinen eine Angleichung zwischen
Ost und West zu begrüßen. Erleben wir gerade eine solche
Angleichung?
Ich glaube, den USA geht es weiterhin gut, und die Welt hat ein
Interesse daran, dass es ihnen gut geht. Doch die konkurrenzlose
Vorherrschaft, die die USA und der Westen in den vergangenen
200 Jahren erlebt haben, war aus historischer Perspektive ein
außerordentlich künstlicher Moment. Während 1800 der vergangenen
2000 Jahre waren die zwei größten Wirtschaftsmächte durchweg
China und Indien. Und im Jahr 2050 wird die wirtschaftliche
Nummer eins wieder China sein, die Nummer zwei Indien, die USA
werden an dritter Stelle stehen. Das ist die normale Ordnung. Im
Großen und Ganzen ist das großartig, denn erstens werden Milliarden
Menschen aus der Armut befreit, und zweitens gibt es gewissermaßen
eine Rückkehr zum Normalzustand. Wenn man wie China und Indien in
den vergangenen zwei Jahrhunderten im Vergleich mit der restlichen
Welt ständig unterdurchschnittlich abschneidet, verliert man sein
Selbstvertrauen. Deshalb konnten 100000 Briten mühelos über
300 Millionen Inder herrschen. Die Renaissance der asiatischen
Kultur wird die größte und prägendste Entwicklung des
21.Jahrhunderts sein, und ich glaube, die neue Weltordnung wird
aufregend und besser für uns alle sein.
Joseph Nye: Es wird in diesem Jahrhundert zwei große Machtverschiebungen geben. Eine vollzieht sich von West nach Ost, da gebe ich Kishore recht. Vor der industriellen Revolution lebte mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Asien, mehr als die Hälfte der weltweiten Wirtschaftsleistung war asiatisch. Mitte des 21.Jahrhunderts wird Asien also zu „normalen Verhältnissen“ zurückkehren.
Die zweite Machtverschiebung ist anderer Art, und wir haben uns bisher noch nicht genügend mit ihr befasst. Mit der Informationsrevolution verschiebt sich die Macht von den Regierungen zu nichtstaatlichen Akteuren. Wenn ich mir diese neue Machtverteilung vorstelle, fällt mir ein dreidimensionales Schachbrett ein: Das oberste Brett steht für militärische Macht. In dieser Hinsicht sind die Amerikaner die einzige globale Supermacht, und so wird es wohl in den nächsten Jahrzehnten bleiben. Sieht man sich das zweite Schachbrett an, das für die Wirtschaftsmacht von Staaten steht, dann ist die Welt multipolar. Auf dem untersten Schachbrett – das die transnationalen Beziehungen darstellt, also alles, was sich der Kontrolle von Staaten entzieht – ist die Macht chaotisch verteilt, eher im Stil einer Machtdiffusion.
Da gäbe es die internationalen Finanzströme, die größer sind als die Budgets der meisten Staaten. Da hätten wir nicht nur Terroristen, sondern auch Cyberterroristen, die sich nicht mehr physisch über Grenzen hinweg bewegen, sondern nur ein paar Daten schicken müssen, die man nicht zurückverfolgen kann. Da gäbe es den Klimawandel. Pandemien. In all diesen Bereichen spielen Osten und Westen keine Rolle. Solange der Osten, der Westen und auch der Süden nicht zusammenarbeiten, kann man diesen Herausforderungen nicht begegnen. Man muss Soft Power, aber auch harte, militärische Macht einsetzen, um die notwendigen Netzwerke und Institutionen zu schaffen. Und wenn Sie mich fragen, welches Land in der besten Position ist, dies zu tun: Es sind weiterhin die USA. Amerika ist immer noch die mächtigste Nation, aber es handelt sich um eine andere Art von Macht.











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