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Chinas KommunistenDie Partei hat immer Recht

Von Oliver Lutz Radtke26. Juli 2012
picture alliance
China,Parteitag,Kommunistische Partei,Kommunisten
Durchchoreographierte Eintracht – der Parteitag der Kommunistischen Partei Chinas
Schrift:

Die jüngsten Skandale um hochrangige chinesische Politiker werfen ein neues Licht auf die Verknüpfungen von Partei und Staat. Wie funktioniert eigentlich das politische System der Volksrepublik China? Und welche Rolle spielt der Parteikongress im Herbst?

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Die Flucht des Chongqinger Polizeichefs Wang Lijun ins amerikanische Konsulat von Chengdu, die Absetzung des Chongqinger Parteisekretärs und Polit-Shooting-Stars Bo Xilai, die Anklage wegen Mordes gegen dessen Frau Gu Kailai – drei Ereignisse dieses Frühlings, die Chinas politisches Establishment erschüttert haben wie kaum ein anderer Vorfall seit den blutig niedergeschlagenen Studentenprotesten am Tiananmen-Platz im Juni 1989.

Die Brisanz liegt weniger in den einzelnen Verbrechen, sie liegt im Imageschaden für eine Partei, die auch 60 Jahre nach der Machtübernahme den alleinigen Führungsanspruch für sich erhebt. Die Kommunistische Partei Chinas fürchtet nichts mehr als offen zur Schau getragenen Dissens. Die für diesen Herbst sorgfältig geplante Machtübergabe an die „Fünfte Generation“ wird nun, wenn überhaupt, nur nach harten hektischen Wochen innerparteilicher Auseinandersetzungen ordentlich über die Bühne gehen können. Der Rauswurf Bos aus dem Politbüro besiegelte nicht nur das Ende seiner politischen Karriere, er erlaubte zudem für einen Moment einen Blick hinter den Vorhang auf einen intensiv ausgetragenen Flügelkampf innerhalb der Partei.

Bildergalerie: Der Hochmut der Despoten

Gerüchte wechseln zurzeit täglich. Mal ist von einer Verschiebung des Parteitags um mehrere Wochen die Rede, mal heißt es, Premierminister Wen Jiabao habe bereits seinen Rücktritt angeboten. Bestätigt ist davon nichts. Die Flügelkämpfe zwischen den Reformern um Premier Wen Jiabao und nationalistischen Linken um Bo haben ein altes und heute umso drängenderes Problem offensichtlich werden lassen: das zunehmende Ungleichgewicht zwischen wirtschaftlicher Entwicklung und politischer Reform.

Offiziell ist die Volksrepublik China kein Ein-Parteien-Staat. Tatsächlich gibt es acht weitere Parteien, darunter die Zhi- Gong-Partei Chinas, deren Vorsitzender Wan Gang, der derzeitige Minister für Wissenschaft und Technik, der erste Nicht- KP-Minister seit den 50er Jahren ist. Unter der Führung der Kommunistischen Partei Chinas sind diese acht Parteien (neben der Zhi-Gong-Partei Chinas das Revolutionskomitee der Kuomintang Chinas, die Chinesische Demokratische Liga, die Chinesische Gesellschaft für den Demokratischen Nationalen Aufbau, die Chinesische Gesellschaft für die Förderung der Demokratie, die Chinesische Demokratische Partei der Bauern und Arbeiter, die Gesellschaft des 3. September und die Demokratische Selbstbestimmungsliga Taiwans) zu einer Einheitsfront zusammengefasst, ähnlich der Nationalen Front in der ehemaligen DDR. De facto hat aber nur die Kommunistische Partei politischen Einfluss.

Die wichtigsten Institutionen der Partei sind das Zentralkomitee, das Politbüro und der Ständige Ausschuss des Politbüros. Das Zentralkomitee mit rund 200 Mitgliedern tritt ein bis zwei Mal pro Jahr zu einer Sitzung zusammen und besteht aus den Entscheidungsträgern aus Partei, Staat und Armee. Das Politbüro der Kommunistischen Partei hat zurzeit 24 Mitglieder, ein Drittel davon ehemalige oder amtierende Provinzparteisekretäre. Die Volksbefreiungsarmee ist durch zwei Generäle vertreten. Der Ständige Ausschuss des Politbüros mit heute neun Mitgliedern ist das Herzstück der Macht und setzt sich aus den wichtigsten, in Peking wohnenden Parteiführern zusammen. An der Spitze des Ständigen Ausschusses steht der Generalsekretär der Kommunistischen Partei, seit 2002 Hu Jintao.

Die Arbeit der nationalen Regierung wird vom Ministerpräsidenten des Staatsrats geleitet, aktuell Wen Jiabao, im Volksmund „Onkel Wen“ genannt. Die Kandidaten für Ministerposten werden in geheimen Sitzungen von der Führungsspitze der Partei benannt, der Nationale Volkskongress stimmt der Ernennung lediglich zu. Die Entscheidungen werden in geheimen Sitzungen im Diaoyutai State Guesthouse, der ehemaligen Residenz von Maos Frau Jiang Qing im Nordwesten Pekings getroffen.

Die Verknüpfung von Partei und Staat ist eng. Die Macht des 1,3-Milliarden-Volkes konzentriert sich in den Händen weniger, und das Fehlen einer Gewaltenteilung zeigt sich daran, dass zu den Mitgliedern des Ständigen Ausschusses des Politbüros neben dem Generalsekretär der Partei jeweils auch der Staatspräsident, der Regierungschef und der Parlamentspräsident gehören. Hu Jintao vereinigt die höchsten Ämter in Staat, Partei und Armee auf sich: Er ist der Generalsekretär der Kommunistischen Partei Chinas, der Staatspräsident der Volksrepublik China und der Vorsitzende der Zentralen Militärkommission. Angesichts dessen ist eine geordnete Übergabe der Macht an den designierten Nachfolger Xi Jinping von höchstem Interesse für Staat und Partei. Wie im Falle der Amtsübergabe von Jiang Zemin an Hu wird auch der amtierende Generalsekretär seine Macht schrittweise abgeben, zunächst als Generalsekretär der Kommunistischen Partei, dann als Staatspräsident und zum Schluss als Vorsitzender der Zentralen Militärkommission.

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China als Trauma

Der von der Finanzoligarchie beherrschte Westen mit seiner Version von Demokratie hat ein Trauma. Und dieses Trauma heißt China. Während es, insbesondere nach 1945, relativ einfach war, die Sowjetunion als Modell einer alternativen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung ökonomisch und politisch zu besiegen, ist das mit China ganz anders. China ist der Brocken, der den Hohepriestern der westlichen Demokratie unverdaulich im Magen liegt. China ist groß. China ist Mitglied des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen. China hat die meisten Menschen. China ist Kernwaffenmacht . China ist zivile Atommacht, hat riesige Steinkohlenvorräte, verfügt über marktbeherrschende Mengen an Seltenen Erden und ist weltweit größter Hersteller von Sonnenkollektoren und Windkrafträdern. China ist mittlerweile die Werkstatt der Welt. Chinesen beginnen, den erdnahen Raum zu bevölkern. China baut Eisenbahnstrecken nach Tibet mit einer Technologie, die sich die Betreiber der Berliner S-Bahn mal anschauen sollten. China hat in Afrika nachhaltig Fuß gefasst, mit einer Entwicklungshilfe, die wesentlich effektiver ist als alles, was der Westen dort jemals auf die Füße gestellt hat. China besitzt außenpolitische Weisheit, die es ihm ermöglichte, aus dem Abenteuer des Koreakrieges die Lehre zu ziehen, sich nicht wieder in Stellvertreterkriege einzulassen und zu verhindern, dass anderswo in der Welt solche geführt werden. Bis hierher wäre das für den Westen alles noch verdaubar. Aber der chinesische Mensch! Hunderttausende chinesische Studenten, Doktoranden und post-docs schwärmen hinaus in die Welt und gehen, wenn sie ihre Ausbildung beendet haben, wieder zurück in die Heimat. Chinesen besuchen in Massen als Touristen die Sehenswürdigkeiten Asiens, Afrikas, Europas und Amerikas. Keiner bittet im Westen um Asyl. Keiner fordert besondere Kultstellen, besonderes Essen und fällt durch ausgefallene Kleidung auf. Alle gehen freiwillig und als stolze Bürger Chinas wieder nach Hause. Das allein ist schon für diejenige, die uns China in den schwäzesten Farben ausmalen, nicht erklärbar. Nun ist es kein Geheimnis, dass der gemeine Westler, der deutsche insbesondere, unfähig ist, über seinen Tellerrand zu blicken. Sonst wäre ihm nämlich mal die Idee gekommen, ob das chinesische Staats- und Gesellschaftsmodell, das immerhin bei einer Bevölkerung von 1,2 Milliarden (!!) funktioniert, vielleicht eine echte Alternative zu dem ist, was uns seit unserer Geburt als alternativlos und absolut endgültig eingeredet wird.

  • Antworten
Max Hoffmann29.07.2012 | 15:01 Uhr

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